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Willkommen in der Hölle: Der Spaß spielt auf dem Irminfels-Internat keine Rolle, wichtig ist das Lernen.

Der Club der toten Dichter: Ein Wagnis und ein Erfolg

Erstes Jugendstück im Kleinen Theater wird gefeiert

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Garmisch-Partenkirchen - Zum ersten Mal hat das Kleine Theater in Garmisch-Partenkirchen mit "Der Club der toten Dichter" ein Jugendstück ins Programm aufgenommen. Ein Wagnis. Es hat sich gelohnt.

Carpe diem – nutze den Tag. Diese Botschaft haben wohl alle Premierengäste aus dem Kleinen Theater mitgenommen. Und die Lust, mal wieder Gedichte zu lesen, wie es „Der Club der toten Dichter“ tut. Allein dem allmächtigen Götzen Erfolg nachzujagen und dabei die Träume der Jugend zu vergessen, das kann’s einfach nicht sein. Davor will Martina Berner (Tatjana Berner) ihre Schüler bewahren – und erreicht damit auch das Publikum. Eindrucksvoll. 

„Bücher, Filme, Gedichte, Romantik, Schönheit und Liebe – das ist der Luxus, für den sich die Arbeit lohnt.“ Mit ihrer Botschaft, die die neue Deutschlehrerin den Jugendlichen am Irminfels-Internat in Garmisch-Partenkirchen vermittelt, scheitert sie aber letztlich an einem System, das auf den Säulen Leistung, Tradition, Disziplin und Demut ruht. Kreativität, Individualität haben keinen Platz in dieser leistungsorientierten Gesellschaft.

„Willkommen in der Hölle“, empfängt Peter Greiner (Luis Schönach) den neuen Klassenkameraden Alexander von Wissing (Hannes Wipfelder). Dass Spaß am Irminfels – das immer wieder auf Dias in Rainer Pokornys ansonsten nüchternen Bühnenbild auftaucht – wahrlich keine Rolle spielt, machen ihm auch Sandra Lüdinghoff (Antonia Wiedemann), Anna Vielhaber (Laura Höck) und Adriana Voltabiene (Sofia Brennauer) schnell klar. Verschreckt, fast eingeschüchtert und alles andere als selbstbewusst lauschen sie den Worten ihrer Direktorin Margarethe Dannermann (Elisabeth Hofmeister). Stumpfes Lernen, stramm stehen, Ordnung – darauf kommt es der Frau mit dem streng zurückgekämmten Haar an. Erst Berner bricht dieses System auf, interessiert sich dafür, was die Jugendlichen bewegt und motiviert sie: „Macht etwas Ungewöhnliches aus Eurem Leben.“

„Eine unbeschreibliche Euphorie erfasste uns“

Durch die neue Lehrerin erfahren die Schüler auch vom „Club der toten Dichter“, der sich schon zu ihren Zeiten im Irminfels in einer Höhle getroffen hatte. Den lassen die fünf wieder aufleben und nehmen auch Partick Ottenreuth (Hannes Eitzenberger) von der Nachbarschule in ihren Reihen auf. „Eine unbeschreibliche Euphorie, etwas völlig Durchgeknalltes zu machen, erfasste uns“, erinnert sich Wipfelder. Er ist nicht nur der Neue am Irminfels, sondern auch der Erzähler, der an die Sache mit Sandra erinnert.

Die sechs Jugendlichen, von denen Wipfelder und Wiedemann alte Hasen am Kleinen Theater sind, haben sie doch schon in etlichen Inszenierungen mitgewirkt, sind die eigentlichen Stars in diesem Stück. Ihnen lässt Pokorny, die auch Regie führte, Raum, sich zu entfalten. Besonders Brennauer, die erfrischend ungezwungen rüberkommt, überrascht – aber auch ihre Mitspieler kommen an. Und zeigen, dass sie sich nicht allein aufs Schauspielen verstehen, sondern auch andere Talente haben. Wipfelder hat beispielsweise die Musik zu dem Stück komponiert und zusammen mit Brennauer eingesungen. Höck tanzt, Eitzenberger trommelt, Schönach spielt Gitarre. Einzig Wiedemann konzentriert sich ganz auf das, was auf der Bühne passiert. Und das ist auch genug, übernimmt sie doch den hoch emotionalen Part des Mädchens, das sich erstmals gegen Lehrer und Eltern – als Projektion erscheint mehrfach ihre einschüchternde Mutter, gesprochen von Regina Rohrbeck – auflehnt. Letztlich zerbricht sie daran, stirbt an einer Überdosis. Ein Moment, der sich etwas zu sehr in die Länge zieht. Schuld daran sind freilich nicht das System, die Eltern oder die Schule - schuld daran ist einzig die Lehrerin, die die Jugendlichen animiert hat, ihre Träume nicht zu vergessen.

Carpe diem - nutze den Tag. Die Schüler haben’s trotzdem begriffen. Und auch das Publikum, das die Inszenierung mit stehenden Ovationen belohnt. Es war ein Versuch, hatte Tatjana Pokorny vor der Premiere gesagt, zum ersten Mal ein Jugendstück in den Spielplan aufzunehmen. Ein Wagnis. Das einzugehen hat sich gelohnt. Und lässt auf viele weitere hoffen.

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