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Staubige und bucklige Piste: Im November vergangenen Jahres brach Bettina Müller in Ohlstadt mit ihrem alten, selbst umgebauten Feuerwehr-Lkw nach Marokko auf.

Bettina Müller schildert ihre Erlebnisse - „Es gibt Schlimmeres“

Corona: Ohlstädterin erlebt Zeit der Pandemie auf Campingplatz in Marokko

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Zu einer Reise nach Marokko ist Bettina Müller aus Ohlstadt im November 2019 aufgebrochen. Im selbst umgebauten Feuerwehr-Lkw. Dann kam Corona. Müller entschied sich, für die Zeit der Pandemie zu bleiben. Sie schildert ihr Leben Zeit in dem Land, das fast still steht. 

Mit einem Abenteuer hat Bettina Müller gerechnet. Nicht aber mit diesem. 

Ohlstadt – Vier Monate wollte Bettina Müller in Marokko bleiben. Im November 2019 brach sie in Ohlstadt mit ihrem alten, selbst umgebauten Feuerwehr-Lkw auf. Tausende Kilometer – vorwärts und auch rückwärts, wenn die Bergstraße mal wieder zu eng für zwei Fahrzeuge waren und sie nachgab –, zahllose Abenteuer und Begegnungen lagen vor der 56-Jährigen. Sie hatte ja keine Ahnung, dass das größte Abenteuer warten würde, wenn die Reise eigentlich zu Ende war. Es hieß Corona. Bettina Müller erlebt die Pandemie in einem Land, in dem das Leben fast still steht. An einem Ort, an dem sie sich sicher, ja geborgen fühlt. Und keineswegs alleine ist.

„Ich bin begeistert vom marokkanischen Volk. Freundlich, immer hilfsbereit und aufgeschlossen“

Wenn ich mir den Gedanken kurz erlaube, dann spüre ich: Ja, ich wäre gerne in Ohlstadt. Zu Hause. Doch ich verwende keinen Gedanken daran, was ich lieber hätte. Schließlich habe ich mich am Ende freiwillig dazu entschieden, in Marokko zu bleiben, bis diese Pandemie überstanden ist. Denn meinen marokkanischen Findelhund und meinen Lkw wollte ich nicht zurücklassen.

12 000 Kilometer bin ich kreuz und quer durch dieses faszinierende Land gefahren, die wunderschöne Küste entlang, rauf auf 3000 Meter Höhe, habe Dünen und riesige Wälder durchquert. Bin vielen Reisenden und Einheimischen begegnet. Und: Ich bin begeistert vom marokkanischen Volk. Freundlich, immer hilfsbereit und aufgeschlossen. So erlebe ich sie auch jetzt, in dieser weltweiten Krise.

„Plötzlich ging alles ganz schnell“: Die ersten Fähren gecancelt, Flugverkehr eingestellt

Die ersten Informationen über Covid-19 habe ich online gelesen. Radio oder Fernsehen habe ich nicht. Plötzlich ging alles ganz schnell. Die ersten Fähren nach Italien wurden gecancelt, der Flugverkehr eingestellt, bald der Fährverkehr. Binnen einer Woche stand eine Luftbrücke nach Europa, Touristen wurden aufgerufen, sich in den großen Flughäfen einzufinden. Für mich keine Option, für manche auf dem Campingplatz schon. Eine Familie mit Kleinkind, ein Pärchen und ein älteres Ehepaar habe ich zum Flughafen gebracht. Die junge Familie ließ ihr Wohnmobil auf dem Campingplatz zurück. Ich war allein.

Am 20. März kam die komplette Ausgangssperre, der Shutdown des Landes. Nur die wichtigsten Fahrten wie zur Apotheke, zum Arzt, zum Einkaufen sind erlaubt. Alles andere ist untersagt, auch Reisen durch das Land. Polizei und Militär kontrollieren genau. Ohne Passierschein kein Weiterkommen. Ohne Mundschutz auf der Straße – Haft. Sogar alle Obdachlosen hat die Regierung von der Straße geholt. Niemand soll sich mehr draußen aufhalten. Mir blieb noch die Zeit, um nach Agadir zu fahren, auf den Campingplatz eines befreundeten deutsch-marokkanischen Ehepaares. Als eine der Letzten traf ich ein, danach wurde der Platz für Neuankömmlinge gesperrt.

Grenze geschlossen: „Hunderte Wohnmobile in einer Schlange, die nicht einreisen durften“

Viele waren in Panik abgereist, einfach gen Norden. An der geschlossenen Grenze zu Ceuta, dem kleinen spanischen Teil auf marokkanischem Boden, kam es zum Chaos. Hunderte Wohnmobile in einer Schlange, die nicht einreisen durften. Die marokkanische Regierung stellte einen Platz bereit inklusive Wasser und kostenlosen Lebensmitteln, bis eine Lösung in Zusammenarbeit mit Europa gefunden wurde. Zwei Fähren stellte man für die Ausreise bereit.

Auch wir erfuhren von dieser Möglichkeit. Niemand von uns nutzte sie. Zu ungewiss war es, ob man einen Platz auf einer der Fähren bekommen würde – die, wie sich herausstellte, nicht einmal für jene Fahrzeuge reichten, die am Hafen gestrandet waren. 60 Wohnmobile – statt der ursprünglich 150 – mit Reisenden aus Frankreich, Holland, Belgien, Polen, Italien und Deutschland blieben, gemeinsam mit dem Personal und die Campingplatzbetreiber. Viele sind Stammgäste, verbringen ihre Winter seit Jahren auf dem Platz. Sie fühlen sich sicher. Wie ich auch. Deshalb haben wir uns auch entschieden, zu bleiben.

Höchste Hygiene auf dem Campingplatz: Das Personal desinfiziert quasi rund um die Uhr

Der Platz ist geschlossen und wird komplett von außen versorgt, die Hygienemaßnahmen sind hoch. Es gilt ein Sicherheitsabstand von zwei Metern. Das Personal desinfiziert quasi rund um die Uhr: die Mülltonnen, die abmontierten Klobrillen, alle Tür- und Waschmaschinengriffe und vieles mehr. Das Lokal ist geschlossen, bietet aber Essen zum Mitnehmen an. Zudem wurde ein Laden eingerichtet, der alles Wichtige anbietet. Was fehlt, bringt ganz individuell ein Einkaufsdienst. Ich kann sagen: Mir geht es gut. Die Lage ist zwar kritisch, aber hier wird alles getan, um uns Touristen gut zu versorgen. Wir erleben keine Zwischenfälle oder kritische Situationen. Es gibt Schlimmeres als eine Quarantäne unter marokkanischer Sonne. Ich werde mein Buch fertig schreiben. Und hoffen, dass hier und überall alles gut geht.

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