Selfie von Corbinian Cedzich (l.) und Sigi Hempel vor dem Vereinsschild der Edmonton Oilers.
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Mitfiebern bei Zittersieg: Corbinian Cedzich (l.) und Sigi Hempel betreuen die U20 bei der WM.

U20-Eishockey-Mannschaft schafft in Kanada Historisches

U20-Eishockey-WM: Betreuer des SC Riessersee erleben turbulente Reise

  • vonPatrick Hilmes
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Corona-Fälle, kaum Vorbereitung, zwei Niederlagen zum Auftakt und dann doch Historisches erreicht. Die DEB-Auswahl hat eine turbulente WM in Kanada hinter sich. Mit dabei waren auch zwei Betreuer des SC Riessersee.

Edmonton – Das deutsche U20-Eishockey-Team liegt bei der Weltmeisterschaft gegen die Schweiz mit 4:0 vorne, später mit 5:2, dann 5:3, dann 5:4. In diesen Minuten schlagen die Herzen der Fans, der Spieler und der Trainer höher. Das Zittern beginnt. Doch es dauerte nicht lange. Es blieb beim 5:4. Es war ein historisches Ereignis. Noch nie zuvor hatte eine deutsche U20 ein WM-Viertelfinale erreicht. Höher geschlagen haben auch die Herzen von Sigi Hempel und Corbinian Cedzich, denn die beiden Betreuer des SC Riessersee waren mit von der Partie in Kanada.

Corona bremst die DEB-Auswahl

Hempel, der mittlerweile beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) tätig ist und immer wieder beim SCR aushilft, sowie Cedzich richteten ihren Fokus vom 6. Dezember an für vier Wochen ausschließlich auf die U20. Für beide ging ein Traum in Erfüllung: eine Eishockey-WM im Mutterland des Sports. Doch es war eine äußerst turbulente Reise.

Los ging es am Nikolaustag mit der Vorbereitung inklusive täglichen Corona-Tests am Bundesstützpunkt in Füssen. Am 13. Dezember stieg der gesamte deutsche Tross in den Flieger gen Kanada. Angekommen in Edmonton (Provinz Alberta) mussten sich alle isolieren und einem Testprozedere unterziehen. Bis dato lief alles wie geplant. Doch Corona mimte einmal mehr den Spielverderber. Insgesamt wurden neun DEB-Spieler positiv getestet, die daher zunächst in Quarantäne blieben. Lediglich die sechs Akteure sowie Teile des Trainer- und Betreuerstabes, die bereits im von der Internationalen Eishockey-Föderation (IIHF) vorgeschriebenen 90-Tage-Zeitraum von Anfang September bis Ende November mit dem Coronavirus infiziert waren, durften das Training aufnehmen. Einer von ihnen war Hempel. Im November erkrankte er an Covid-19, der Verlauf jedoch ein milder. Fieber, Gliederschmerzen, Schnupfen – fünf Tage lang. „Ich hatte Glück. Das war wie eine normale Grippe.“ Cedzich hingegen blieb vorerst in Quarantäne. Langweilig wurde ihm aber nicht. Es gab viel zu besprechen in diversen Videokonferenzen. Einmal schaltete sich auch NHL-Profi Leon Draisaitl zu, um dem deutschen Team Mut zu machen.

Dennoch: Die Vorbereitung war alles andere als optimal. Das komplette Team konnte weder zusammen trainieren, geschweige denn vor Ort Testspiele austragen. Erst an Heiligabend durften einige Akteure die Quarantäne verlassen. So startete die DEB-Auswahl am 25. Dezember mit 14 Spielern und zwei Goalies in die WM gegen Finnland (3:5-Niederlage). Es folgte eine 2:16-Klatsche gegen Top-Favorit Kanada. Die Stimmung war am Boden.

Jubel nach Zittersieg: Die deutsche U20 feiert den 5:4-Erfolg gegen die Schweiz und damit den historischen Einzug ins WM-Viertelfinale.

Die Gesamtsituation hat die Mannschaft zusammengeschweißt.“

Corbinian Cedzich

Doch es entwickelte sich eine Art Trotz. „Ich bin kein Psychologe, aber die Gesamtsituation hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Sie wollte zeigen, was sie wirklich kann. Das war spürbar“, berichtet Cedzich. Und das wurde im Spiel gegen die Slowakei auch sichtbar – 4:3-Sieg. Es folgte die Zitterpartie gegen die Schweiz. „Da schlägt die Pumpe ganz schön“, erzählt Hempel. Eine weitere Belastprobe für das Herz war das Viertelfinale gegen Russland. „Da will man am liebsten mit aufs Eis und den Jungs helfen“, sagt Cedzich lachend. Am Ende musste sich die deutsche U20 knapp mit 1:2 geschlagen geben. Das Ende der WM.

Diverse Corona-Beschränkungen

Das Fazit ist ein positives –das sportliche, wie das der beiden Betreuer. „Das war ein absolutes Highlight. Man merkt einfach, dass es das Eishockey-Land schlechthin ist“, betont Hempel. Die gesamten Corona-bedingten Beschränkungen änderten nichts an dem Urteil. Dabei waren das reichliche. Kein Sightseeing, kein Essengehen, kein gar nichts. Der gesamte DEB-Tross lebte in einer Blase. Hotel, Stadion, Flughafen – mehr gab es nicht zu sehen. „Beim Hotel konnte man auf einer großen, abgesperrten Raucherterrasse zumindest etwas frische Luft schnappen. Sonst kamen wir nicht raus“, schildert Cedzich.

Lernen von anderen Nationen

Für ihn aber waren ganz andere Sachen interessant. Zum Beispiel: Wie bereiten andere Nationen das Material wie Schlittschuhe et cetera vor? „Da konnte man sich schon was abgucken – Herangehensweise und Arbeitsabläufe.“ Beeindruckt haben ihn insbesondere die technischen Möglichkeiten in Kanada. „Wir hatten da Maschinen zur Verfügung, von denen man nur weiß, dass es sie gibt. Das war die neuste Technik.“ Aber keine Panik beim SCR, man muss nun nicht viel Geld in die Hand nehmen und nachrüsten. „Das sind keine Maschinen der Kategorie ’muss man haben’, aber das war schon sehr geil, damit mal arbeiten zu können.“

Alles eine Nummer größer, alles eine Nummer krasser

Generell hat die WM Cedzichs Horizont erweitert. „Da war alles eine Nummer größer, alles eine Nummer krasser.“ Positiv in Erinnerung behält er auch die kanadischen Helfer vor Ort. „Da waren welche, die den ganzen Tag vor dem Stadion in der Kälte standen und die Leute kontrolliert haben. Dabei sind sie immer super freundlich gewesen. Fragten, wie es einem geht, sagten, man solle es den anderen Mannschaften zeigen. Unglaublich.“

Nächste WM gerne wieder

Im Großen und Ganzen sei die WM eine „brutale Erfahrung in allen Bereichen“ gewesen. Eine, die Cedzich gerne erneut machen würde. Nächste Chance: vom 26. Dezember 2021 bis zum 5. Januar 2022 steht die nächste U20-WM an, wieder in Edmonton. „Sollte ich gefragt werden, hätte ich definitiv Interesse. Aber ich müsste das natürlich erst wieder mit dem SCR und der Uni abklären.“ Hempel schließt sich dem an. Er wäre Ende des Jahres sofort wieder dabei. „Ich hoffe, das war nur meine erste WM und nicht die letzte.“ Die nächste sollte dann aber bitte ohne Corona stattfinden. Denn die Spiele werden im Rogers Place, der NHL-Arena der Edmonton Oilers, ausgetragen. Dort passen über 18 000 Zuschauer rein. Gerne würden Hempel und Cedzich diese auch gefüllt sehen. Gerne wieder mit solch einem Abschneiden.

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