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Nehmen kein Blatt vor den Mund: Heinzi (r., Albert Sichaner) und Kurti (l., Franz Degele) ziehen in gewohnter Manier ordentlich vom Leder und sorgen für einige Lacher.

Starkbier-Anstich: Derblecken ist Trumpf

Darth Vader und Dolly Buster in einer Person

Bad Kohlgrub - Starkbierzeit in Bad Kohlgrub: Beim traditionellen Derblecken der Freien Wähler ist wieder kein Auge trocken geblieben.

„Dass eine Fastenpredigt keine Lobrede ist“, stellte Martin Fritz senior gleich bei der Begrüßung des Starkbierfestes der Freien Wähler im fast vollen Wirtshaus am Kurpark in Bad Kohlgrub fest. Dass aber ein Gemeinderat gleich mit zwei nicht so schmeichelhaften Persönlichkeiten in Verbindung gebracht wird, konnte auch er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Es war CSU-Rat Georg Doll, der heuer ordentlich durch den Kakao gezogen wurde. Den ersten Seitenhieb verpasste ihm Fastenprediger Klemens Reindl, der ihn als „Darth Vader des Baurechts“, bezeichnete, weil er zu „jeder noch so kleinen und eindeutigen Bausache einen Kommentar abgeben muss“. Schließlich sei er Fachmann. Ins gleiche Horn stießen Heinzi (Albert Stichaner) und Kurti (Franz Degele) bei ihrer humorigen Zusammenfassung des Ortsgeschehens. Sie nahmen Doll nicht weniger aufs Korn. Denn neuerdings sitze im Gemeinderat auch Dolly Buster. Nein, nicht die Frau mit der gigantischen Oberweite. Denn der Gemeinte redet so viel, bis der Bürgermeister ihm mit den Worten: „Dolly, jetzt hörst aber auf, basta!“ Einhalt gebietet. Ganz anders dagegen verhält sich dessen Parteikollege Robert Baumgartl: Von ihm sei nicht gesichert belegt, ob er während seiner mittlerweile fast zweijährigen Amtszeit überhaupt schon einen Laut von sich gegeben habe.

Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten punktete dagegen Landrat Anton Speer, der allerdings laut Reindl auch alles durcheinander bringt: „Fast zwölf Jahre waren wir es gewohnt, dass der Landrat nur einmal im Jahr zur Bürgerversammlung kam. Er sagte, wir sollen mehr Milch trinken und die Steuern erhöhen. Und das war’s dann wieder für ein Jahr.“ Speer dagegen schaut auch zwischendrin vorbei und „befasst sich sogar mit Problemen“. So geschehen beim Leichenhaus. Da hat er sogar auf den Tisch gehauen. „Dann san’s gehüpft, die Toten, dass es fast schon eine strafbare Störung der Totenruhe war. Also nicht auf dem Friedhof, sondern die im Bauamt.“

Da klatschte und johlte das Publikum, und selbst der Kreis-Chef konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Ebenso wie Bürgermeister Karl-Heinz Reichert, der die Veranstaltung mittlerweile schon zum dritten Mal mit seiner Anwesenheit beehrte – und damit seinen Vorgänger Gerald Tretter bereits übertroffen hat. Reindl folgerte daraus, dass „die Pfälzer offensichtlich die härteren Brocken sind als die Schwaben“.

Derbleckt wurde an dem Abend aber nicht nur Gemeinderat Doll, sondern das komplette Gremium. Denn die Bad Kohlgruber Volksvertreter sind mittlerweile mit einem Tablet ausgestattet und untereinander vernetzt. Das teilt ihnen sogar mit, wann sie abstimmen müssen. Denn wenn der Bürgermeister auf eine Taste drückt, ploppt bei jedem ein Fenster auf. Was drauf steht, demonstrierte Reindl und zeigte einen Tablet-Bilschirm: „Hand hoch!“ prankte dort auf rotem Hintergrund mit großen Buchstaben. Das funktioniert im Grundsatz ganz gut. Nur einer müsse immer seinen Nachbarn fragen, wie das geht und was das jetzt wieder bedeutet. Mehr wollte der Fastenprediger über den Betroffenen aber nicht sagen.

Und dann gibt es laut Insider-Informationen noch zwei Youngsters von der Neuen Liste, die der Sache wohl nicht so recht trauen: Deshalb schreiben Gilbert Ullmann und Simon Eickholt während der Sitzung auch immer Zettelchen hin und her – so wie früher in der Schule. Nicht selten geht’s darin um Lehrer, äh Bürgermeister Reichert.

Die Themen, die Reindl nicht aufgegriffen hatte, thematisierten spätestens Heinzi und Kurti. Die beiden diskutierten wieder alles, was „die Mama“ aufgeschnappt hat. Zum Beispiel, dass zweiter Bürgermeister Franz Degele im vergangenen Jahr eine Riesensauerei beim O’zapfn gemacht hat, weil „er’s mit dem Bier nicht so hat“. Muss fast was dran sein, denn auch heuer strömten die ersten Biermengen nicht ins Glas, sondern auf den Boden.

Und noch was kam der Mama zu Ohren: Dass die Gemeinderäte sehr wenig Sitzungsgeld im Vergleich zu den Kollegen aus anderen Orten bekämen. Deshalb habe Bürgermeister Reichert schon 2014 verkündet, dass die Gemeinde künftig das Jahresabschlussessen der Räte bezahlen wird. Nur leider hatte er das 2015 schon wieder vergessen. Auf seinen Fauxpas hingewiesen, sei ihm das aber so peinlich gewesen, dass er sie persönlich zum Essen eingeladen hat.

Nach drei unterhaltsamen Stunden war das Starkbierfest dann vorbei. An Selbstironie mangelte es ebenso wenig wie an witzigen (Halb-)Wahrheiten über Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker.
Michaela Feldmann-Kirschner

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