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Therese Schmid, 97, ist wohl die älteste Dessous-Verkäuferin im ganzen Land.

Nach 62 Jahren im Geschäft

Madame Dessous macht zu: Deutschlands älteste Wäsche-Verkäuferin hört auf

Therese Schmid, 97, ist wohl die älteste Dessous-Verkäuferin im ganzen Land. Seit 62 Jahren bietet sie in ihrem Laden in Garmisch-Partenkirchen Spitzenwäsche, Mieder und Nachthemden an. Jetzt hört sie auf – allerdings ganz und gar nicht freiwillig.

Garmisch-Partenkirchen - Die kleine Hand verschwindet in einem Polster mit schwarzen Stickereien und roten Spitzen. Therese Schmid, 97, Dessous-Verkäuferin, sagt: „Schauen’S, wie viel da Platz hat.“ Drei Mal würde ihre Faust locker hineinpassen in das Körbchen, das normalerweise einen F-Busen hält. Sie hat das Modell für Frauen, „die gerne eine Rose am Busen tragen“, ausgepackt. Therese Schmid steht mitten in ihrem Laden, zwischen Nachthemden und Spitzenwäsche, sie lacht und zeigt auf die weinrote Blüte zwischen den Bügeln. Immer wieder, sagt sie, denken sich die Firmen was Neues aus.

Sie kennt die Branche wie kaum eine andere: Übernächstes Jahr wird sie 100, seit mehr als sechs Jahrzehnten führt sie in Garmisch-Partenkirchen einen Dessous- und Miederladen. Doch bald ist damit Schluss, Therese Schmid schließt und damit endet eine Ära. Nicht, weil sie nicht mehr im Laden stehen will. Eine Räumungsklage läuft.

Als junge Frau hatte sie Buchhalterin gelernt, dann stieg sie auf Dessous um.

Noch wird die Kundschaft mit Wäsche und Weisheiten rund um den richtigen BH versorgt. Therese Schmid präsentiert das nächste Teil: „Neckisch, gell.“ Ein zartrosa Negligé aus transparentem Überstoff – das lässt Raum für Fantasien. Schließlich gibt es Männer, sagt die 1,50-Meter-Dame mit Haarreif im grauen Haar, die ihre Frau hübsch sehen wollen. Doch das Problem ist: „Die deutsche Frau ist nicht mehr schick“, sagt sie. Außen schon. Modisch gekleidet und das ganze Gesicht „bemalt“ – so nennt Therese Schmid, die schon Creme auf der Haut stört, die Schminkerei. Aber drunter? Sie winkt ab. Sie weiß, wie viele Frauen mit einem falschen BH herumlaufen. Der Busen hänge irgendwo da unten, Therese Schmid deutet an eine Stelle kurz oberhalb des Nabels. Und gleich nach dem Busen fange dann der Bauch an. Schön ist anders.

Und dann ist da noch diese Mode mit den String-Tangas: „Up to date“, sagt sie, sei man vielleicht damit. Aber er muss doch auch zu Figur und Alter passen. Ein String bei Größe 50 und dann noch, „wenn der Körper schon welk wird und der Hintern runterhängt – mein lieber Gott“. Therese Schmid schüttelt den Kopf. Es ist ein gigantisches Wissen rund ums Unten-Drunter, das verloren geht, wenn diese Dessous-Urgewalt in Rente geht.

Seit 1955 verkauft Therese Schmid Dessous am Mohrenplatz

1955 hat sie ihren Laden mitten in Garmisch eröffnet, Mohrenplatz 5. Voriges Jahr schickte ihr der Vermieter die Kündigung. Völlig überraschend, sagt Therese Schmid. Er habe nie mit ihr darüber geredet. Davor nicht und seitdem nicht. Das sei das Schlimmste: Dass ihr niemand sagt, warum sie nicht bleiben darf. Wieder schüttelt sie den Kopf. „Dass ich so ein Theater noch erleben muss.“ Der Vermieter will sich auch auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern: „Es ist besser, wenn ich dazu nichts sage“, sagt er freundlich, aber bestimmt.

Inzwischen sind auch Anwälte eingeschaltet, die Unterlagen zeigen: Die Sache zieht sich schon eine Weile hin. Therese Schmid erreichte bereits im März 2016 die Kündigung zum 30. September. Die habe sie in der Post übersehen, sagt die 97-Jährige. Eine weitere – fristlose – Kündigung sprach der Vermieter über seine Anwältin im Juni 2016 aus. Therese Schmids Anwalt antwortete: Zum 31. Dezember werde seine Mandantin „das Objekt ordnungsgemäß (...) zurückgeben“. Das ist, wie man sieht, nicht passiert. Die Gegenseite setzte eine letzte Frist bis 20. Januar 2017. Halte Schmid diese nicht ein, werde sie eine Räumungsklage einreichen, kündigte die Juristin an. So kam es dann auch, auch wenn der Anwalt der Dessous-Verkäuferin angesichts ihres Alters noch „um etwas Geduld“ bat.

Im Moment ist es so: Therese Schmid sagt, sie bezahle ihre 300 Euro Miete jeden Monat – sie werde bleiben. Sie macht weiter, bis sie wirklich gar nicht mehr darf. Bis ihr das Gericht schreibt, dass Schluss ist. Schluss mit einer kleinen Ewigkeit zwischen BHs und Nachthemden.

Gelernt hat Therese Schmid Buchhalterin. Nach dem Krieg arbeitete sie für eine Import-Export-Firma. Bis sie mit 30 einen Unfall hatte. Sie und ihr Schwager waren auf dem Weg nach Österreich, eine Stofffarben-Lieferung. In Tirol rammte sie ein Auto, Therese Schmid überlebte schwer verletzt. Diagnose: Schädelbasisbruch mit Hirnblutung. Danach – die 97-Jährige lässt ihre Hand vor der Stirn kreisen – habe der Verstand nicht mehr so funktioniert. Als Buchhalterin konnte sie nicht mehr arbeiten. Also überlegte sie sich eine Alternative. Und nachdem die Dessous-Konkurrenz im Ort mit nur einem weiteren Geschäft überschaubar schien, startete sie vor 62 Jahren mit ihrem eigenen Laden.

Lack und Leder oder Leopardenmuster? „Grauslig.“

Noch bis 2010 hatte sie von 10 bis 12 und von 14.30 bis 18 Uhr geöffnet. Ohne Ruhetag. Mittlerweile sperrt sie nur noch montags bis freitags, 16 bis 18 Uhr, auf. Die Zeiten liegen ihr mehr. „In der Früh war ich schon immer eine Niete“, sagt sie. Aufstehen – nicht ihr Ding. Genauso wenig die Ordnung. Therese Schmid regiert als Königin im Unterwäschen-Chaos. Der Laden, so groß wie eine Doppelgarage, quillt über mit BHs, Negligés, Slips, Tangas und Schlafhemden. Seide, Baumwolle, Nicki-Stoff. Mit Spitzen und Rüschen oder schlicht. In den Laden kam nur, was Therese Schmid selbst gefällt. Lack und Leder oder Leopardenmuster? Auf keinen Fall: „Grauslig.“ Am besten sexy, schön, bequem.

Viel nimmt sie nicht mehr ein in Zeiten von Billig-Unterwäsche, mit denen sich die Frauen ihrer Meinung nach die Figur ruinieren. Aber Geld und Besitz – das sind nicht Therese Schmids Themen. Ein Engländer hat ihr mal aus der Hand gelesen. Seine Erkenntnis: „Ihr Lebensstil kostet viel Geld.“ Lange überlegte sie, was er wohl gemeint hat. Dann kam sie dahinter. „Ich hab immer alles verschenkt.“ Und früher kam es schon mal vor, dass sie Vertreter über den Tisch gezogen haben.

Das Bild zeigt die Garmischerin bei einem Besuch unserer Zeitung im Jahr 2010.

Des Geldes wegen also will Therese Schmid nicht weitermachen, bis sie wirklich rausgeworfen wird. Was ist es dann? Leidenschaft? Therese Schmid lächelt nachsichtig. Ihre Welt drehte sich nie um das Erfüllen von Träumen. Sondern darum, den Alltag zu meistern. Geboren 1919, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, wuchs sie mit drei Geschwistern und ohne Vater auf. Und dann auch noch der Zweite Weltkrieg . „Da gab es nicht viel Ich“, sagt sie. Den Laden eröffnete sie, weil sie irgendwie für sich und ihren Sohn, heute 77, sorgen musste. Dessen Vater war im Zweiten Weltkrieg in Russland gefallen. Eines hat sie sich geschworen: „Arbeite, solange du kannst, damit du kein Pflegefall wirst.“ Deshalb dachte sie nie an Ruhestand. Zumindest bis vor Kurzem.

Am 19. August, in fünf Monaten, feiert sie 98. Geburtstag. Bald danach wollte sie den Laden schließen. „Dann wäre es an der Zeit gewesen.“ Sie sieht schlecht, grüner und grauer Star. Sie geht an zwei Stöcken, muss sich die eineinhalb Kilometer von der Wohnung ins Geschäft mit dem Taxi fahren lassen. Viel Kraft hat sie zudem der Streit mit dem Vermieter gekostet. Dabei wäre das doch gar nicht nötig gewesen, sagt sie. Weil sie eh bald aufhören wollte.

Jetzt zieht Therese Schmid einen roten BH mit Schnürung aus dem Regal. Von Empreinte, ihrer Lieblingsmarke aus Frankreich. „Was mach’ ich denn mit den ganzen Sachen?“, fragt die kleine Dame. Verschenken, hat sie sich gedacht. An Menschen, die sich die hochwertige Unterwäsche nicht leisten könnten. Dafür sucht sie eine Organisation, die das Verteilen koordiniert. Ihre Stammkunden haben sie schon gefragt, wo sie künftig einkaufen sollen. Therese Schmid weiß darauf keine Antwort.

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