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Ein Zeichen der Dankbarkeit: Uwe Zühlke (2.v.r) und Frau Karin spendeten der Bergwacht 1000 Euro. Bereitschaftsleiter Heinz Pfeffer (l.) finanzierte davon die Beatmungspuppe „Uwe“.

Wenn die Bergwacht nicht gewesen wäre

Eine Rettungsaktion, die ein ganzes Leben veränderte

Mittenwald - Uwe Zühlke ist Ehemann, Vater von vier Kindern und zweifacher Opa. Kürzlich feierte er seinen 60. Geburtstag. Sein bisher langes und erfülltes Leben hat er aber 15 Bergwachtmännern zu verdanken.

Interessiert stehen Uwe Zühlke und seine Frau Karin in der Einsatzzentrale der Mittenwalder Bergwacht. Bereitschaftsleiter Heinz Pfeffer deutet auf die großen Bildschirme, die heuer im Zuge des G7-Gipfels angeschafft wurden. „Solche Technik gab es damals noch nicht“, sagt der Baden-Württemberger lachend. Als er aus dem Fenster der Bergwacht-Garage an der Dammkarstraße blickt, sieht er vor sich „seinen Schicksalsberg“, der im Jahr 1975 sein Leben für immer verändern sollte.

Es war der frühe Morgen des 7. Juni 1975. Über einen Meter Neuschnee war in der sogenannten „Wanne“ im Karwendel gefallen. Der 19-jährige Zeitsoldat der dritten Kompanie machte sich früh auf, um die westliche Karwendelspitze zu erklimmen. Er war gut ausgerüstet für diese Tour, die er alleine bewältigen wollte. Erste Bergerfahrungen hatte der sportliche Jungspund bereits während seiner zweijährigen Bundeswehrzeit gesammelt. „Ich wollte meinen Dienst schon immer in den Bergen machen.“ Die Bundeswehr sollte nur ein finanzielles Sprungbrett für Zühlkes künftige Pläne sein. Sport wollte er studieren und so seine Leidenschaft zum Beruf machen. Schon oft war er deshalb auf der westlichen Karwendelspitze. Doch es wäre fast seine letzte Tour geworden.

Denn oberhalb der Wanne löste Zühlke plötzlich ein Schneebrett aus, das ihn mehrere hundert Meter in die Tiefe riss. „Es war ein Schlag und dann weiß ich nichts mehr“, erzählt er heute, 40 Jahre später. „Ich kann mich noch grob daran erinnern, dass Einsatzkräfte da waren, denen ich Informationen über mich preis geben konnte.“ Dann wurde er bewusstlos. Seine Rettung hat er einem Ehepaar zu verdanken, das den Aufstieg des Bundeswehr-Soldaten aufmerksam mit dem Fernglas verfolgte. „Die beiden haben mit bekommen, dass ich plötzlich verschwunden war“, erklärt der Pensionist. „Daraufhin verständigten sie die Bergwacht.“

Diese rückte mit 15 Kameraden an, wie der Einsatzbericht von damals belegt. Dabei waren unter anderem Hans Bader, Hubert Hornsteiner senior und junior, Ludwig Hornsteiner, Franz Schnagl, Otto Lorenz, Josef Wörnle junior, Hias Wörnle, Hias Wurmer, Roland Sandner und Hubert Veit. Über den zweiten Masten der Karwendelbahn stiegen die Retter ab und fanden in kürzester Zeit den Verunglückten. Dieser hatte „Rückgrat-, Kopf- und innere Verletzungen“, wie Veit im Bericht protokolliert hatte. Zühlkes Becken war zertrümmert. Ebenso seine komplette rechte Seite. Per Hubschrauber wurde der Schwerverletzte ins damalige Kreiskrankenhaus Garmisch-Partenkirchen geflogen, über vier Stunden dauerte der Einsatz. Die Chance zu überleben, gleich null.

Im Krankenhaus war es für Zühlke ein Wechselbad der Gefühle. „Professor Fritz Lechner war eine Koryphäe auf seinem Gebiet Knochenbrüche.“ Monatelang wurde der Verletzte mit Zug- und Streckverbänden behandelt. Mit Grauen erinnert er sich an seine Entlassung nach drei Monaten. Ein anderer, „etwas unsensiblerer“ Arzt, verabschiedete ihn mit den Worten: „Wir sehen uns in einem Vierteljahr im Rollstuhl wieder.“ Für einen jungen Mann, dessen sämtliche Lebensträume auf einen Schlag zerplatzten und der dem Tod nur knapp von der Kippe sprang, eine zusätzliche Hiobsbotschaft.

„Doch ich habe gekämpft“, sagt der Esslinger. Für ihn war der Unfall ein Zeichen Gottes: „Der Oberste hatte an diesem Tag im Karwendel die Hand schützend über mich gehalten.“ Als wollte er ihm sagen, „wir brauchen dich noch, du hast noch Zeit“. Und diese Zeit nach seinem „zweiten Geburtstag“ nutzte Zühlke: Er beendete seine Laufbahn bei der Bundeswehr, ging 1976 in den gehobenen Verwaltungsdienst und verliebte sich in seine Karin, mit der er das Wandern und Fahrradfahren wieder erlernte. „Über 200 Gipfel haben wir seither bestiegen“, erzählt seine Gattin glücklich. Auch wenn er die Verletzungen von damals immer mehr zu spüren bekommt, hatte er doch „ein glückliches und gesundes Leben“.

Nun hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. Doch statt viel Geld für ein großes Fest auszugeben, hatte er eine andere Idee. „Ich spende 1000 Euro an diejenigen, die mir dieses Leben überhaupt erst ermöglicht haben.“ Die Bergwacht Mittenwald finanziert sich mit dem Betrag nun die neue Beatmungspuppe. „Damit wir auch künftig Menschen das Leben retten können“, betont Bergwacht-Chef Heinz Pfeffer. Menschen, wie Uwe Zühlke.

Josef Hornsteiner

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