Leuchtende Augen hat Anni Endres noch immer. Die Bad Kohlgruberin feierte kürzlich ihren 100. Geburtstag.
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Leuchtende Augen hat Anni Endres noch immer. Die Bad Kohlgruberin feierte kürzlich ihren 100. Geburtstag.

Sie überlebte einen Weltkrieg, eine Lawine und fast jeden ihres Jahrgangs 1921

Anni Endres aus Bad Kohlgrub: Die 100-Jährige mit dem Helfersyndrom

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Anni Endres ist 100 Jahre alt geworden. Die Bad Kohlgruberin könnte über jedes ihrer Lebenskapitel ein Buch schreiben. Sie versorgte verwundete Soldaten im Weltkrieg, war eine begnadete Skifahrerin und bis heute ist sie die einzige Frau im Veteranenverein. Nachwievor erfreut sie sich bester Gesundheit.

Bad Kohlgrub – 100 Jahre, 100 Geburtstagsfeste. Auch solche, die man lieber nicht mitgemacht hätte. Anni Endres, die sich sowieso an alles erinnern kann, erzählt etwa vom 21. Geburtstag, den sie in der Ukraine, nun ja, erlebt hat. Feiern kann man das wohl kaum nennen. Ihre Kolleginnen im Lazarett, die anderen Krankenschwestern, backten einen Kuchen. Zufällig war General Bräuer, Chef der Fallschirmtruppe, eingeflogen und gratulierte. Das war schon das größte Ereignis des Ehrentages. Ein Päckchen kam auch noch an mit einer Ausgabe der Hitler-Hetzschrift „Mein Kampf“ und besten Glückwünschen der Partei zur Übernahme in die NSDAP. Für viele leider ganz normaler Alltag im Zweiten Weltkrieg anno 1942.

Jetzt hat Anni Endres ihren Hunderter gefeiert – mit weiß Gott angenehmeren Grüßen und geladenen Gästen. Bundes- und Ministerpräsident haben ihre besten Segenswünsche übermittelt. Franz Degele, der Bürgermeister Bad Kohlgrubs, saß zwei Stunden bei ihr. Es gab viel zu erzählen. Den Franz kennt sie ja noch als kleinen Buben. Wie auch Michael Rapp, den Altbürgermeister aus Murnau, zu dem sie nur Michi sagt. Seine Frau, die Evi, war früher oft im Wohnzimmer gesessen. Wenn die Jungen im Ort nicht wussten, wo sie abends hinsollten, hieß es immer: Ach, beim Endres gibt’s immer Kaffee und Nudeln.

Schon als kleinen Bub hat Anni Endres Bürgermeister Franz Degele gekannt. Er hat ihr feierlich zum 100. Geburtstag gratuliert.  

Wer heute bei der gelernten Schneiderin in Kohlgrub vorbeischaut, kriegt Schokolade. Ihre Augen können zwar nicht mehr sehen, aber sie strahlen dafür umso heller, wenn Anni Endres von ihrer Speise-Trias erzählt: Obst, Gemüse, Schokolade – die Anleitung für ein langes Leben. Wobei das natürlich eine schreckliche Untertreibung ist. Anni Endres hat eine Lawine, einen Weltkrieg und so ziemlich jeden ihres Jahrgangs 1921 überlebt. Das macht man nicht nur mit Schokolade. Sie hat in diesem Jahrhundert das Leben von zwei oder drei Menschen gelebt, könnte man sagen. Oder wie es ihre Tochter Ulrike so schön ausdrückt: „Wenn man Dir zuhört, meint man, du wirst 220.“ Sie sei schon „a bissl a Faktotum“, ganz ähnlich wie ihr Großvater mütterlicherseits, der bei allen Vereinen Mitglied war, auf die er stieß. So ist’s auch bei Anni Endres und Bad Kohlgrub, wo sie seit 1956 wohnt. Sie ist bei den Veteranen (als einzige Frau), bei der Musik, beim Frauenbund, beim Skiclub sowieso und seit 83 Jahren beim Roten Kreuz – im ganzen Land hat keine länger aktiv geholfen. Von ihrer BRK-Mannschaft aus dem Ort hat sie zum Hunderter ein Bild bekommen, das nun im Wohnzimmer steht.

Im Grunde ließe sich über jedes Kapitel ihres Lebens ein eigenes Buch schreiben. Das ist nicht übertrieben. Die Frau memoriert Zahlen, Namen, Orte, als verfüge sie über eine interne Festplatte mit grenzenlosem Speicherplatz. Sie kann von Rohrmoos erzählen, einem Weiler von Oberstdorf, wo sie geboren wurde. Von ihrem Vater, dem Förster, der sie zu den Wildtierfütterungen mitgenommen hat. Von ihrer Karriere als Skifahrerin, die unvorhersehbar war, wo doch beide Eltern nicht Skifahren konnten. Mit den Urkunden, locker 100, hat sie heute den Hausgang tapeziert. Fast immer erster Platz. Hätte es damals schon den Weltcup und keinen Krieg gegeben, Anni Endres wäre eine der Kandidatinnen für Deutschland gewesen. So gut war sie, das Kind der Berge, das auch mal mit gebrochenen Rippen einen Wettkampf fuhr.

Natürlich will man wissen, wie sie das alles hinter sich gelassen und gemeistert hat, den Krieg, die Verwundeten, das Leid, den frühen Tod ihres Mannes – ein Arbeitsunfall. „Ich glaube, das war mein Helfersyndrom“, scherzt sie. Dieses Thema schlängelt sich durch ihr ganzes Leben. Im Landdienst und Arbeitsdienst, damals staatliche Beschäftigungsprogramme, unterstützte sie Landwirte, einmal einen mit 14 Kindern und offener Feuerstelle im Haus. Im Weltkrieg versorgte sie tausende Verwundete. In den 1960er Jahren übernahm sie die BRK-Bereitschaft im Ort. Vor der Pandemie fuhr sie mit ihrer Tochter Adelheid einmal die Woche zum Strickkreis nach Apfeldorf und gab Tipps. Vielleicht macht sie das bald wieder. Von Corona hat sie eigentlich nicht viel mitbekommen. Zweimal musste sie für einen Pieks nach Garmisch-Partenkirchen. Alles andere hat sie aus der Zeitung erfahren. Ihre Tochter Adelheid, mit der sie zusammen wohnt, liest ihr jeden Tag vor, was auf der Welt heute wieder los ist. „Sie weiß alles, auch politisch“, sagt Ulrike Endres, eines von vier Kindern (Adelheid, Ulrike, Rainer und Hubert). Zudem hat Anni Endres zehn Enkel und zehn Urenkel.

Bei schönem Wetter wandert sie im Garten. Mit 95 stieg sie noch vom Gipfel des Hörnles bis zur Bergwachthütte hinunter. Mei, was haben die Leute da gestaunt. Aber für irgendwas muss der ganze Sport ja gut gewesen sein. Was sie sonst noch macht? Natürlich stricken. Zwar blind, aber was macht das schon aus. „Je weniger ich seh’, desto besser werden die Finger“, sagt Anni Endres. Es muss nur alles an der richtigen Stelle liegen. Den Rest erledigt der Kopf. Ihre Dirndl hat sie selbst geschneidert. Nie wollte sie etwas anderes tragen als Skihose oder Tracht. Gerade hat sich ihre Tochter eine weiche Wolldecke gewünscht. Wird zwei, drei Monate dauern, bis die fertig ist. Danach kommt der nächste Auftrage für Anni Endres. Es geht weiter – immer weiter.

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