Holzpenis am Hörnle
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Geheimnisvoll: Niemandem in Bad Kohlgrub ist bekannt, wer der Künstler dieses Holzphallus’ am Hörnle ist.

Auf Spurensuche

Der Holzpenis vom Hörnle: Ein Ort rätselt

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Jetzt hat auch Bad Kohlgrub einen Phallus aus Holz. 42 Zentimeter lang, wenig ästhetisch, geschnitzt in 1450 Metern Höhe. Wer dahinter steckt? Weiß keiner.

Bad Kohlgrub – Deutschlands bekanntester Holzpenis steht auf dem Grünten, im Allgäu. Er ist zwei Meter groß, hat eine eigene Ortsmarke im Google-Kartensystem samt Bewertung (ausnahmslos fünf Sterne) und den Status „Kulturdenkmal“. Man hat ihn abgesägt, geklaut und dann wieder neu aufgestellt. Alles in einer Woche. Und weil es zu dieser Zeit, Anfang Dezember, ja sonst nichts zu berichten gab, außer einer Pandemie natürlich, wusste dann bald ganz Deutschland vom Allgäuer Holzpenis, nachdem ihn die WELT, der Bayerische Rundfunk und auch der Spiegel herumgezeigt haben. Der Markt für Holzpenisse ist doch sehr überschaubar im Land. Auf Ebay, dem Online-Flohmarkt, findet man einen für 9,99 Euro, der auch als Flaschenöffner zu gebrauchen ist.

Die Penis-Skulptur auf dem Grünten im Allgäu wurde zersägt und wieder zusammengesetzt. 

Jetzt bekommt das Allgäuer Stück Konkurrenz aus Bad Kohlgrub. Am Hörnle ist ein weiterer Holzphallus aufgetaucht, der sich jedoch besser nicht auf einen Vergleich einlassen sollte. Er misst dann doch nur 42 Zentimeter in, sagen wir, am besten halb-erigierter Position. Man hat ihn weit weniger liebevoll gestaltet, sich einfach am Ast eines Baustammes verlustiert. Vielleicht fehlte ein Vorbild in dieser Größe, vielleicht musste es schnell gehen, das liegt nahe. Wer weiß das alles schon. Vom Zipfel zum Gipfel am Hinteren Hörnle sind es nur 20 Minuten. Wer dort oben durch den Friedhof der Bäume (kann man schon schreiben bei so vielen Stumpfen) marschiert, sieht die Wanderer und ihre Schlitten am Gipfel. Dagegen hat den Holzpenis vom Hörnle bisher noch kaum einer gesehen, geschweige denn seinen Schöpfer.

Bürgermeister hört sich um

Anruf bei Franz Degele, Bürgermeister von Bad Kohlgrub. Wenn einer davon wissen muss, dann doch er, der im Ort eh jeden kennt. Als er ein Bild sieht, reagiert er wie alle andern, die zum ersten Mal auf den Penis blicken. Er lacht. Solch ein Stück sieht man tatsächlich selten. Weltweit haben nur etwa 5000 Männer ein Glied mit über 30 Zentimetern Länge. Rekordhalter ist Roberto Esquivel Cabrera, Mexikaner, mit über 48 Zentimetern. Nochmals sechs mehr als der Bad Kohlgruber. Degele sagt, er könne sich gerne einmal umhören. Eine Woche später weiß er wenigstens, wo das gute Stück vor sich hin steht. Im Bereich, in dem die Naturschutzbehörde vor fünf, sechs Jahren Wald und Weide getrennt hat. Am besten zu erreichen von Grafenaschau aus, keine Stunde für die, die schnell kraxeln. Doch Degele rätselt weiterhin, wer sich denn den Aufwand dort oben gemacht hat. „Vielleicht hat sich irgendwer verwirklicht“, witzelt er.

Kohlgruber Größenwahn am Hausberg sozusagen. Das wird aber kaum herauszufinden sein, weil man nicht einfach alle Kohlgruber im Rathaus antreten lassen und sie bitten kann, ihre Hosen zu öffnen. Das wäre dann wirklich eine Geschichte für WELT, Spiegel und ganz sicher die BILD.

Das war ich nicht. So was mach’ ich doch nicht.

Hans-Joachim Seitfudem

Nächster Versuch, bei Feinkost Frank. Durch keine Tür im Dorf dürften derzeit mehr Kohlgruber ein und aus gehen. Der Chef sortiert gerade Obst, als er den hölzernen Hörnle-Phallus am Handybildschirm begutachtet. Lachen, Augenbrauen hoch, Maske zurecht gerückt. „Ich glaub, ich werd’ verrückt.“ Einer, der zufällig daneben steht und Kisten aus einem Transporter räumt, meint, er sei ja wirklich oft am Hörnle oben, aber dieser Jux sei ihm auch noch nicht untergekommen. Wer’s war? „Irgendwelche Burschen halt“, schätzt er. Weiter zu Friedl Kronacker, einem der Hörnle-Jünger, der wahrscheinlich schon tausende Male oben stand und auch „viele verschlungene Wege“ betritt, die dann nicht einmal Google kennt, wie seine Frau Barbara erklärt. An diesem Tag ist er auf Skitour, ausnahmsweise am Kolben. Aber von einem Holzpenis habe der Mann noch nichts erzählt, obwohl er doch wirklich öfters am Hinteren Hörnle umeinander steigt. „Es sind ja so viele unterwegs, Einheimische und Touristen“, sagt Barbara Kronacker. Also doch ein stiller Nachahmer vom Grünten-Phallus? Der Kohlgruber Wutzi nur ein Plagiat im Mini-Format?

Letzte Chance. Ab zu Hans-Joachim Seitfudem, dem Schnitzer im Ort. Vor der Werkstatt starrt ein Pferdekopf die Gäste an, dahinter ein Stier mit Hörnern, mit denen man lieber nicht näher Bekanntschaft macht. Aber man ahnt schon: Die Ästhetik in Seitfudems Werken geht diesem Penis in etwa 1450 Metern Höhe ab. Später am Telefon sagt der Schnitzer. „Das war ich nicht. So was mach’ ich doch nicht.“ Auch nicht sein Sohn, der zwar schon außergewöhnliche Dinge gefertigt und sie in Kopenhagen oder Amsterdam ausgestellt hat, aber eben keinen Phallus. Hat sich auch noch nie einer gewünscht. Das hätte sich Seitfudem gemerkt. Er schnitzt gerade an einem Heiligen Michael, der auch aufs Hörnle, auf den Zeitberg, soll. „Ganz groß“, sagt er. 2,50 Meter in der Höhe. Der würde dann selbst den Grüntner Phallus überragen – und ein veritables Wahrzeichen abgeben. Solch ruhmreiche Zukunft dürfte den Holzpenis auf der anderen Seite kaum erwarten. Dafür ist der Arme einfach zu klein.

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