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Mister Vollgas: Samir Yacoob (l.) zeigt Martin Bierling in der Probe, wie er eine Szene haben will. 

Schauspiel unter’m Hörnle

Samir Yacoob: Zu 100 Prozent theaterverrückt

Der Iraker war in seiner Heimat  Theaterregisseur. Sein Beruf wurde in Deutschland zum Hobby. Die Leidenschaft ist aber geblieben. Derzeit studiert er in Bad Kohlgrub „Ein Dorf steht Kopf“ ein.

Bad Kohlgrub – Es gibt Regisseure, die sitzen unten im Saal, am Regiepult mit Textheft vor sich, schauen sich an, was die Schauspieler oben auf der Bühne so treiben und lassen sich „mal was anbieten“. Ganz anders Samir Yacoob: Er steht mitten in der Szene; das Textbuch braucht er nicht, weil er ohnehin alles im Kopf hat. Auch klare Vorstellungen davon, wie die Aktion und Interaktion ablaufen soll. Statt dann umständlich zu erläutern, was man wie anders machen könnte, macht er’s einfach vor. Und wie er das macht: Sein Spiel hat unglaubliche Leichtigkeit und Eleganz und bringt sofort auf den Punkt, worum es geht. Mit dem vor zwei Jahren begründeten Bad Kohlgruber „Schauspiel unter’m Hörnle“ arbeitet er nun nach Molières „Arzt wider Willen“ am zweiten Stück.

In seiner Heimat Irak war Yacoob hauptberuflich Theaterregisseur; aus politischen Gründen musste er das Land verlassen und lebt seit 2002 mit seiner Familie in Murnau. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit mehreren Tätigkeiten – unter anderem als Übersetzer. Doch zum Glück hat der theaterbegeisterte und -erfahrene Mensch gleich drei Gruppen gefunden, mit denen er seine Leidenschaft ausleben kann. Das ist ein Glück für ihn, aber auch für die Laienspieler in München, Murnau und Kohlgrub.

Für letztere hat der Regisseur nicht im üblichen Fundus der bayerischen Komödien, sondern in der Weltliteratur gesucht. „Die Leute hier haben eine ganz besondere Art zu spielen. Die wollte ich erhalten, aber noch ein bisschen besser machen“, erläutert er seinen Ansatz. Es soll schon „eine Art Volkstheater“ sein, aber auf eine andere als die übliche Weise. Dazu hat Yacoob Nikolaj Gogols Komödie „Der Revisor“ in deutscher Textfassung an die Mitspielenden verteilt, die sich ihren Part jeweils in ihre Mundart übertrugen.

Ein genialer Schachzug: Zum einen ist die sprachliche Authentizität gewährleistet, denn die Komödie „Ein Dorf steht Kopf“ soll ja tatsächlich in dem Ammertaldorf spielen. Zum anderen konnte so jeder Akteur eine besonders Beziehung zu seinem Text entwickeln.

Im August wurden die Bücherl verteilt, im September begannen die Proben. „Da sollten wir den Text eigentlich schon parat haben“, erzählt Anton Gundlfinger, der den Dorfrichter spielt. „Das war aber nicht immer der Fall…“   Jetzt, kurz vor der Premiere, sind die Zettel natürlich verschwunden, also jedenfalls fast immer. Dafür gibt es hilfreiche Geister, die bei Hängern den Text seitlich aus der Gasse einflüstern – oder auch schon mal einen Schluck Bier rüberreichen. Eine nötige Erfrischung, denn es wird von halb acht bis halb elf ohne eine Pause konzentriert gearbeitet.

Yacoobs Eifer erlischt keinen Moment. Seine Energie ist bewundernswert. Eben spielt er Martin Bierling, der den vermeintlichen Revisor gibt, eine Szene mit viel körperlicher Aktion vor. „Das ist schwer“, gibt dieser zu bedenken. „Nein!“, ruft Yacoob mit ansteckender Begeisterung. „Das ist leicht! Du musst einfach nur spielen…“ Eines steht fest: Leicht macht es sich eine Truppe, die ihn als Regisseur engagiert, nicht. Aber sie darf davon ausgehen, dass Yacoob das Beste aus allen herauszuholen imstande ist. Und die Akteure sogar über sich hinaus wachsen lässt.

Worum es in dem aktuellen Stück geht, soll nicht zu sehr verraten werden. Denn in vier Aufführungsterminen kann man sich im Kursaal selbst ein Bild machen. Und das lohnt sich, denn es ist ein richtig guter Stoff mit zeitlos gültiger Aussage, den die Bad Kohlgruber mit viel Witz und Spielfreude auf oberbayerische Verhältnisse übertragen. Der Plot in einem Satz: Wer am besten blendet, sahnt am meisten ab. Parallelen zur aktuellen Landespolitik sind rein zufällig…

Vorstellungen:

„Ein Dorf steht Kopf“ ist am Mittwoch, 27. Dezember, sowie am Dienstag, Freitag und Sonntag, 2., 5. und 7. Januar 2018, jeweils um 20 Uhr im Kursaal in Bad Kohlgrub zu sehen. Karten gibt es im Vorverkauf bei Mode Kraus (Hauptstraße 36) zu 13 Euro (ermäßigt 10 Euro). An der Abendkasse, die jeweils um 19 Uhr öffnet, kostet der Eintritt 15 Euro.

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