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Seit fünf Jahren Chefin im Rathaus: Sigrid Meierhofer muss in Garmisch-Partenkirchen gelegentlich kämpfen.

Bürgermeisterin im Interview

Sigrid Meierhofer: „Frauenfeindlichkeit kenn’ ich nur aus der Politik“

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In Bayern gibt es 186 Bürgermeisterinnen – nur jedes zehnte Rathaus wird also von einer Frau geleitet. Jetzt trafen sich die Bürgermeisterinnen bei einem Kongress des Bayerischen Gemeindetags, um über Frauenförderung und moderne Frauenpolitik zu sprechen. Sigrid Meierhofer (SPD) war dabei.

Die 63-Jährige hat sich bei der Wahl 2014 in Garmisch-Partenkirchen gegen fünf Männer durchgesetzt. Doch kämpfen muss sie noch immer regelmäßig.

Was können Bürgermeisterinnen besser als Bürgermeister?

Frauen sind in diesem Amt immer dann etwas stärker, wenn es darum geht, einen Kompromiss zu finden. Besonders in Zeiten, in denen es keine feststehenden Mehrheiten mehr gibt, ist das wichtig. Ich finde, dass Frauen besser ausgleichen können als Männer. Sie gehen Debatten ganz anders an. Obwohl sie natürlich auch wütend werden können. Das wird dann aber häufig als zickig bewertet. Bei Männern interpretiert man das als Durchsetzungskraft.

In Garmisch-Partenkirchen sind die meisten politischen Ämter von Männern besetzt. Wie schwer ist es, als Frau gegen sie anzukommen?

Meine Devise ist es, hartnäckig freundlich zu sein. Mit der Betonung auf beiden Wörtern. Ohne Hartnäckigkeit geht es nicht. Außerdem glaube ich, es ist für Frauen besonders wichtig, geradlinig und glaubwürdig zu sein – sonst wird ihnen die Arbeit nicht zugetraut.

Trauen sich Frauen auch selbst zu wenig zu? 

Trauen sich Frauen auch selbst zu wenig zu? Schließlich wird in Bayern nur jede zehnte Kommune von einer Frau geführt.

Ja, mit Sicherheit. Im ländlichen Raum liegt das aber bestimmt auch noch an der Erziehung. Dort wählen auch Frauen häufig keine Frauen. Und das verändert sich nur sehr langsam.

Haben Sie in Ihrer Amtszeit schon einmal offene Ablehnung erlebt?

Ich erlebe solche Situationen jedes Mal, wenn es um die Haushaltsberatung geht. Da werden scharfe Geschütze aufgefahren – und manchmal habe ich den Eindruck, das hat damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Auch bei Interviews fällt mir das übrigens auf. Als Frau wird man häufiger gefragt, wie es um die eigene Gesundheit steht. Männern wird diese Frage nicht so oft gestellt. Uns Frauen wird damit unterstellt, dass wir nicht so stabil sind, eher krank werden und ausfallen. Übrigens war ich seit Beginn meiner Amtszeit noch keinen einzigen Tag krank.

Wie ist Ihre Strategie, um mit Vorurteilen gegen Frauen umzugehen?

Bevor ich Bürgermeisterin wurde, war ich zwölf Jahre lang Gemeinderätin. Und im Bauausschuss die einzige Frau. Mein Weg war immer, mich mit Wissen durchzusetzen. Das beobachte ich auch im Gemeinderat. Die Frauen sind in der Regel immer gut vorbereitet. Das kann ich nicht von jedem Mann sagen.

Haben Sie lange überlegt, ob Sie für das Bürgermeister-Amt kandidieren?

Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich gewählt werde, deshalb hat sich diese Frage zunächst nicht wirklich gestellt. Ich bin in Garmisch-Partenkirchen nicht nur die erste Frau in diesem Amt, sondern auch die erste Zugezogene – ich komme ursprünglich aus Baden-Württemberg. Und dann bin ich auch noch in der SPD. Bis vor kurzem hat die CSU bei uns noch Wahlergebnisse um die 70 Prozent geholt. Weil ich zwölf Jahre Gemeinderätin war, hat mich meine Partei ins Rennen geschickt. Es gab sechs Kandidaten. Erst als ich mit meinem Amtsvorgänger in die Stichwahl kam, habe ich realisiert, dass es wirklich klappen könnte.

“Für die Mitarbeiter war es etwas völlig Neues“

Wie sehr war es Thema, dass Sie eine Frau sind?

Bei der Wahl war es nicht so sehr Thema. Erst danach. Ich bin ja auch die erste Chefin hier in der Verwaltung. Für die 360 Mitarbeiter war es etwas völlig Neues, eine Frau an der Spitze zu haben. Ich denke, dass es hier im Werdenfelser Land noch eine ganze Weile dauern wird, bis es kein Thema mehr ist, ob man an der Spitze der Verwaltung Mann oder Frau ist.

Wie sehr stehen die Bürgermeisterinnen in Bayern im Austausch?

Wir tauschen uns regelmäßig aus. Aber der Bürgermeisterinnenkongress des Gemeindetags ist noch relativ neu. Die Idee ist entstanden, als sich drei bayerische Bürgermeisterinnen bei einer Veranstaltung in Berlin getroffen haben. Christine Borst aus Krailling war eine davon und schon länger im Amt. Sie hat diesen Plan weiterverfolgt und ihn dann mit Cornelia Hesse, Direktorin beim Bayerischen Gemeindetag, umgesetzt. Dieser Austausch ist für unsere Arbeit nach meiner Einschätzung sehr hilfreich.

Wie stehen Sie zu einem Parité-Gesetz, damit mehr Frauen politische Ämter bekommen?

Ursprünglich war ich gegen eine Quote, weil ich der Meinung war, Frauen haben das nicht nötig. Doch dann habe ich festgestellt, dass Männer die Frage nach einem Mandatswechsel fast nur biologisch entscheiden – sie bleiben im Amt, so lange es geht. Frauen haben kaum eine Chance. Deshalb kommen wir um eine Quote nicht herum. Seit die SPD ihre Listen paritätisch aufstellt, hat die Zahl der Mandatsträgerinnen deutlich zugenommen.

Aber sie müssen Gegenwind aushalten können?

Ja, auf jeden Fall. Ohne eine gewisse Teflonschicht geht es nicht. Ich bin mit drei Schwestern aufgewachsen, jede von uns hat den selbst gewünschten Beruf erlernt. Frauenfeindlichkeit war in meinem Leben nie ein Thema, weder im Studium, noch in meinem Beruf als Medizinerin. Damit bin ich erst konfrontiert worden, als ich politische Ämter übernommen habe.

Interview: Katrin Woitsch

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