Hans Schedler und Friedel Kronacker
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Prost: Hans Schedler (l.) und Friedel Kronacker stoßen mit einem Brombeergeist an.

Gin ist der neue Verkaufsschlager

Hochprozentiges Hobby: Diese zwei Männer stellen flüssiges Gold her - Jetzt suchen sie Nachfolger

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Zwei Hundertprozentige fürs Hochprozentige: Hans Schedler und Friedel Kronacker halten seit vielen, vielen Jahren die Schnapsbrennerei in Bad Kohlgrub am Laufen. Und noch heute freuen sie sich, wenn’s ihnen dabei warm ums Herz wird.

Bad Kohlgrub – Die ersten Tropfen Alkohol seines Lebens hat Hans Schedler beim Jager Jörgel bekommen. Und es waren wirklich nicht mehr als ein paar Tropfen. Heute würde so eine Aktion eine veritable Schulkrise auslösen. Aber 1962 – oder wie Schedler rechnet: in der dritten Klasse – konnte man vom Ausflug in die Schnapsbrennerei noch beruhigt seinen Eltern erzählen. Als Ministrant nippte man ja auch am Messwein. Wahrlich andere Zeiten. Wie war das also: Die dritte Klasse der Bad Kohlgruber Grundschule dackelte zum Jager Jörgel hinunter ins Dorf, der in Wirklichkeit Georg Steigenberger hieß und in dem 500 Jahre alten Anwesen mit vielen netten Sprüchlein am und im Haus wohnte und im Keller brannte. Als er dann mit seiner Führung fertig war, reichte er ein Glas herum, jeder durfte seinen Finger hinein tauchen und kosten. „Heute wäre das unvorstellbar.“ Der Jager Jörgel starb 1971, und rückblickend lässt sich sagen: Wie gut, dass er von modernen Erziehungstechniken noch keine Ahnung hatte. Denn für Schedler war das „ein markanter Tag“ – und für die Kohlgruber Brennerei die Rettung.

Seit 21 Jahren brennt er jetzt schon. Brennt, was auf den Bäumen wächst – und an den Sträuchern. Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen, Quitten, Vogelbeeren, Kirschen und – wie diesmal –Brombeeren. Friedel Kronacker hat sie in seinem Garten zusammengeklaubt. 15 Kilogramm, er war gut beschäftigt. In diesem Jahr ist das schon ihr neunter Feinbrand. „Wir brennen so gut wie alles“, sagt Schedler. Genau genommen: Alles, was vorbeigebracht wird aus der Region. Die nächsten privaten Brennereien stehen in Wallgau und Polling. Schedler und Kronacker sind ja keine gelernten Destillateure. Sie waren im Gartenbauverein dabei, pressten Äpfel, und dann bog dieses Jahr 2002 um die Ecke.

Hochprozentiges Hörnlegold

Ein paar unglückliche Zufälle mehr und Bad Kohlgrub hätte nach über 80 Jahren sein Brennrecht verloren, die „Anlage wäre hinüber gewesen“. Im Dorf wär’s dann gelaufen wie beim Todesfall eines Originals: erst Trauer, dann Vergessen, irgendwann hätten die Leute begonnen zu sagen, „Mei, weißt noch, damals, die Schnapsbrennerei beim Jager Jörgel“. Aber so kam’s nicht. Der Gartenbauverein reparierte die Kessel auf eigene Kosten. Als die Experten der Firma aus Geißlingen kamen, wussten Schedler und Co. zwar, wo man einheizt. Aber wie Brennen geht? „Wir waren auf uns alleine gestellt“, sagt Kronacker. Erstaunlicherweise hat man den ersten Schnaps trotzdem trinken können, ohne Folgeschäden zu erleiden. Schedler weiß das noch gut, der Erste „war auf alle Fälle ein Apfelbrand“, der golden aus dem Glas leuchtet. Auf einem der vielen Etiketten steht tatsächlich Hörnlegold. Marketing können sie in dem kleinen Örtchen.

Flüssiges Gold: Der Bad Kohlgruber Apfelbrand von 2020 lagert im Keller.

Sie haben ziemlich schnell rausbekommen, wie das funktioniert: Ernten, waschen, einmaischen – die heilige Dreifaltigkeit zum Start. Zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich schon, ob der Schnaps gut oder weniger gut schmeckt. Was es braucht für viel Geschmack? Sauberes, vor allem reifes Obst mit viel Zucker. Mehrere hundert Kilo Früchte, die sechs bis acht Wochen vor sich hingären. In einem Jahr verarbeiten sie etwa 1500 Liter Maische. Zehn Prozent davon tröpfeln ganz am Schluss in die großen Karaffen. Im Spätherbst fangen sie an, manchmal erst in der Adventszeit. „Das braucht Ruhe“, sagt Schedler. Und viel, viel Zeit.

Am besten nüchtern und vor dem Essen trinken

In Brennrunde eins heizen die beiden Männer den Rohbrandkessel hoch, bis der Alkohol verdampft. Dürfte so bei 80 Grad beginnen. Die Temperatur im Kessel misst keiner. Dafür ist die Anlage zu alt. Die Dämpfe werden mit Wasser gekühlt. Das ist der Schnaps, der unvollendete. Alkoholgehalt: 40 Prozent. Geruch: angenehm, fruchtig. Geschmack: nicht zu bestimmen. So früh „probieren wir eigentlich noch nicht“, sagt Schedler. Das Destillat darf nochmals in die Sauna, Holz in die Flammen, ein Ster im Jahr, ab geht’s. Im Feinbrandkessel schaukelt sich der Alkoholgehalt auf bis zu 80 Prozent hoch, erklärt Kronacker. „G’schmachiger“ wird der Brand, das Aroma dringt noch mehr durch. 80-prozentigen Schnaps trinkt natürlich niemand. „Der brennt bloß runter, da hast nichts davon“, sagt er. „Den Rum trinkst auch nicht pur“, fügt Schedler hinzu und reicht wenig später drei Gläser, gefüllt mit Brombeergeist, Alkoholgehalt etwa 60 Prozent. Mit so viel Wumms landet er zwar nicht in den Fläschchen, die später nebenan im Dorfladen verkauft werden. Aber zum Probieren taugt das farblose Elixier.

Es existieren ein paar Regeln für den Schnaps im Allgemeinen und dem vom Hörnle im Speziellen. Am besten, sagt Kronacker, trinkt man nüchtern und vor dem Essen. „Das verfälscht den Geschmack nicht.“ Außerdem empfehlen die zwei Brenner, das Stamperl nicht auf Ex wegzukippen, lieber drei, vier Mal zu nippen. Wenn sich das anfühlt, als würde ein Feuerball die Speiseröhre hinunter schießen, macht man was falsch, dann kann man auch gleich puren Jelzin-Vodka für ein paar Kröten in den Rachen schütten. Ein Schluck vom Hörnlegold soll wie ein Kachelofen in der Stube wirken, er soll dort warm machen, wo das Herzerl pocht. Um das zu veranschaulichen, streichelt sich Schedler über die Brust. Gegen ein Stamperl am Tag sei nichts einzuwenden. Letztens hat er sogar gehört, dass ein Schuss Hochprozentiger Coronaviren abtöten könnte. Die beiden Männer lachen, dann klirren die Gläser. Prost!

Nachfolger gesucht

Der letzte Schritt steht ihnen noch bevor, das Verschneiden, wie der Fachmann sagt. Nach ein paar Monaten im Lager mischt man Wasser unter. Schedler hat auch schon Quellwasser vom Hörnle geholt und genutzt. Am 1. Mai, beim musikalischen Frühschoppen, stellen er und sein Kollege traditionell die neuen Brände vor, die schon diverse Gold- und Silber-Plaketten gewonnen haben.

Vor zwei Jahren war zum ersten Mal ein Gin dabei. Weil die Jugend zur Zeit überall Gin trinkt, ist das der Verkaufsschlager. Sie wären gar nicht unglücklich, wenn die Jungen ihre Liebe zum Gin nicht nur bei Feiern und Festen ausleben, sondern auch in der Brennerei. Sie bräuchten schön langsam Nachfolger, nach so langer Zeit im Ehrenamt. Aber so einfach ist das nicht. „Wir schauen gerade“, sagt Schedler. Jeder darf vorbeikommen, das Handwerk kennenlernen, also sobald es Corona erlaubt, und probieren. Nur 18 Jahre alt sollte man sein. Zeiten ändern sich.

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