Kleine Plastikfetzen wie diese finden sich an vielen Stellen entlang der Rodelbahnen. Auffällig waren die Rückstände vor allem am Hörnle.
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Kleine Plastikfetzen wie diese finden sich an vielen Stellen entlang der Rodelbahnen. Auffällig waren die Rückstände vor allem am Hörnle.

Ärgerlicher Abrieb von Minibobs

Plastikmüll am Hörnle und Pürschling:
Wo gerodelt wird, fallen Späne

Plastikmüll gibt es nicht nur in den Ozeanen, sondern auch im Gebirge. Grund dafür ist unter anderem der Abrieb von Minibobs.

Landkreis – Gisela Böhm ist Naturfreundin. Geht sie in die Berge, dann hat sie stets eine Tasche dabei. Wenn ihr achtlos weggeworfener Müll auffällt, klaubt sie ihn zusammen. „Ich sammle immer was ein“, sagt sie. Vergangenen Monat war die Rentnerin am Hörnle unterwegs. Erstmals wählte sie die Rodelstrecke als Abstiegsweg. Beim Blick runter auf ihre Wanderschuhe sprangen ihr zahlreiche kleine Schrauben, Kunststoffkringel und Plastikfetzen wie von einem Hobel ins Auge.

Eine Woche später machte sie auf einer Tour zum Pürschling in Unterammergau ähnliche Entdeckungen. Böhm ist besorgt. Die Plastikteile „liegen auf den Wegen, werden mit Schmelzwasser und Regen in die Gräben und Wiesen gespült, dann in die Bäche, die Ammer, den Ammersee“, sagt die Frau, die an letzterem Gewässer wohnt.

Auch mit dem Wirtspaar vom Pürschlinghaus sprach Böhm über ihre Funde. Hubert Spindler und seine Partnerin Christine wissen über das Plastik auf dem Weg zu ihrer Hütte freilich Bescheid. Jahr für Jahr bleibt vom Winter was zurück. In der vergangenen Saison aber wohl etwas mehr. „Viele rodelten dort, wo wenig Schnee lag“, sagt die Wirtin. Die Folge: Felsiger Untergrund hobelte Späne von den Bobs ab. Abgebrochenes von Steigeisen blieb ebenso zurück. „Viele nehmen auch nicht die guten Grödel“, bemängelt die Wirtin. Etwa Wanderer, die selten in die Berge gehen oder Steigeisen einfach ausprobieren wollen. Normalerweise räumt die Jugendgruppe des Deutschen Alpenvereins den Plastikmüll weg. Doch wegen Corona sei das schon im vergangenen Jahr nicht möglich gewesen.

Das größere Umweltproblem sieht Hubert Spindler aber woanders. Reifenabrieb und Spritverbrauch vieler Wanderer seien „dreimal schlimmer“, urteilt er. Wenn er etwa auf den Wanderparkplatz in Unterammergau blickt, sieht er dort immer wieder zahlreiche Pkw mit auswärtigen Kennzeichen stehen. Da gebe es Tage, an denen „ein Auto mit Garmischer Nummer ein Exot ist“.

Das Problem ist aus Sicht der Verwaltung sehr ernst zu nehmen.

Lukas Eitzenberger

Auch Robert Stumpfecker ist der Mikro-Plastikmüll am Pürschling nicht entgangen. Bei einer Wanderung am Vatertag bemerkte der Unterammergauer Bürgermeister die blauen, roten und gelben Teilchen zwischen den Kieselsteinen. „Lauter Abrieb.“ Ein generelles Problem sieht er zwar nicht, betont aber doch, dass die Teilchen mit dem Schmelzwasser ins Tal und in die Gewässer gelangen. Lösungsansätze sieht er kaum. Schließlich lassen sich die kleinen Teilchen nur schwierig aufklauben.

Ans Einsammeln denkt man auch in der Gemeinde Bad Kohlgrub nicht. „Das Problem ist aus Sicht der Verwaltung sehr ernst zu nehmen“, betont Lukas Eitzenberger. Doch auch der Geschäftsleiter glaubt nicht, dass ein unmittelbares Einschreiten notwendig sei. In seinen Augen besteht keine konkrete Gefahr, auch nicht für die Fauna: „Da Tiere üblicherweise nicht auf den Wegen, sondern im Wald nach Nahrung suchen, ist eine Gefährdung unserer Einschätzung nach gering.“ Abgesehen davon wäre eine Beseitigung des Plastikabriebs mit großem personellen Aufwand verbunden, eventuell auch mit hohem finanziellen, sollte die Beseitigung nur durch den Austausch des Kieses möglich sein, erklärt Eitzenberger. Jedoch wolle man im Gemeinderat über das Aufstellen weiterer Schilder sprechen, die zu einem respektvollen Umgang mit der Natur mahnen.

In Oberammergau sieht die Lage etwas anders aus. Wegen Corona konnte die AktivArena am Kolben nicht öffnen. Jedoch: „Die Pisten haben wir präpariert, den Parkplatz bewirtschaftet und die Toiletten geöffnet“, sagt Geschäftsführer Klement Fend. Viele Bobs sah er nicht im Schnee, „wir hatten weit, weit mehr Tourengeher als Rodler“. Überrascht ihn auch nicht. Der Kolben sei im Winter nicht sonderlich attraktiv als Rodelberg – im Gegensatz zum Sommer mit dem Alpine Coaster. Viel Plastikmüll hat sich in der kalten Jahreszeit mit oder ohne Bobs nicht sammeln können, da das Personal vor Ort „immer auch mit aufgeräumt hat, so wie wir das im Normalbetrieb auch tun“, betont Fend.

Klagen gibt es auch nicht aus Oberau. Bunte Relikte des Winters sind dort nicht zu finden. Auf das Areal am Rabenkopf-Skilift blickt Stefan Fischer jedenfalls gelassen. Ein Plastikproblem gebe es nicht. Da überlegt der Mann vom Bauhof erst gar nicht lange. Vor allem Kinder sind auf dem Hang aktiv – bei ausreichend Schnee und mit ihren Eltern an der Seite.

Stellt sich die Frage: Was tun, um künftig beim Rodeln auf dem Hörnle kein Plastik mehr zurückzulassen oder beim Wandern auf den Pürschling keine Steigeisenschrauben mehr zu verlieren? Hochwertigeres Material wäre in der Eisenfrage sicher eine Lösung. Aber bei den Zipflbobs? Wo gerodelt wird, fallen eben Späne. Zumindest wenn die Schneelage schlecht ist, die ersten Steine von den Forststraßen durchspitzen. Stumpfecker setzt auf die Vernunft der Menschen und schlägt vor, „an die Leit’ zu appellieren, nur über eine geschlossene Schneedecke zu rodeln“. Nur mit der Vernunft ist das so eine Sache – eine der zentralen Lehren aus der Corona-Pandemie. Antonia Reindl

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