Deutlicher Abwärtstrend: Durch die Gesundheitsreformen zwischen 1989 bis heute wurde die Kur zum Auslaufmodell in Bayern und ganz Deutschland.
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Deutlicher Abwärtstrend: Durch die Gesundheitsreformen zwischen 1989 bis heute wurde die Kur zum Auslaufmodell in Bayern und ganz Deutschland.

„Wir müssen realistisch bleiben“

Kehrt die Kur zurück? Bad Kohlgrub und Bad Bayersoien in verhaltener Vorfreude

  • Manuela Schauer
    vonManuela Schauer
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Damit hat kaum einer gerechnet: Ambulante Badekuren könnten wieder zur Pflichtleistung der Krankenkassen werden. Noch ist das Gesetz aber nicht durch.

Bad Kohlgrub/Bad Bayersoien – Im Radio hört Gisela Kieweg die Nachricht. Kann gar nicht glauben, was sie da gerade zu Ohren bekommt: Ambulante Vorsorgeleistungen in anerkannten Kurorten und stationäre Vorsorgeleistungen sollen von Ermessens- zu Pflichtleistungen der Krankenkassen umgewandelt werden. Das gibt’s doch nicht, denkt sich Bad Bayersoiens Bürgermeisterin. Sie ist sprachlos. Zuhause setzt sie sich vor ihren Computer, googelt, liest die Nachricht auf dem Bildschirm. „Wahnsinn“, jubelt sie innerlich.

Im Dezember, kurz vor Weihnachten, war das, nachdem das Bundeskabinett gerade das entsprechende Gesetz beschlossen hatte. Die Vorfreude ist bis heute geblieben. Für den Ort, meint Kieweg, „wäre das der Gewinn schlechthin“. Die Aufenthaltsdauer der Gäste würde steigen. Bei einer Kur bleiben sie statt nur ein paar Tage in der Regel für drei Wochen. Auch die Häuser profitieren durch eine bessere Auslastung. Tourismus ist das Standbein der Kommune. Der gesundheitsorientierte sowieso. Moortret- und Kneippbecken deuten beispielsweise darauf hin.

Gesundheitsreform von 1996 hat vielen die Existenz gekostet

Eine Badekur auf Kosten der Krankenkasse gab es seit der Gesundheitsreform 1996 nicht mehr. Damals konnte ein Hausarzt eine solche verschreiben. Der Patient erhielt einen fixen Zuschuss für die Unterbringung, musste nur draufzahlen, wenn er komfortabler wohnen wollte. Dann war damit Schluss. „Das hat unser heutiger Innenminister fertig gebracht“, sagt Franz Degele und meint den früheren Gesundheitsminister Horst Seehofer. Was damals alles gezahlt worden ist, sei zwar übertrieben gewesen, meint Bad Kohlgrubs Bürgermeister. Doch dann gleich den Todesstoß zu versetzen? „Nicht gerecht“, urteilt er.

Die Kommune war überwiegend auf die Moorkur ausgelegt gewesen. Sie florierte, ehe sie die Sparmaßnahmen der großen Politik zu spüren bekam. „Der Ort hat massiv gelitten“, betont Degele. Und der Privatvermieter. Die Gäste, die für die Moorbehandlung drei Wochen geblieben sind, brachen weg. „Das hat vielen die Existenz gekostet.“ Heute findet man in Kohlgrub noch sieben Kurbetriebe vor. Zum Vergleich: 1996 – also im Jahr der Gesundheitsreform – waren es noch 31.

Woher soll das Geld kommen?

Heuer könnte die Kur ihr Comeback erleben. Der Verband Bayerischer Heilbäder drängt darauf, sie auf Kassenkosten schnellstmöglich wieder einzuführen. Noch ist der Entwurf aus dem Haus von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn allerdings nicht beschlossen. So lange herrscht bei den zwei Bürgermeister-Kollegen der beiden „Bad“-Orte im Landkreis eine leise Euphorie. „Wenn’s so kommt, dann ist’s eine tolle Geschichte“, sagt Kieweg. Findet auch Degele. Er würde begrüßen, wenn die natürliche Möglichkeit des Heilens wieder mehr in den Fokus rückt und neuer Schwung in den Ort kommt. Noch aber seien die Bedingungen völlig unklar.

Die entsprechenden Betriebe dürften die Signale für ein mögliches Revival ebenfalls mit Wohlwollen aufgenommen haben. „Hört sich gut an“, sagt Andrea Fend. Prinzipiell zumindest. Bad Kohlgrubs Tourismusreferentin und Geschäftsführerin des „moor&mehr Bio Kurhotels“ an der Spengelstraße mahnt aber zur Vorsicht. „Man darf sich nicht darauf ausruhen, dass die Kassen das machen.“ Das wäre ein Irrglaube. „Wir müssen realistisch bleiben“, betont sie. Das Geld sei nicht vorhanden, werde für Corona gebraucht. Sie glaubt eher, dass eine Kur im besten Fall vielleicht mal etwas leichter genehmigt wird. Bislang war es eine individuelle Entscheidung der Kassen, ob sie einen Antrag ablehnen oder ihm zustimmen. Und das nach intensiver Prüfung. Die, davon geht Fend aus, bleibt.

Schwerpunkt liegt auf dem gesundheitsbewussten Gast

Unabhängig vom Ausgang des Ganzen steht sie für eine klare Meinung ein: „Wir wollen den gesundheitsbewussten Gast“, betont Fend. Einen, der weiß, dass er eine Moorbehandlung nicht im Schnelldurchlauf bekommt. Einen, der diese so wertschätzt, dass er auch selbst dafür bezahlt. Die Einnahmen durch zusätzliche Kassenpatienten stuft sie deshalb als „schönes Zubrot“ ein. Sich aber wieder gemäß dem früheren Modell auszurichten, wäre der falsche Weg. „Dann fallen wir zurück.“

Eine gewisse Skepsis legt auch Florian Hoffrohne an den Tag. Er wartet lieber erst auf den politischen Diskurs. Wie das Ganze finanziert werden soll, ist für den Geschäftsführer der Ammergauer Alpen GmbH eine spannende Frage. Wer mehr profitiert – Moor- oder Wasserkurorte – die nächste. Hinzu kommt, dass nur noch wenige der entsprechenden Einrichtungen existieren. Darüber hat Degele ebenfalls schon nachgedacht. 2019 verzeichnete Bad Kohlgrub etwa 200 000 Übernachtungen. Wenn die Zahlen massiv hochschnalzen – auf 400 000 zum Beispiel –, „könnten wir die Gäste gar nicht aufnehmen“. Eine Steigerung auf 250 000 Übernachtungen hält er für machbar.

Noch sind das Fantasien. Wunschträume, in denen noch viele Fragezeichen herumschwirren. „Aber ein kleines bisschen“, sagt Degele, „dürfen wir uns freuen.“ Gerade in Corona-Zeiten.

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