"Bruder, was hast Du getan?“: Ein Befreiungsschlag für die Opfer

Ettal - Missbrauchskandal im Kloster Ettal: Die Autoren Rainer Stadler und Bastian Obermayer präsentieren ihr Buch im Beisein vieler Betroffener in München.

Für die Opfer ist dieses Buch „ein Befreiungsschlag“, davon ist Thomas Pfister überzeugt. Wie Recht der Strafverteidiger, den die Erzdiözese München-Freising nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Kloster Ettal als Sonderermittler eingesetzt hatte, damit hat, bestätigten die ehemaligen Schüler bei der Präsentation von „Bruder, was hast Du getan?“ in der Jazzbar Vogler in München. „Endlich können alle, die uns nie geglaubt haben, das Ganze nachlesen“, erklärte ein Anwesender auf Nachfrage von Moderator Christoph Süß. Auch für den Betroffenen war es erstaunlich, nach der Lektüre festzustellen, „dass von den Erziehern und Lehrern, mit denen ich in neun Jahren Ettal zu tun hatte, nur zwei nicht pädophil waren oder geprügelt haben“.

Geprügelt, missbraucht wurde er genauso - und ihm wurde nicht geglaubt: „Als ich 13 oder 14 war, habe ich meinen Eltern davon erzählt, gebracht hat das nichts.“ Erst gut zehn Jahre später gelang es ihm, sich mit den Grausamkeiten auseinanderzusetzen und auch seine Eltern mit dem furchtbaren Vertrauensverlust zu konfrontieren. Seine Mutter habe später dazu gesagt, dass „ihre sch... katholische Erziehung schuld daran war, dass sie mir nicht geglaubt hat“. Dass für viele Eltern Ettal eine Art Heiliger Gral ist, haben die Autoren Bastian Obermayer und Rainer Stadler bei ihrer Recherche ebenfalls herausgefunden.

Nachdem die Verbrechen an Kindern und Jugendlichen mittlerweile aber offenkundig sind, sind die beiden Journalisten von der Aufarbeitung im Kloster nicht 100-prozentig überzeugt. Dem kann sich Pfister nur anschließen: „Dazu gehört auch die Veröffentlichung der Opferberichte“, findet der Jurist. Jegliche Vorstöße in diese Richtung seien allerdings bisher vom Kloster unterbunden worden. Das kreidet er den Patres ebenso an, wie ihr Nicht-Erscheinen zur Buch-Präsentation. Denn aus Gesprächen mit hunderten ehemaligen Schülern weiß er, „dass in Ettal über Jahrzehnte Kinder gefoltert, gequält und sexuell missbraucht wurden - und zwar immer nach dem gleichen Muster“. Die Fälle, die Obermayer und Stadler schildern, seien durchaus drastisch, es gebe allerdings noch wesentlich schlimmere Vergehen. „Dass ein Mönch einen Stuhl auf dem Rücken eines Zehnjährigen zertrümmert, kann sich wohl niemand vorstellen“, meinte ein Opfer. „Aber genau das ist passiert.“ Neben diesen Grausamkeiten „reden wir außerdem von hartem Sex, den ein Pater mit hilflosen kleinen Kindern hatte“, weiß Pfister.

Wie er fordern auch die Autoren mehr Transparenz: „Es ist fast perfide, dass sich die Opfer selber um die Aufarbeitung kümmern müssen“, bedauert Stadler. Dass beispielsweise zwei der Patres, gegen die schwerste Vorwürfe im Raum stehen, immer noch seelsorgerisch tätig sein dürfen, könne er nicht nachvollziehen. „Da geht der Lerneffekt gegen Null.“

Dennoch plädiert Robert Köhler, Vorsitzender des Vereins Ettaler Missbrauchsopfer, dafür, „nach vorne zu schauen“. Das Buch, das noch einmal auf die lange Zeit des Gewaltregimes zurückblickt, sei dafür ein wichtiger Aspekt. „Das Kloster muss schließlich auch für sich verstehen“, sagt Köhler, „was jahrzehntelang hinter seinen Mauern passiert ist.“ Denn eines sei Stadler zufolge klar: „Hier waren keine Einzeltäter am Werk.“ Tanja Brinkmann

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