Viel Verkehr am Hausberg in Garmisch-Partenkirchen – die Menschen zieht es in den Schnee. Das Foto entstand am 27. Dezember
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Viel Verkehr am Hausberg in Garmisch-Partenkirchen – die Menschen zieht es in den Schnee. Das Foto entstand am 27. Dezember.

Neue TV-Doku zeigt Ausmaße

Ausflügler stürmen weiter die Berge: Anwohner fassungslos - „Es sind vor allem die Stoderer ...“

  • Katharina Haase
    vonKatharina Haase
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Städter gegen Landbewohner: Was in Bayern schon vor der Corona-Pandemie brodelte, scheint immer mehr zu eskalieren. In Garmisch-Partenkirchen ist man hin- und hergerissen.

  • Die Corona-Pandemie sorgt für eine Tourismus-Flaute im Landkreis Garmisch-Partenkirchen.
  • Die „Städter“ aus München kommen jedoch trotzdem - doch nicht jeder weiß sich zu benehmen.
  • Die Bürgermeisterin Elisabeth Koch versucht zu vermitteln - stößt dabei aber auch an Grenzen.

Garmisch-Partenkirchen - Es ist ein Streitthema, das schon lange vor der Corona-Krise Bestand hatte und wohl auch noch von Belang sein wird, wenn die Pandemie eines Tages vorbei ist: Das Verhalten der Städter bei ihren Ausflügen ins Münchner Umland. Schon oft beklagten sich die Anwohner aus Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz oder andernorts über rücksichtslose „Ausflügler“, die ihren Müll herumwarfen, ihre Exkremente hinterließen oder in anderer Weise schlechtes Benehmen zum Ausdruck brachten.

Mit der Corona-Pandemie jedoch nahm der Streit neu an Fahrt auf. Denn während Lockdown-Zeiten ist die Flucht zu einem Tagesausflug in die Berge für die Münchner oft die einzige Gelegenheit mal rauszukommen. Doch die sowieso schon durch schlechte Erfahrungen gereizten Bewohner der umliegenden Landkreise sind nun auch noch hin- und hergerissen zwischen der Angst, die Ausflügler könnten das Virus in ihre Landkreise bringen und dem Frust darüber, dass die Ausflügler zwar kommen - wegen des Lockdowns allerdings kaum Geld dalassen. Schon während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr führte dies zu teils heftigen Szenen, beispielsweise im Tegernseer Tal. Dort gipfelte der Streit schließlich in einem Brandbrief, den die Bürgermeister dort gemeinsam an die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner schrieben.

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Tourismusbranche leidet - doch die Ausflügler kommen trotzdem

Viel getan hat sich seitdem nicht. Auch in Garmisch-Partenkirchen war die Situation im Winter alles andere als entspannt. Denn bis zur endgültigen Entscheidung Mitte Februar, die Ski-Saison für diesen Winter ein für allemal abzusagen, waren die Pisten dort immer weiter präpariert worden - in der Hoffnung auf grünes Licht durch die Staatsregierung. Viele Skitourengeher, Rodler und Wanderer hatten die optimalen Bedingungen genutzt. Und so war es voll geworden in den Garmischer Alpen.

In einer Dokumentation des Bayerischen Rundfunks vom Mittwochabend wurde das Dilemma der Anwohner nun besonders deutlich. Für Anna Hertle, Pächterin der Tannenhütte bei Garmisch-Partenkirchen, war es eine schwere Zeit. Seit Beginn des Lockdowns für Gastronomiebetriebe im November 2020 hatte sie immer wieder auf Öffnungsperspektiven während der Hochsaison gehofft. Doch diese Hoffnung hat sie mittlerweile aufgegeben. Nun arbeitet sie wieder 20 Stunden pro Woche in ihrem alten Job in der Automobil-Branche und hofft auf Lockerungen im Frühjahr, denn die Pacht der Berghütte war für sie die Erfüllung eines lange gehegten Traums.

Garmisch-Partenkirchen: „Too much“ - Anwohner im Corona-Winter genervt von Städtern aus München

Hertle weiß, ohne Ausflügler wäre der Lockdown noch schwerer zu überstehen gewesen. „Wir freuen uns sehr über Tagesgäste, ich denke ganz Garmisch lebt direkt oder indirekt vom Tourismus“ so Hertle im BR. Doch nicht alle sind da uneingeschränkt ihrer Meinung. „Wir leben vom Tourismus, kein Thema. Aber im Moment ist es einfach too much“, widerspricht eine Anwohnerin.

Auch Elisabeth Koch, Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen, musste sich in diesem Winter viele Gedanken machen. Von der Politik fühlte sie sich im Stich gelassen, mit der Frage, wie sie und ihre Gemeinde den Ansturm naturhungriger Ausflügler hätten managen oder gar abwehren können - zumal auch ihr die Perspektiven für ihre, unter dem brachliegenden Tourismus leidenden, Anwohner fehlten. Koch schrieb ebenfalls einen Brandbrief - diesmal an Ministerpräsident Söder persönlich. Zusätzlich versucht sie, selbst so gut wie möglich mit den Bewohnern der Stadt ins Gespräch zu kommen.

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Bürgermeisterin besorgt - Anwohner klagen ihr Leid

Jeden Tag dreht sie ihre Runde: „Weil ich eine Verantwortung spüre für meine Leute. Und das sind meine Leute. Ich muss doch sehen wie es hier ausschaut. Ich muss die Lage beurteilen können“, so Koch gegenüber dem BR. Was sie dabei vor allem mitbekommt: Der Frust sitzt tief. Und die Fassungslosigkeit über die Respektlosigkeit, mit der so mancher Ausflügler daherkommt, ebenfalls. „Wir haben mords Ärger hier“, klagt eine Anwohnerin nahe des Ausflügler-Parkplatzes Koch ihr Leid. Jeden Morgen stehe sie um sechs in der Früh auf, um Müll und Dreck aufzuräumen. Sogar in den Garten würde man ihr „neibieseln“. Einsicht von Fehlverhalten - null.

„Nix ist im Grünen Bereich“: Garmisch-Partenkirchner verärgert über rücksichtslose Städter

Was sich geändert habe, im vergangenen Jahr, will Koch von der Frau wissen. „Die Rücksichtslosigkeit“, so die Anwohnerin an der Hausbergbahn. „Früher war es ein Spaß miteinander, jetzt ist es gegeneinander“, so die Frau. Die Schuldigen stehen dabei schnell fest. „Ich hab mich mit verschiedenen Leuten unterhalten, es sind überwiegend die „Stoderer“, die Münchner, die wo dann da rausfahren.“ Die Zugspitzbahn-Betreiber verstünden die Sorgen der Anwohner dabei kaum. „Die sagen nur, alles läuft im grünen Bereich. Aber gar nix läuft im grünen Bereich!“ Elisabeth Koch sieht in den Vorkommnissen vor allem ein gesellschaftliches Problem. Dies sei bereits vorher dagewesen, „aber jetzt durch die Jahreszeit und dem Drang der Leute drückt sich das eben so aus“. kah

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