Sakrales Schmuckstück: die Eschenloher Pfarrkirche St. Clemens. Doch um die Glocken gibt es Ärger.
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Sakrales Schmuckstück: die Eschenloher Pfarrkirche St. Clemens. Doch um die Glocken gibt es Ärger.

„Unfassbar“

Wegen nächtlichen Uhrschlags: Streit um Kirchenglocken eskaliert - Anwohner zeigen Bürgermeister an

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    VonSilke Reinbold-Jandretzki
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In Eschenlohe ist ein Streit um den nächtlichen Uhrschlag der Kirchenglocken von St. Clemens eskaliert. Anwohner zeigten den Bürgermeister und den gesamten Gemeinderat an – wegen Körperverletzung.

Eschenlohe – Himmel, hilf: Bürgermeister Anton Kölbl (CSU) dürfte in den vergangenen Monaten das eine oder andere Stoßgebet gen Himmel geschickt haben. Seit etwa einem Jahr schwelt in Eschenlohe ein Streit um den nächtlichen Uhrschlag der Glocken im Turm der katholischen Pfarrkirche St. Clemens – inklusive Anwaltskorrespondenz, schalltechnischem Gutachten, Ortstermin und Gemeinderatssitzungen hinter verschlossenen Türen.

Nun machte der Fall im Ort die Runde – und Kölbl bestätigt auf Tagblatt-Anfrage die Ereignisse, die darin gipfelten, dass zwei Anwohner Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen ihn und den Gemeinderat erstatteten. „Unfassbar“, sagt Kölbl. „Dafür habe ich kein Verständnis. Man muss die Kirche schon im Dorf lassen.“

Streit um Kirchglocken: Beschwerdeführer sind Einheimische, die in der Nähe wohnen

An den massiven Mauern von St. Clemens, einem Spätwerk des Rokoko, wird zwar nicht gerüttelt – aber eben an den Glocken, die seit jeher auch nachts im 15-Minuten-Takt und zur vollen Stunde schlagen. Wegen eines Defekts, sagt Maximilian Bach von der für Eschenlohe zuständigen Verwaltungsgemeinschaft (VG) Ohlstadt, seien diese vorübergehend verstummt gewesen. Nach der Reparatur ging der Ärger los.

Zwei Anwohner, „Ur-Einheimische“, wie Beteiligte sagen, die in der Nähe von St. Clemens wohnen, fühlen sich vom wieder aufgenommenen Zeitschlagen, das in der Verantwortung der weltlichen Gemeinde liegt, massiv in ihrer Nachruhe beeinträchtigt. „Sie wollten“, sagt Kölbl, „dass es zwischen 22 und 5.30 Uhr abgeschafft wird.“

Streit um Kirchenglocken: Gemeinderat hält an Tradition des Zeitschlagens fest

Der Gemeinderat vertrat einstimmig eine andere Meinung, hielt in seinen Beschlüssen stets an der Tradition fest. Wehret den Anfängen, meint Kölbl: „Heute stört der Stundenschlag, morgen sind es Kuhglocken, übermorgen ein Pfau und ein Gockel. Wer bei uns lebt, muss sich mit unseren Gegebenheiten arrangieren.“ Dennoch stellte sich ihm die Frage: Ist das nächtliche Zeitschlagen tatsächlich lauter als erlaubt?

Die Gemeinde gab im Sommer ein schalltechnisches Gutachten in Auftrag. Ergebnis: „Nächtliche Grenzwerte wurden leicht überschritten“, sagt VG-Vertreter Bach. In der Expertise ist von einer „hohen Störwirkung“ in der Nacht die Rede, selbst bei nur gekippten Fenstern sei mit Aufweckreaktionen zu rechnen.

Glocken-Streit eskaliert: Gemeinde reagiert - und sucht nach Lösungen

Der Gemeinderat ließ vom Zeitschlagen nicht ab, das „zu unserem Dorf gehört“, wie Kölbl betont. Doch man habe Lösungen gesucht, sei nie untätig geblieben. Die Kommune zog unter anderem eine Fachfirma hinzu und beschloss Sofortmaßnahmen. Vier Lärmschutzvorhänge, Ende August geliefert, sollen den Schall an zwei Turmöffnungen dämpfen, die in Richtung der Anwesen der Beschwerdeführer weisen.

Im Spätsommer beauftragte die Gemeinde zudem eine Firma damit, ein weiteres, leiseres Schlagwerk für die Nacht zu installieren, das Grenzwerte einhält. Dieses, sagt Kölbl, soll noch heuer geliefert werden. Kosten: rund 14 000 Euro. Alternative wäre gewesen, dass die Glocken auch am Tag mit geringerer Lautstärke erklingen.

Streit um nächtlichen Uhrschlag: Anzeige wegen Körperverletzung

Dazu kam es nicht, wohl aber zur nächsten Eskalationsstufe: Die Anwohner erstatteten Mitte September über ihren Münchner Anwalt, der die Gemeinde wiederholt aufgefordert hatte, das Zeitschlagen in der Nacht abzuschalten und Grenzwerte einzuhalten, die Anzeige wegen Körperverletzung bei der Polizei Murnau. Der Rechtsbeistand, der gestern nicht auf eine schriftliche Tagblatt-Anfrage antwortete, verwies im Strafantrag unter anderem auf „mehrfache Aufwachreaktionen“. Die Schlafqualität leide deutlich, das körperliche Wohlbefinden sei als Folge eingeschränkt.

Der Schritt blieb erfolglos: Das Verfahren sei eingestellt worden, erklärt Andrea Mayer, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft München II. Grund: „Zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für Gesundheitsschäden waren nicht ersichtlich und ergaben sich aus der Anzeige nicht.“ Auch Regierung von Oberbayern und Landratsamt sahen keinen Anlass, tätig zu werden. „Da sich die Gemeinde um eine langfristige Lösung des Problems kümmert und kurzfristig Abhilfemaßnahmen zur Einhaltung der Grenzwerte getroffen hat, war ein Einschreiten weder kommunalrechtlich noch immissionsschutzrechtlich geboten“, sagt Landratsamtssprecher Stephan Scharf.

Streit um nächtlichen Glockenschlag kommt immer wieder vor

Emotionale Auseinandersetzungen um den Glockenschlag mit profanem Hintergrund sind keine Seltenheit. Vor rund zwei Jahren hatte ein Streit um die Garmischer Glocken die Gemüter erhitzt. Nun also Eschenlohe: „Hin und wieder kommt so etwas vor“, sagt Pater Stefan Kling, amtlicher Glockensachverständiger und Leiter des Amtes für Kirchenmusik im Bistum Augsburg, der auch eine Anfrage aus der Pfarrei St. Clemens erhalten hat.

Ungewöhnlich erscheint ihm, dass sich Einheimische beschweren. Eher die Regel: Menschen zögen in die Nähe einer Kirche „und wundern sich, dass diese Geräusche macht“. Noch nicht gehört hat Kling, dass ein Glockenstreit eine Anzeige wegen Körperverletzung nach sich gezogen hat: „Das ist etwas Neues.“ Auch Murnaus Polizei-Chef Joachim Loy sah sich bisher nicht mit Vergleichbarem konfrontiert: „Das ist bei uns die erste Anzeige dieser Art. So etwas liest man sonst in der Zeitung.“

Streit um Kirchenglocken: Pfarrer Schindele hofft auf gütliche Lösung

Den Strafantrag kann der zuständige Dekan und Pfarrer Siegbert G. Schindele „nicht nachvollziehen“. Er hofft, dass wieder Friede einkehrt in Eschenlohe und will ausloten, ob es Sinn macht, dass er sich mit den Beschwerdeführern zum Gespräch trifft. Der Geistliche wünscht sich eine gütliche Lösung, mit der alle leben können. Er spricht sich für den Uhrschlag aus, der vielen wichtig sei. In der Pfarrei St. Josef in Memmingen, in der Schindele elf Jahre wirkte, schaffte man diesen nachts ab. „Darüber gab es jede Menge Beschwerden.“ Die Menschen hatten sich an den Glockenschlag gewöhnt – und plötzlich war es „totenstill“.

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