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Beleuchten das „System Ettal“: die Autoren Bastian Obermayer (l.) und Rainer Stadler.

Ettal: Zerbrochen an sadistischen Erziehern

Ettal - Schläge, Demütigungen, Missbrauch: Im Kloster Ettal herrschte über viele Jahre ein Gewaltregime. Jetzt haben sich zwei Autoren auf Spurensuche begeben - herausgekommen ist das Buch "Bruder, was hast Du getan?"

Brutalste Schläge, psychische Demütigungen – und immer wieder sexueller Missbrauch: Über 100 Ettaler Schüler haben zwischen 1950 und 1990 ein wahres Martyrium hinter Klostermauern erlebt. 15 Patres und zwei weltliche Erzieher bereiteten den Kindern und Jugendlichen die Hölle auf Erden, an den Folgen leiden viele noch heute. Wie es dazu kommen konnte, dass dort über Jahre ein Gewaltregime herrschte, thematisieren Bastian Obermayer und Rainer Stadler in „Bruder, was hast Du getan?“. Am Dienstag, 4. Oktober, stellen sie ihr Buch in München vor.

Um herauszufinden, wie es aus heutiger Sicht zu diesen unbegreiflichen Misshandlungen und Missbrauchsfällen kommen konnte, haben die beiden Münchner Journalisten mit mehr als 60 Opfern gesprochen – und geben deren drastische Schilderungen detailliert wieder. „Bedrückend, schlimm“ nennt Stadler, was er und sein Kollege in den intensiven, stundenlangen Gesprächen gehört haben. „Viele sind noch immer nicht darüber weggekommen, was ihnen da passiert ist, und fangen, wenn sie darüber reden, zu weinen an“, erzählt der 44-Jährige. „Das geht unter die Haut.“ Wie sehr, merken er und Obermayer (33) auch an den Reaktionen auf ihr Buch: „Bei vielen kommt jetzt die ganze Hilflosigkeit und Wut wieder hoch.“

Ein Schluss, den die beiden Autoren ziehen, ist der, „dass viele Patres in eine Rolle gedrängt wurden, die sie gar nicht wollten und mit der sie überfordert waren“. Den Anfang machen drei Mönche, die 1945 und 1947, gerade aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, als Erzieher beginnen und schnell durch brutale Prügelstrafen, aber auch erste unsittliche Berührungen der Kinder auffallen. Aus den Reihen ihrer Schützlinge stammen übrigens die Patres, unter deren Ägide das Gewaltregime entsteht, das in den 1970er Jahren schließlich eskaliert: „Das System hat sich selbst rekrutiert, die Täter sind selber in Ettal zur Schule gegangen und haben’s da kennengelernt“, erklärt Stadler. Mit denen konnten die beiden Autoren nicht sprechen, insgesamt seien die Informationen aus dem Kloster nur spärlich geflossen, bedauert der gebürtige Ingolstädter. Lediglich Abt Barnabas Bögle, der 1977 in Ettal Abitur gemacht und dort 1984 als Präfekt angefangen hat, habe sie empfangen: Das Leben im Kloster sei dahingelaufen, der Mönch seinen Aufgaben nachgegangen, „wir haben zu wenig miteinander geredet, uns zu wenig in unseren Arbeitsbereich schauen lassen, und natürlich waren wir überfordert“, räumt Bögle in dem Buch ein. Zu dem gerade erschienen Werk möchte sich der Leiter der Abtei nicht äußern. Er verweist auf Tagblatt-Nachfrage auf die wissenschaftliche Studie, die das Kloster zur Aufarbeitung des Themas Missbrauch in Ettal in Auftrag gegeben hat und der er nicht vorgreifen will.

Positiv wertet Stadler, „dass es bei der heutigen Klosterleitung ein grundsätzliches Schuldbewusstsein gibt“. Das bestätigt auch Robert Köhler, Vorsitzender des Vereins der Ettaler Missbrauchsopfer: „Was jetzt an Entschädigung fließt, ist ein klares Eingeständnis der Schuld, und das ist für mich das Wichtigste.“ Dass die Geschehnisse an der Schule, die er von 1974 bis 1983 besucht hat, derart eskalieren konnten, erklärt er damit, „dass mit Pater Edelbert und Pater Godehard zwei Erzieher kamen, die Sadisten waren“. An deren Methoden seien etliche Schüler zerbrochen. Eine Sonderstellung in diesem System hatte Stadler zufolge Pater Magnus, der mehr als 40 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht hat: „In der harten Umgebung war er die leuchtende Figur.“ Er spendete den Buben Trost, war für sie da und verging sich dann schamlos an ihnen. „Das ist das tragische an seiner Geschichte“, findet Stadler. Der strahlende Glanz der Elite-Einrichtung Ettal ist durch den jahrzehntelangen Missbrauch von über 100 Schülern verblasst.

Tanja Brinkmann

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