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Öffentlicher Protest: Das Pamphlet der „Weißen Taube“ am Brunnen gegenüber vom Angerbräu in Murnau.

Protestschreiben der „Weißen Taube“

„Privatabrechnung“ eines Einzelnen?

Murnau - Die Debatte um das öffentliche Protestschreiben der „Weißen Taube“ geht weiter. Der eine kann damit nichts anfangen, andere finden es „pfiffig“.

Der Murnauer Juzeleiter Johannes Templer kann dem Protestschreiben der „Weißen Taube“ nur wenig abgewinnen. Der Sozialpädagoge stuft das Pamphlet, das am Brunnen gegenüber dem Angerbräu angebracht ist und auch in einigen Briefkästen landete, vielmehr als „Einzelmeinung“ und „Privatabrechnung“ ein.

Wie berichtet, beklagte der anonyme Autor in dem Schreiben, dass in Murnau die Jugend an den Rand gedrängt werde. Es gebe „kaum genügend bezahlbaren Wohnraum für unsere Unterschicht und erst recht keinen Raum für Jugendliche (außer ein paar Ausnahmen), in dem sie sich ausprobieren, entdecken und entfalten können“, lautet ein Vorwurf.

Templer widerspricht. Es gebe das Jugendzentrum Erlhaus und eine ganze Reihe von Vereinen. Auch die Westtorhalle biete sich an. Und überhaupt: „Der Freizeitwert in Murnau ist extrem hoch.“ Die Möglichkeiten seien enorm. „Es gibt wenig, wo ich sagen würde, da herrscht Not.“ Sein Eindruck: „Es gibt eher eine Über- als eine Unterversorgung.“

Inhaltlich findet Templer das Schreiben „dürftig“, es enthalte „nichts Konstruktives“ und es mangle an Fakten. Er selbst präsentiert welche: Eine Umfrage der Kinder- und Jugendvertretung (KJV) hat ergeben, dass die Jugendlichen in Murnau „ausgesprochen zufrieden“ seien. Ein großer Wunsch war allerdings ein Schwimmbad. Die Umfrage ist gut fünf Jahre alt. Templer glaubt jedoch nicht, dass sich die Lage seitdem drastisch verändert hat.

Der Murnauer Gemeinderat Phillip Zoepf (Mehr Bewegen) denkt hingegen schon, dass es „zu wenig Raum“ für Jugendliche gibt. Er hatte die Aktion bei Facebook gepostet. „Schade, dass sich niemand gemeldet hat.“ Zoepf glaubt, dass der Autor „erst einmal provozieren wollte, um eine Reaktion hervorzurufen“. Der Mehr-Bewegen-Rat hält das Vorgehen der „Weißen Taube“ – so nennt sich der anonyme Autor – für „pfiffig“. Das sieht Anna Schlegel (ÖDP/Bürgerforum) ähnlich, eine der beiden Jugendreferentinnen des Gemeinderats. Die Art und Weise, wie der Verfasser an die Öffentlichkeit ging, sei „kreativ und einfallsreich. Er hat die Aufmerksamkeit bekommen, die er wollte.“ Es seien sicher Missstände vorhanden, sagt Schlegel. „Doch es gibt viele Gruppen, die sich für Jugendliche einsetzen und ihnen Gehör verschaffen.“ Die Kommunalpolitikerin nennt zum Beispiel die KJV. Diese sei die Anlaufstelle, „wenn etwas fehlt“.

Was das Verbot, Alkohol in der Öffentlichkeit zu konsumieren, angeht, hat der Verfasser des Schreibens nach Schlegels Meinung „nicht ganz Unrecht“. Zur Erinnerung: Der Autor hatte beklagt, dass die jungen Leute „an den Rand der Gesellschaft verbannt“ und „dort kriminalisiert“ würden. Er nennt dabei explizit das Alkohol-Verbot. Dies sei gezielt verhängt worden, „um Jugendversammlungen ohne einen sichtbaren Grund aufzulösen“.

Auch Streetworkerin Ilona Demmel ist von dem Alkohol-Tabu nicht hundertprozentig überzeugt. Das generelle Verbot „gilt es meiner fachlichen Meinung nach, nochmal auf dessen Nutzen und Sinnhaftigkeit zu überprüfen (natürlich im Rahmen des Jugendschutzgesetzes)“. Denn es bewirke „lediglich eine Verlagerung des ,Problems’“ und gebe „den Jugendlichen tatsächlich ein Gefühl der Ausgrenzung“.

Die Streetworker-Stelle sieht Demmel als „einen sehr guten Schritt“, den Jugendlichen „ein noch breiteres Angebot an Unterstützung zur Verfügung zu stellen“.

Und was sagen die Teenager selbst? Dass es nicht genug Raum für junge Menschen gibt, verneint KJV-Sprecher Niklas Einsle (14) und verweist auf das Erlhaus. Grundsätzlich sei die KJV dafür da, „die Interessen der Jugendlichen zu vertreten“. Der Autor des Schreibens könne gern vorbeischauen. „Wir wären zu einem Treffen bereit.“ Die KJV will im Sommer übrigens eine neue Umfrage starten.

Roland Lory

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