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Mit dem Namen Kemmelpark nicht einverstanden: Gottfried Hilscher, hier vor dem Supermarktzentrum.

Fragwürdige Traditionspflege

Diskussion um Kemmelpark: Nach Schlachtfeld benannt 

Murnau - Der Journalist Gottfried Hilscher fordert eine Umbenennung des Murnauer Kemmelparks. Der Grund: Dieser Name erinnert an ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges.

Die Diskussion über belastete Namen von Straßen, Gebäuden und Einrichtungen flammt im Landkreis immer wieder auf. Ein Beispiel war 2011 die Umbenennung der einstigen Max-Dingler-Hauptschule in Mittelschule Murnau (wir berichteten). Grund war die braune Vergangenheit des abgesetzten Schulpatrons. Murnau hat mit Blick auf eine fragwürdige Erinnerungskultur noch einen wunden Punkt: den Kemmelpark, der auf dem Gelände der einstigen Kemmelkaserne entstand.

Der erste Teil des Namens des jungen Ortsteils, der ein Wohn- und Gewerbegebiet umfasst, verweist nämlich auf einen blutigen Schauplatz des Ersten Weltkriegs im belgischen Flandern. Am Kemmelberg eroberten die Deutschen im April 1918 eine Schlüsselstellung. 86 000 deutsche Soldaten, 82 000 Engländer und 30 000 Franzosen bezahlten dies mit ihrem Leben.

Genau 100 Jahre ist es her, dass mit dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. In dem ersten industriell geführten Massenkrieg starben mehr als 17 Millionen Menschen. Der Journalist Gottfried Hilscher aus Schwaigen nimmt dieses Gedenken zum Anlass, um seine Forderung zu erneuern, den Kemmelpark anders zu bezeichnen. „Der Name ist unerträglich. Er muss weg“, sagt der 75-Jährige - und spricht von einem „Skandal“.

Der Name „Kemmel“ gehöre zwar mittlerweile zur Alltagssprache der Murnauer, sei aber von Adolf Hitler „eingeschleppt“ worden, erklärt Hilscher in einer schriftlichen Abhandlung zum Thema, mit der er sich an das Tagblatt wandte. Der Diktator habe 1939 der Kaserne die Bezeichnung in Anlehnung an die besagte Kampfstätte gegeben und damit für seine Propaganda instrumentalisiert. Murnau war kein Einzelfall. Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wurden viele militärische Einrichtungen nach Schlachten, Kriegshelden und Heerführern benannt.

Journalist setzt sich für Aufarbeitung ein 

Hilscher beschäftigt die Angelegenheit schon seit Jahren. Er sei geschockt gewesen, berichtet er, als er in dem mittlerweile abgerissenen Kasernengebäude eine „meterlange eingravierte Landkarte mit dem Frontenverlauf am Kemmelberg“ entdeckte, die „im Laufe der Jahre unzählige Bundeswehrler passiert haben“. Der Journalist geht einen Schritt weiter: Er setzt sich nicht nur für eine Umbenennung ein, sondern auch für eine Aufarbeitung. Er schlägt eine Patenschaft mit der für den Kemmelberg zuständigen Provinzhauptstadt Ieper vor. Hilscher: „Das diesjährige Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs wäre ein würdiger Anlass: Für einen patenschaftlichen Handschlag zwischen den Kommunen am flandrischen Kemmelberg und Murnau, dem der Name ,Kemmel' aufgedrückt wurde und an dem es immer noch gedankenlos festhält.“

Der Kaufbeurer Studiendirektor und Publizist Jakob Knab, der für seine Kritik an der Traditionspflege der Bundeswehr bekannt ist, bringt eine weitere Variante der Vergangenheitsbewältigung ins Gespräch. Der Gründer der „Initiative gegen falsche Glorie“ schlägt vor, im Zuge einer Umwidmung einen Gedenkstein aufzustellen, damit die Opfer der Schlacht am Kemmelberg nicht in Vergessenheit geraten. Knab ist in Murnau kein Unbekannter. Er brachte die Dingler-Debatte ins Rollen.

Es gibt aber auch Stimmen, die an der jetzigen Bezeichnung nichts auszusetzen haben. Dazu zählt die Murnauer SPD-Kreisrätin Elisabeth Maise-Ball. Die Idee, das Gelände im Norden des Ortes Kemmelpark zu nennen, stammt von ihr. Eine Jury hatte sich 2005 nach einem Wettbewerb dafür entschieden. Für sie sei es damals nicht um den geschichtlichen Bezug gegangen, erklärt die Politikerin. Sie habe eine etablierte Bezeichnung ausgewählt. So sieht sie es noch heute.

Kämmerer Hubert Süß, der als Geschäftsführer der Murnauer Grundstücks-Verwaltungs-GmbH für das Wohn- und Gewerbegebiet zuständig ist, vertritt die gleiche Meinung. Es wäre schade, den Titel aufzugeben. Viele Firmen hätten diesen übernommen. Und auch in der Vermarktung der freien Flächen habe sich dieser eingebürgert. as

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