So sieht wildes Parken aus: Zustände an Pfingsten am Parkplatz Walchenseestraße in Eschenlohe.
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So sieht wildes Parken aus: Zustände an Pfingsten am Parkplatz Walchenseestraße in Eschenlohe.

„Wir hatten keine Ahnung“

Plötzlich Massentourismus - Wie Corona ein kleines Dorf am Alpenrand verändert

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Ein zugeparkter Ort, rangierende Ausflügler-Autos und Wanderer und Biker ohne Ende: Das kleine Dorf Eschenlohe am Alpenrand erlebt zur Zeit etwas völlig Neues: Massentourismus.

  • In der Corona-Pandemie suchen viele Erholung in der Umgebung Münchens.
  • Bisher ruhige Ausflugsziele werden immer beliebter, zum Beispiel Eschenlohe.
  • Das kleine Dorf am Alpenrand sieht sich plötzlich mit Massentourismus konfrontiert - und sucht händeringend nach Lösungen.
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Eschenlohe – Es war ein Wochenende zum Durchschnaufen für Eschenlohe. Kühle Temperaturen, eine schlechte Prognose im Vorfeld – schon herrschte wieder so etwas wie Normalität im Dorf. Zustände, wie sie die Bewohner gewöhnt sind und die sie auch beibehalten wollen. Die Wochenenden zuvor rund um die Feiertage hatten dem kleinen Ort im Loisachtal ein neues Szenario offenbart – in seiner ganzen Härte: den Massentourismus. „Das ist für uns neu, kennen wir in Eschenlohe gar nicht“, sagt Bürgermeister Anton Kölbl (CSU).

Lesen Sie auch: Der Nationalpark Bayerischer Wald erlebt gerade dank Corona einen Touristen-Ansturm. Dass es sich dabei um einen Natur-Park handelt, scheint vielen Ausflüglern neu.

Eschenlohe platzt aus allen Nähten: „Ich befürchte, dass es nach Corona so weitergeht“

Seit die Menschen im Zuge der Corona-Pandemie wieder aus dem Haus dürfen, „hatten wir immer mal einzelne Tage, an denen ein höheres Aufkommen herrschte“, sagt Kölbl. „Unsere Hoffnung war, dass das wieder abebbt.“ Doch diesen frommen Glauben hat der Rathauschef nun fast aufgegeben. „Ich befürchte, dass es nach Corona so weitergeht.“

Das Pfingstwochenende stellte bisher den negativen Höhepunkt dar. Im Vorfeld hatte sich die Gemeinde Gedanken gemacht, was sie tun könne. „Wir hatten keine Ahnung, wie wir das Thema genau angehen sollten“, räumt Kölbl ein. 

Landwirt in Eschenlohe stellt Gemeinde Wiese als Parkplatz zur Verfügung

Die Verantwortlichen fanden schließlich eine Lösung: Ein Landwirt stellte der Gemeinde ein Grundstück zwischen Autobahn und B2 zur Verfügung – als zusätzlichen Parkplatz. „Zum Ausprobieren“, sagt der Bürgermeister. „Und zum Nulltarif“, hebt er lobend hervor. Das Resultat: „Das Angebot wurde angenommen. Die positive Erkenntnis ist, dass sich der Verkehr schon ein wenig lenken lässt.“

Gemeinde Eschenlohe sucht händeringend nach zusätzlichem Parkraum

Es braucht also zusätzlichen Parkraum. Das Problem: Die Bauern bekommen teilweise Fördergelder für ihre Wiesen, können sie nicht so einfach hergeben. Zudem funktioniert eine Stellfläche auf Gras nur, solange es trocken ist. „Sonst machen wir alles kaputt.“ 

Die Gemeinde hat keinen eigenen Grund zwischen Autobahn und Ort. Bis auf die Flächen rund um die Ausfahrt an der A95. „Die wollen wir jetzt ertüchtigen, die Löcher zumachen.“ In der Hoffnung, dass die Flächen angenommen werden. Aufgrund der schwierigen Lage weit außerhalb des Ortes hat Kölbl aber selbst Zweifel. „Das ist schon sehr weit draußen, gerade für Gäste mit Kindern. Aber zumindest für Biker wäre das ideal.“

Suchverkehr in Eschenlohe ist das Schlimmste

Mit dieser Lösung, die der Gemeinderat aufgrund der Kosten erst einmal absegnen muss, wäre aber nur ein Problem angegangen. „Viel schlimmer ist der Suchverkehr im Ort. Den hatten wir an Pfingsten: Ständig rein, raus, rein, raus.“ Kölbl patrouillierte die drei Tage immer wieder im Dorf, notierte sich die Zahl an Autos, die an den Straßen standen. 

Bis zu 500 Fahrzeuge parkten Eschenlohe zu

Auf bis zu 500 Fahrzeuge kam er, die sich im Ortsbereich verteilt hatten. Und das, obwohl die Gemeinde vorgesorgt hatte. Eben mit dem Parkplatz an der Höllensteinstraße. „Aber der fasste ungefähr 100 Autos, da bleiben zu viele übrig.“ Und noch ein Problem offenbarte die Aktion: „Solch eine freie Wiese hat keine Adresse für ein Navi.“ Also gab Kölbl auf einer selbst gebauten Tafel die nächstliegende an: Höllensteinstraße 24, den Friedhof. „Dann haben sie uns das gesamte Areal zugeparkt, da ist man teilweise nur noch zu Fuß hingekommen.“

Gemeinde Eschenlohe musste Ortsschild selbst basteln auf Anraten der Polizei

Als Sofortmaßnahme gegen die Wildparkei riet ihm die Polizei, in Richtung Eschenlainetal ein Ortsschild aufzustellen. Hatte die Gemeinde keines auf Reserve. Also bastelten Kölbl und Co. wieder selbst. Sie stellten die Tafel am Ortsende auf – mit einem kleinen Hinweis, dass dahinter das Parken nur auf ausgewiesenen Flächen erlaubt sei. „Ab dem Ortsrand dürfen die Fahrzeuge nämlich nicht mehr einfach in der Wiese parken.“ Kölbl war überrascht: „Die Leute haben dort tatsächlich aufgepasst.“ Dafür standen sie andernorts wild im Gelände. „Und Strafzettel ärgern die auch nicht.“

Übertourismus in Eschenlohe: „Ich sage, es wäre uns lieber, diese Gäste nicht zu haben.“

Es ist ein „Dilemma“, anders will es Kölbl gar nicht formulieren. „Und wir stecken mittendrin.“ Der Bürgermeister will sich schließlich künftig nicht für jedes Wochenende schlechtes Wetter wünschen. Zum Thema Übertourismus hat er daher eine klare Meinung: „Für mich ist das kein Spagat zwischen Tourismus haben oder nicht. Ich sage, es wäre uns lieber, diese Gäste nicht zu haben. Denn die Situation gefällt auch dem normalen Urlauber, den wir sehr gerne in Eschenlohe sehen, nicht.“

Plötzlich ist auch Eschenlohe einen Ausflug wert

Warum nun auch das kleine Dorf überflutet wird, ist ihm klar: „Der Mensch fährt halt so weit, wie er kommt. Dann steht er bei uns.“ Und sieht, dass es auch im Loisachtal schön zum Wandern ist.

Andernorts ist Übertourismus schon länger ein Thema - und verschärft sich in der Corona-Pandemie noch einmal. In Garmisch-Partenkirchen kündigte die Bürgermeisterin nach Pfingsten Schritte gegen die Zustände durch zu viele Ausflügler an. Ein Münchner wehrte sich daraufhin gegen Vorverurteilung von Gästen aus der Stadt.

Nun wurde Garmisch-Partenkirchen sogar zu Deutschlands beliebtestem Reiseziel gekürt. Eine Studie hatte den Rang ergeben.

Auch am Tegernsee kennt man das Problem mit zu vielen und rücksichtslosen Tagesturisten. Der Bürgermeister von Tegernsee schickte deshalb schon Post nach München - und forderte, Ausflüge an den Tegernsee im Lockdown zu verbieten. Das Thema wurde kontrovers diskutiert, die Forderung fand viel Zuspruch.

Auch am Walchensee ist ein Touristen-Hotspot, der von Ausflüglern immer wieder überrannt wird, etwa am Pfingstwochenende. Aber auch am Brückentag nach Fronleichnam berichteten Bürgermeister und Polizei Drastisches.

Die Walchensee-Ranger treten am kommenden Montag ihren Dienst an. Davon verspricht sich der Kochler Bürgermeister Thomas Holz viel. Eine andere Geschichte macht ihn ratlos.

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