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Großbaustelle an der Unfallklinik: Der angebliche Einsatz von Billigarbeitern macht viele betroffen.

UKM-Baustelle in Murnau

„Das ist moderne Sklavenhaltung“

Murnau - Es ist kein Geheimnis, dass viele Billiglöhner aus Südosteuropa systematisch in Deutschland ausgebeutet werden - ob nun in Schlachthöfen, im Bau- oder Transportgewerbe.

Zu einem besonders groben Fall soll es heuer nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Murnau auf der Großbaustelle an der Unfallklinik (UKM) gekommen sein. Die Rede ist von vier rumänischen Wanderarbeitern, die angeblich von einem Subunternehmen aus ihrem Heimatland mit Hungerlöhnen abgespeist und zu miserablen Bedingungen untergebracht wurden.

Gewerkschafter und Politiker sind empört. Sie fordern eine rechtliche Überprüfung - und Konsequenzen. „Das ist moderne Sklavenhaltung“, schimpft Kreisrätin Tessy Lödermann (Grüne). „Es kann nicht sein, dass das bei uns im Landkreis stattfindet.“ Die Leitung der Unfallklinik und der Generalunternehmer auf der Baustelle, Riedel Bau aus Schweinfurt, weisen die Vorwürfe zurück. Alles sei korrekt abgelaufen.

Hungerlohn für rumänische Arbeiter

Die zweiseitige Reportage „Unsere neuen Hungerlöhner“ in der jüngsten Ausgabe der besagten Sonntagszeitung schlägt hohe Wellen. Das geschilderte Beispiel aus Murnau macht betroffen. Die vier Rumänen waren demnach von August bis Mitte Oktober auf dem Rohbau im Osten der UKM tätig. Dort entsteht für rund 70 Millionen Euro ein Erweiterungskomplex (wir berichteten). In dem Artikel rechnet einer der Arbeiter seinen Stundenlohn aus - und kommt auf lausige 61 Cent. Das wäre skandalös und ein klarer Rechtsbruch, denn eigentlich gilt ein Mindestlohn von 13,70 Euro.

Doch damit nicht genug: Die Männer mussten sich nach eigenen Angaben in einer Unterkunft in Achrain ein mickriges 14-Quadratmeter-Zimmer zu Viert teilen - und dafür zusammen noch 1070 Euro im Monat bezahlen. Sie hätten sich Geld leihen müssen, berichten sie, um sich etwas zu essen kaufen zu können.

Widersprüchliche Angaben - Verdacht auf Lohndumping

Bürgermeister Dr. Michael Rapp (CSU) ist geschockt: „Das geht nicht. Das ist erschütternd.“ Auf die Gehälter habe er zwar keinen Einfluss. Aber die Frage der Unterbringung gehe ihn sehr wohl etwas an. Dies sei ein Fall für die Bauaufsicht.

Es dürfte jedoch schwierig werden, die Sache aufzurollen. Die Arbeiter sind längst nach Rumänien zurückgekehrt. Die Angaben sind verwirrend und widersprüchlich. Damit beschäftigt hat sich Mihai Balan, den die Rumänen vor etwa zwei Wochen zu Hilfe riefen. Der Soziologe ist für das Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes tätig. „Die Aussagen der Arbeiter decken sich nicht mit denen der Firma“, resümiert er. Der genannte Stundenlohn von 61 Cent sei nur eine „Momentaufnahme“ gewesen. Rechne man weitere Zahlungen hinzu, sei dieser mit Sicherheit höher. Ob der vorgeschriebene Mindestlohn erreicht wurde, da habe er jedoch seine Zweifel. „Ich habe noch keinen Wanderarbeiter getroffen, der diesen bekommen hat.“ Er werde jedenfalls seine Informationen an das Hauptzollamt Rosenheim weiterleiten, das sich mit Lohndumping beschäftigt, kündigt Balan an.

Angeblich alles in Ordnung

Karl-Heinz Kaufmann, Geschäftsführer der Unfallklinik, wurde ebenfalls aktiv. Er ließ sich die Lohnabrechnungen und Mindestlohnbestätigungen zukommen. Sein Fazit: Alles in Ordnung. Dies teilt auch Riedel Bau mit: Der Auftrag an das Subunternehmen für Rohbau-Leistungen sei „unter Beachtung der gesetzlichen Vorgaben abgeschlossen“ worden. Alle dort beschäftigten Mitarbeiter hätten den Mindestlohn erhalten und dies auch quittiert.

Nach Einschätzung Kaufmanns ist es nur zu Verzögerungen bei der Überweisung nach Rumänien gekommen. Die betroffenen Arbeiter hätten - nach Bekanntwerden ihrer Notsituation - in der Kantine der Klinik Verpflegung erhalten. „Das, was wir machen konnten, haben wir getan“, betont Kaufmann. Allerdings, räumt er ein, könne man nicht überprüfen, ob die vorgelegten Vereinbarungen auch eingehalten wurden.

Nach Auskunft der Industriegewerkschaft Bau in München gibt es in der Branche etliche Schwarze Schafe, die versuchten, mit Tricksereien die Löhne zu drücken. Das fange bei unbezahlten Überstunden an und höre bei gefälschten Papieren auf.

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