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Erst schreit sie, später weint sie: Siegerin Nadine Horchler (r.) mit Laura Dahlmeier, die Zweite wird.

Wie im Märchen

Erster Weltcup-Sieg für Nadine Horchler

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Mittenwald – Beim ersten Weltcup-Sieg in Antholz trifft Nadine Horchler im Massenstart alle 20 Schuss und überholt im Schlussspurt sogar Gabriela Koukalova.

Das ist die Geste eine großen Sportlerin: Laura Dahlmeier (SC Partenkirchen) zeigte nach dem Zieleinlauf in Usain-Bolt-Manier auf Nadine Horchler. An diesem Tag war nicht die Weltcup-Führende die Nummer eins. Nein, alle Aufmerksamkeit gebührte ihrer Teamkollegin. Ja mehr sogar. Ihrer Trainingskollegin. Die 30-Jährige, die so viele Rückschläge in ihrer Biathlon-Karriere hat einstecken müssen, von Verbandsseite immer wieder aufs Abstellgleis geschoben worden war, sie lief im Massenstart von Antholz zum großen Triumph: Als Letzte war sie durch viel günstige Fügung erst in das 30er-Feld gerutscht. Dann ging der Knopf auf: 20 Schuss, 20 Treffer – auf der Schlussrunde ein atemberaubendes Duell mit der Tschechin Gabriela Koukalova, am Ende lief Horchler mit gen Himmel gestrecken Armen als Erste über die Ziellinie.

Ein wahrlich märchenhafter Sieg  

Eine sportliche Sensation – keine Frage. Alles andere wäre untertrieben. Nein, mit ihr hatte keiner gerechnet. Mit ihr konnte keiner rechnen. Natürlich startet jeder der 30 Frauen mit Siegchancen in solch einen Wettbewerb. Aber sind wir doch mal ehrlich: Im Weltcup-Zirkus der Frauen, da sind es im Normalfall vielleicht vier oder fünf Namen, die die Trümpfe in der Hand halten. Dahlmeier, Koukalova, Mäkäräinen – das sind die großen Drei dieser Saison. Aber Horchler? Ganz gewiss nicht. Umso schöner ist diese Geschichte. Umso märchenhafter.

Platz 18 im Einzelrennen am Donnerstag war der Türöffner in dieses Rennen gewesen. „Ein guter Platz, aber ein paar Fehler zu viel“, urteilt Horchler im Nachhinein. Aber er reichte letztlich, um für den Massenstart die letzte Startnummer 30 zu bekommen. Die Sauerländerin, die seit fast einem Jahrzehnt nun in Mittenwald lebt, war allein über die Möglichkeit der Teilnahme glücklich. „Das war schon ein Sieg für mich“, stellt sie klar. Dementsprechend locker ging sie das Rennen an. „Ich hatte ja wirklich nichts zu verlieren“, sagt sie. Dann entwickelte sich alles prächtig. Beim letzten Schießen standen sie alle nebeneinander. Die Tschechin Koukalova war als Erste mit ihrer Nullerserie fertig. Kurz darauf brachte Horchler ihren letzten Schuss ins Schwarze. Vier Sekunden trennten die beiden. „Ich dachte mir, toll zweiter Platz hinter Gabi.“ Da ist die routinierte Athletin ganz ehrlich.

Nadine Horchler siegt beim Massenstart: Die Feierbilder

Nadine Horchler: „Meinen Herzschlag habe ich nicht mehr gehört.“ 

Dahlmeier verließ die Arena rund zwölf Sekunden später. Gefahr also auch von hinten. Horchler aber blieb cool. „Ich hab’ gemerkt, dass es auf der Schlussrunde relativ gut ging“, sagt sie. Sie stürmte einfach mal los – und hing plötzlich an Koukalova dran. Immer wieder blickte sie sich dann um. Sie sah Dahlmeier, die sich heranpirschte. „Ich hab’ mir gedacht, jetzt müssen wir uns mal beeilen.“ Seite an Seite erklommen die Führenden den mächtigen Huberalm-Anstieg. Vielleicht signalisierte Horchler ihrer Konkurrentin damit schon, was später folgen sollte. Den letzten Tipp erhielt sie dann von einem Trainer an der Strecke: „In der letzten Kurve darfst du nicht dahinter sein.“ Horchler packte allen Mut und alle Kraftreserven zusammen – und zog vorbei. Wie befohlen, lief sie als erste ins Stadion ein und von vorne weg ins Ziel. „Ich hab’ einfach nur gehofft, dass ich durchkomme, dass es bis zur Ziellinie reicht. Das Stadion hat gebebt, ich meinen Atem, meinen Herzschlag habe nicht mehr gehört.“ Ein unwahrscheinliches Finale, in dem Dahlmeier dahinter sogar die konsternierte Tschechin auf der letzten Geraden noch überholte. Ein deutscher Doppelerfolg, nein, ein Werdenfelser Doppelerfolg.

Der Coach stand immer hinter ihr - auch in den schwersten Zeiten

Denn im Trainingszentrum Kaltenbrunn, da haben sie immer zu Horchler gehalten. Coach Bernhard Kröll stand immer hinter ihr, auch in den schwersten Zeiten, als sie wenig Übertrainings eine Saison hatte abbrechen müssen. Kröll war stets der Überzeugung: Da geht was. Nach dem Motto. Gebt Nadine endlich die Chancen, die sie verdient. Horchler gewann immerhin die Gesamtwertung des IBU-Cups im vergangenen Winter. Auch das geht nur mit konstant guten Vorstellungen in der zweiten Liga.

Nun aber könnte die Karriere der Sportsoldatin doch noch eine Wende bekommen. Ihre erste Reaktion: „Ich weiß gar nicht, wie es weiter geht.“ Im Ziel vergoss sie ein paar Tränen. Solch einen Erfolg zu verarbeiten, auch das dürfte nicht leicht fallen. In der Planung stehen nun die Europameisterschaften in Polen, die am Mittwoch beginnen. Aber: Horchler gehört als Weltcupsiegerin nun auch zum WM-Team – ganz klar. Das Ticket dafür hat sie auf den letzten Drücker gelöst. Für Einzelrennen und Staffel wäre sie eine gute Kandidatin.

Die Generalprobe im Team am Sonntag lief aber ohne Horchler. Nach diesem Samstag wird sie es verschmerzen können. Dafür sicherte Dahlmeier als Schlussläuferin den dritten Saisonsieg des DSV-Teams im dritten Rennen.

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