Hölzerner Hammer auf Richterbank
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Ein hölzerner Hammer liegt auf der Richterbank in einem Verhandlungssaal (Symboldbild).

Verhandlung am Amtsgericht

Murnauer trotz Hasstiraden freigesprochen: Er ist psychisch krank

Abstruse Verschwörungstheorien, Hasstiraden gegen Juden: All das gab ein Murnauer in einem Wirtshaus von sich. Am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen musste er jetzt auf der Anklagebank Platz nehmen.

Garmisch-Partenkirchen – Dieser Vorwurf gegen einen Murnauer wog schwer: Volksverhetzung. Der Mann schimpfte im April 2019 im Gasthaus Zur Brücke in Eschenlohe über Juden, die seien für alle Probleme auf der Welt verantwortlich und gehörten vergast. Ein am Tisch sitzender Gast erstattete Anzeige. Vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen wurde die Sache jetzt verhandelt. Der Fall war neu aufgerollt worden, nachdem ein psychiatrisches Gutachten für den Mann angefordert worden war. Die Aussage der Sachverständigen brachte an den Tag, dass der 61-Jährige schwer krank ist. Er leidet an einer manisch-depressiven sowie an einer bipolar-affektiven Störung. Dr. Benjamin Lenhart blieb gar nichts anderes als ein Freispruch übrig.

Von Gutachterin untersucht

Der Richter stützte sich auf das Gutachten von Dr. Ruth Saueracker. Diese hatte den Angeklagten zweimal im Herbst vergangenes Jahr untersucht. Im Wesentlichen habe dieser antisemitische Äußerungen am Stammtisch der Ärztin gegenüber in Abrede gestellt. Er habe jedoch bestätigt, dass beim Brückenwirt über das Thema gesprochen wurde. Für ihn stellten Juden eine Gefahr dar, weil sie – so seine Sicht – Schlüsselstellen in der Gesellschaft besetzten. Das, was er an besagtem Abend über Juden gesagt habe, habe er aber nicht so gemeint.

Manisch-depressive Störung

Die Diplom-Psychologin berichtete von psychischen Problemen des Angeklagten, die zur Jahrtausendwende begannen. 2002 litt er unter dem Burnout-Syndrom. Sie diagnostizierte beim 61-Jährigen unter anderem eine manisch-depressive Störung. Während des Geschehens Anfang April 2019 in Eschenlohe sei er auch wegen einer Herzklappen-OP in Behandlung gewesen. „Es ist davon auszugehen, dass er während des Vorfalls damals emotional nicht im Lot war, er war in labiler Verfassung“, betonte Saueracker. Darüber hinaus war der Realitätsbezug des Mannes beeinträchtigt. Zur Tatzeit habe er unter einer „Hypomanie mit wahnhaften Trübungen“ sowie an einer bipolar-affektiven Störung gelitten. Aus Sicht der Medizinerin sei die Schuldfähigkeit des Murnauers im April 2019 „erheblich vermindert“ gewesen.

Als Kind missbraucht

Im Urteil bestätigte Lenhart die bipolare Störung des Angeklagten. „Er ist psychisch schwer krank. Einmal himmelhochjauchzend, dann zu Tode betrübt“, betonte der Richter. Da sind einerseits die „kruden, unerträglichen Behauptungen am Stammtisch“, die der scheinbar gesunde, im Leben stehende Mann von sich gab. Doch: „Die Fassade fällt schnell“, erkannte Lenhart. Zum Zeitpunkt des Vorfalls sei der Mann in einem ernsten Zustand gewesen. Bei der polizeilichen Vernehmung habe er darüber hinaus ein Sexualdelikt offen gelegt. Er wurde in seiner Kindheit von einem Mann mehrmals missbraucht.

Streit mit Stammtischbruder

Zuvor hatte der Angeklagte erzählt, was sich an dem Abend im Brückenwirt abspielte. Er habe Andeutungen gemacht, dass am Tod von Whitney Houston, Prince und einigen Schauspielern Juden beteiligt gewesen seien, sagte der Murnauer. Zudem glaube er auch, dass Lady Gaga bereits tot sei. Mit dem Stammtischbruder, der ihn später anzeigte, habe er schon vorher öfter Streit gehabt. „Der hat mich beleidigt. Der brüllt immer so rum. Darum spiele ich nicht mehr mit“, betonte der 61-Jährige.

Kartler sagt aus

Der Angeklagte sei ihm schon mehrfach negativ aufgefallen, sagte der 68-jährige Kartenspieler vor Gericht aus. Als er, zwei weitere Gäste und die Wirtin an jenem Donnerstagabend beim Watten zugange waren, kam der Murnauer dazu und verbreitete abstruse Verschwörungstheorien. Zudem kamen Hasstiraden gegen Juden. „Den rassistischen Aussagen habe ich widersprochen“, berichtete der Eschenloher. Er habe die Karten niedergelegt und vor der Wirtschaft die Polizei verständigt. Noch vor deren Eintreffen verschwand der Beschuldigte. Zwei Tage später erstattete der 68-Jährige Anzeige.

Erinnerungslücken beim Zeugen

Die volksverhetzenden Beschimpfungen des Angeklagten bestätigte ein weiterer Kartenspieler. Der 78-Jährige, ebenfalls aus Eschenlohe, konnte sich allerdings nicht genau erinnern. Außer den vier Kartlern habe niemand die Hasstiraden gehört, andere Gäste waren nicht im Lokal. Vorher sei der Beschuldigte jedoch nie durch rassistische Äußerungen aufgefallen, sagte der Stammtischbruder.

Auskünfte vom Polizisten 

Auch ein Polizeibeamter sagte aus. Bei der Vernehmung habe der Beschuldigte erklärt, dass die Juden uns unterwanderten und von ihnen eine Gefahr ausgehe. Er habe auf ihn zwar einen friedlichen Eindruck gemacht, aber bei gezielten Fragen habe er wirr geantwortet. „Er war durch den Wind“, berichtete der 31-jährige Polizist.

Alexander Kraus

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