Das kleine Fläschen steht immer wieder im Fokus: der Impfstoff Astrazeneca.
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Das kleine Fläschen steht immer wieder im Fokus: der Impfstoff Astrazeneca.

Ein Flyer und viele Argumente

„Da ist auch Solidarität gefragt“: Ärzte hoffen auf Astrazeneca-„Impfturbo“ - und klären über Impfstoff auf

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Der Impfstoff Astrazeneca ist in der Öffentlichkeit verpönt - vollkommen zu Unrecht, sagen die Hausärzte Dr. Kristina Ott und Dr. Andreas Spiegl. Sie haben vor allem eines im Sinn: Die Menschen richtig aufklären.

Landkreis – Einen Flyer haben sie schon erarbeitet. Der dürfte in diesem Tagen in vielen Wartezimmern der niedergelassenen Ärzte zu finden sein. „Astrazeneca und ich – ein Gedankenspiel“ lautet der Titel. Zu lesen gibt es zwei kurze Szenarien, eines aus der Sicht eines 45-Jährigen, das andere eines 73-Jährigen. Der Hintergrund: „Wir wollen den Menschen näherbringen, wie wichtig die Impfung ist“, betont Dr. Kristina Ott, die Corona-Koordinatorin der Hausärzte im Landkreis. „Die Impfung ist unsere Exit-Strategie, es gibt derzeit keine andere.“

Corona-Impfung: Jüngere tragen Virus zu Oma und Opa weiter - Ältere Generation vom Impfstoff Astrazeneca überzeugen

Warum die Geschichten eines 45- und eines 73-Jährigen? „Weil die Jungen geimpft werden müssen, um die Alten zu schützen“, stellt Dr. Andreas Spiegl klar. „Die Jüngeren tragen das Virus weiter zu Oma und Opa, haben aber selbst keine Probleme, weil sie vielleicht symptomfrei sind“, erklärt der Delegierte im bayerischen Hausärzteverband. Ein Problem, das verbreitet ist.

„Dieses Argument muss unbedingt in die Köpfe“, betont der Murnauer, der mit einem Fünfter-Team an Medizinern Praxen in der Marktgemeinde, in Uffing, Ohlstadt und Eschenlohe betreibt. Deshalb sei es so wichtig, die ältere Generation vom Wirkstoff Astrazeneca zu überzeugen. „Wenn die älteren Menschen Ü60 auf Biontech bestehen, nehmen sie den Jüngeren diesen Impfstoff weg“, sagt Spiegl. „Da ist auch Solidarität gefragt.“

Astrazeneca: Hausärzte wollen nicht überreden, sondern überzeugen - Mit einem Info-Flyer

Ott stimmt ihrem Kollegen in allen Belangen zu – und möchte eines herausstellen: „Wir wollen niemanden überreden, sondern mit Informationen und Zahlen gut aufklären, damit dieser sich eine Meinung bilden kann“, sagt die Allgemeinmedizinerin, die in Garmisch-Partenkirchen praktiziert. „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die armen älteren Menschen aus Unwissenheit Astrazeneca ablehnen, weil sie die Faktenlage nicht kennen.“ Oftmals führen die Arzt-Patienten-Gespräche zu einem positiven Ende – „das ist das Erfreuliche.“

Argumente haben die beiden Hausärzte auf ihrer Seite. Mit diesen fütterten sie auch den Flyer für die Praxen. Und die Informationen sind nicht irgendwelchen Studien entnommen, sondern den Auswertungen der führenden deutschen Organisationen, beispielsweise dem Sicherheitsbericht des hessischen Paul-Ehrlicher-Instituts, dem Organ des Bundes in Sachen Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. „Aber auch das Robert-Koch-Institut veröffentlicht wöchentlich ein Bulletin, in dem weltweit 244 Studien zum Impfen ausgewertet werden“, sagt Ott.

Corona-Impfung mit Astrazeneca: Risiko bei Über-60-Jährigen laut Datenlage kaum vorhanden

Aus diesen Unterlagen haben Spiegl und Ott die Zahlen über das Risiko von Astrazeneca herausgefiltert. Insbesondere mit Blick auf die schweren Nebenwirkungen wie die oftmals beschriebene Sinusvenenthrombose im Gehirn, die zu einem Schlaganfall führen könnte. „Rund 2,5 Millionen Menschen sind bis Ende März in Deutschland mit dem Wirkstoff geimpft worden, bisher sind 38 Fälle dieser Thrombose aufgetreten“, betont Ott.

31 waren Frauen, 7 Männer. 36 davon haben Personen im Alter von unter 60 betroffen. Im Umkehrschluss: „Nur zwei Menschen über 60 Jahre sind daran erkrankt, beide waren Frauen. Bei Über-70-Jährigen ist kein einziger Fall mehr nachgewiesen.“ Die Schlussfolgerung daraus: „Genau deshalb ist das Serum von Astrazenca bestens geeignet für die Altersgruppe über 60.“

Die Mediziner können die Menschen verstehen, dass sie vorsichtig, skeptisch oder unsicher sind. „Aber für Älteren besteht dazu kein Grund“, versichert Ott. Ihr größter Wunsch: „Die Leute sollen einfach offen für ein Gespräch mit uns sein, nicht gleich von vornherein die Impfung ablehnen.“ Denn eines sei klar: Wenn die Betroffenen den Wirkstoff ablehnen, dann rutschen sie in den Listen nach hinten. „Wer auf Biontech setzen will, der kommt auf meine Warteliste – und die ist sehr lang“, macht Ott klar. „Das ist auch nur fair gegenüber allen anderen, schließlich haben wir in Deutschland weiter eine Impfstoff-Knappheit.“ Bei Spiegl sieht das ähnlich aus.

Corona in Bayern: Hausarzt betont - „Die Menschen müssen sich schützen“

Daher haben sich die Ärzte zu dieser Kampagne für das Serum entschlossen. „Die Menschen müssen sich schützen“, stellt Spiegl klar. Die britische Variante des Corona-Virus wirkt aktuell als Treiber für die Infektionszahlen. Ott ist mit Blick auf die Kliniken besorgt. „Wir brauchen jetzt einen Impfturbo, damit wir in ein paar Wochen nicht entscheiden müssen, wer noch ein Intensivbett bekommt und wer nicht.“ Keine schönen Aussichten, „aber ein nicht ganz unrealistisches Szenario.“

Eine Entscheidung der Regierung von Oberbayern bringt die niedergelassenen Ärzte im Landkreis Garmisch-Partenkirchen in die Bredouille: Nun sollen allein sie den Wirkstoff von Astrazeneca verimpfen. Das sorgt auch für Unverständnis. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

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