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Dem beherzten Eingreifen der Ersthelfer (v. l.) Klement Eibl, Patrick Voß und Leonhard Eibl verdankt Thomas Schretter (2. v. r.) sein Leben. 

Heute trägt er einen Defibrillator

Herzstillstand: Eschenloher (18) bricht auf Party zusammen - sein Leben verdankt er drei jungen Männern

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Thomas Schretter war drei Minuten lang tot. Heute fährt er mit seinem Fahrrad durch seine Heimatgemeinde. Das verdankt er drei jungen Burschen, die beim Faschingsball in Grafenaschau beherzt eingegriffen haben.

Grafenaschau/Eschenlohe – Drei Minuten. So lange dauert durchschnittlich ein Faschingslied. Oder das Rauchen einer Zigarette. Für Thomas Schretter (18) aus Eschenlohe veränderten 180 Sekunden sein Leben. Er war für drei Minuten tot. „Das ist unvorstellbar“, sagt er heute.

Rückblende zum 24. Februar: Es rührte sich was in Grafenaschau. Der Faschingsball wurde in der Mehrzweckhalle nahe der Feuerwache gefeiert. Discjockey Patrick Voß aus Oberammergau legte Partylieder auf. Die „Polonäse Blankenese“ schallte aus den Boxen, genauso Hulapalu. „Eine ganz normale Party“, wird Voß später sagen. Mit Spaß, Musik, Alkohol.

Plötzlich ging die Musik aus, das Licht an. Die Stimmung kippte schlagartig. Dort, wo gerade noch maskierte junge Menschen ausgelassen feierten, war nichts mehr wie zuvor. Am Boden lag ein junger Mann. Regungslos, atmete nicht mehr, hatte keinen Puls. Thomas Schretter kämpfte plötzlich um sein Leben.

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Voß war der erste, der bei ihm eintraf und half. Hauptberuflich absolviert er eine Ausbildung zum Notfallsanitäter beim Roten Kreuz, ist im Juli fertig. Er wusste sofort, was zu tun ist, schaltete in seinen BRK-Modus, wie er sagt. Er war voll auf Schretter fokussiert. Voß wurde an diesem Abend sein Schutzengel.

Plötzlich Herzstillstand: Zwölf Minuten lang wird der junge Mann reanimiert

Er riss Schretters Hemd auf, presste seine Hände 30-mal gegen den Brustkorb. Gleichzeitig gab er Anweisung, im benachbarten Feuerwehrhaus nach einem Defibrillator zu suchen.

Zwölf Minuten lang reanimiert er Schretter. Unterstützung erhielt Voß von den Spezln des Eschenlohers, Leonhard und Klement Eibl aus Murnau, die ihn bei der anstrengenden Herzdruckmassage abwechselnd ablösten. Ein Kampf um Leben und Tod. „Ich war mit einem Schlag völlig nüchtern und fit“, sagt Eibl. Er und sein Bruder sind Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Diesmal war es ihr Freund, den sie retten mussten.

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Um 3.25 Uhr, zehn Minuten nach dem Notruf, kamen Florian Röscheisen und Florian Kriner mit einem Rettungswagen aus Murnau. Die beiden Sanitäter legten noch vor Ort ein EKG-Gerät (Elektrokardiografie) an, um den Herzschlag des 18-Jährigen zu überwachen. Die Mehrzweckhalle war zu diesem Zeitpunkt bereits geräumt. An Fasching dachte jetzt keiner mehr.

„Das Gerät zeigte Kammerflimmern an“, erklärt Röscheisen. Das bedeutet, dass das Herz nicht schlägt und kein Blut mehr durch den Körper pumpt. Mit einem Defibrillator gaben die beiden Sanitäter gezielt Elektroschocks ab. Endlich begann Schretters Herz wieder zu arbeiten. Sein Bewusstsein hatte er aber immer noch nicht erlangt, selbst als Notarzt Martin Hutter ihm einen Tubus in die Luftröhre einführte, um die Atemwege zu sichern. Während der Leblose in die Unfallklinik Murnau gebracht wurde, kümmerten sich die drei Lebensretter um die beste Freundin des Eschenlohers, die den Kampf um sein Leben hautnah miterleben musste.

Ursache für Herzstillstand unklar - sein Leben verdankt er drei jungen Männern

Zwei Tage später erwacht Schretter im Krankenhaus. Er hat keine Erinnerung mehr an seine Nahtod-Erfahrung. Auch die Party ist aus seinem Gedächtnis gelöscht. „Ich weiß, wie ich wieder zu mir gekommen bin und völlig fassungslos die vielen Schläuche angeschaut habe, die in mir steckten“, sagt er. „Meine Mutter musste mir mehrfach erklären, was passiert war.“

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Was den Herzstillstand ausgelöst hat, ist bis heute unklar. „Wir haben keine Ursache wie zum Beispiel ein verschlossenes Herzkranzgefäß gefunden“, sagt Dr. Franz Dotzer, Chefarzt im Zentrum Innere Medizin an den Standorten Garmisch-Partenkirchen und Murnau. Deshalb wurde Schretter nun ein Defibrillator eingepflanzt, der künftig seine Herztätigkeit überwacht und bei Rythmusstörungen den Herzschlag mit gezielten Stromstößen unterstützt. Für ein paar Wochen ist er noch krank geschrieben. Der Muskel soll um das Gerät eine so genannte Tasche bilden. Dann setzt Schretter seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann fort. Er muss ab sofort auf Alkohol und Rauchen verzichten, darf nicht schwer heben oder sich körperlich beanspruchen. „Aber sonst geht es mir sehr gut“, sagt er. „Ich bin den vielen Rettern, die sich um mich gekümmert haben, sehr dankbar.“

Dass so viele Retter beherzt eingriffen, ist keine Selbstverständlichkeit. In den meisten Fällen klappt es nicht so reibungslos, sagt Dr. Werner Leidinger, Leitender Arzt des Roten Kreuzes im Landkreis und Ärztlicher Direktor des Klinikums Garmisch-Partenkirchen. Schretter lebt noch, weil „die Rettungskette schnell und gut funktioniert hat“. Und die beginnt mit einem raschen Handeln von Erstrettern. „Wäre Thomas die 15 Minuten bis zum Eintreffen der Rettungskräfte nicht reanimiert worden, hätte er wahrscheinlich bleibende Schäden behalten.“

Nach plötzlichem Herzstillstand: Jetzt Wissen vermitteln

Heute fährt der 18-Jährige wieder mit dem Fahrrad durch seine Heimatgemeinde Eschenlohe. Er möchte sich nun dafür einsetzen, dass künftig mehr Menschen wissen, wie man reanimiert und wie man dieses Wissen praktisch umsetzt. „Das ist etwas, was ich mit meiner Geschichte tun kann. Damit vielleicht anderen in einer ähnlichen Situation schnell und gut geholfen wird.“ Das Rote Kreuz und das Klinikum Garmisch-Partenkirchen setzen deshalb 2019 verstärkt auf die Ausbildung von Laien. Denn Klement Eibl sagt: „Es ist ein Wahnsinnsgefühl, wenn man jemandem das Leben gerettet hat.“

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