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Eschenlohe versinkt: Das Hochwasser verwüstete das Dorf im Kreis Garmisch-Partenkirchen im Mai 1999.

Die Nacht, in der das Wasser kam

Hochwasser-Katastrophe 1999 in Eschenlohe: Nahkampf bis zum Umfallen

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Bayern versinkt im Regen. So ist es gerade. Und so war es vor 20 Jahren, nur schlimmer. Viel schlimmer. Damals brach das Hochwasser über Eschenlohe herein. Anton Kölbl, 60, war Kommandant der Feuerwehr. Heute ist er Bürgermeister – auch wegen der Katastrophe. 

Vom Feuerwehr-Kommandanten zum Bürgermeister: Anton Kölbl, hier im Einsatz nach der Flut 2005.

Eschenlohe – Die Kühe schreien. Panisch. Sie rennen einfach drauflos. Hinaus in die stockdunkle Nacht. Auf überflutete Straßen. Landwirte haben sie nach draußen getrieben. In den Ställen würden sie ertrinken. Stundenlang irren viele Tiere umher. Durch die Nacht des 22. Mai 1999. Die Nacht, in der das Wasser kommt. Das als Pfingsthochwasser in die Geschichte eingehen wird.

Anton Kölbl erinnert sich noch genau, wie er damals durch die Loisach watet. Sie hat sich ihren Weg durch den Ort gesucht. Beide Arme streckt der Kommandant der Feuerwehr Eschenlohe in die Höhe. In der einen Hand die Taschenlampe, in der anderen das Funkgerät. Das einzige. Ursprünglich hatte auch sein Vize eines. Bis Kölbl stolpert und es im Wasser landet. In diesen Stunden bleibt nur eines: „Der Nahkampf“, sagt er heute, „bis zum Umfallen.“ Im totalen Chaos.

1999 weiß man – nichts. Keine Pegelstände, keine Niederschlagsmengen. Nur das, was „die Alten“ erzählten.

Eschenloher wachsen mit Hochwasser auf

Mit Hochwasser wachsen die Eschenloher auf. Bei seinem ersten, 1970, war Kölbl elf Jahre alt. „Stuhlhoch“ stand das Wasser im Elternhaus mitten im Ort, 1979 kam noch ein großes, zwei Jahre später trat das Wasser erneut über die Ufer. Dann – 18 Jahre Ruhe. Die Diskussion um Klimawandel kam in den 1980ern auf. Kernaussage: Es gibt keine Überschwemmungen mehr, vielmehr werde man wohl irgendwann an den Hängen des Landkreises Garmisch-Partenkirchen Wein anbauen.

Den Regen haben die Alten dennoch immer beobachtet. Fällt er auf die Straße und schmeißt Blasen, darf er nicht lange dauern. Sonst hat er Hochwasserpotenzial, hieß es. Eine weitere Regel: Sobald es schneit, ist die Gefahr gebannt. Das dritte Messmittel: der Blick in die Loisach, ob sie steigt.

Blasen bildet der Regen an diesem Freitag vor 20 Jahren sehr wohl. Es schüttet, aber erst nach dem Wärmeeinbruch. Zunächst schneit es im Estergebirge. Die Loisach steigt auch nicht. Denn der Schnee in den Bergen sammelt das Wasser, das sich Stunden später sintflutartig in die Loisach entleeren wird. Das alles weiß Kölbl heute.

Anton Kölbl - der Hochwasser-Bürgermeister

Er ist der Hochwasser-Bürgermeister in der Region. Weil mit dem Schutz in seiner Gemeinde über viele Jahre nichts voranging, kandidierte er 2008 – drei Jahre nach der zweiten Flutkatastrophe – für das Amt. Minutiös hat er die Ereignisse von 1999 aufgearbeitet. Um 16 Uhr hätte er – mit dem Wissen von heute – Vollalarm geben müssen. Da stand das Wasser flussaufwärts in Garmisch-Partenkirchen bereits so hoch, dass klar war: Eschenlohe ertrinkt. Kölbl denkt sich nur: Es wird wärmer, das ist nicht gut. Alles bleibt ruhig.

Gegen 19 Uhr entscheidet Kölbl, der erst einen Monat zuvor zum Feuerwehr-Kommandanten gewählt worden ist, vorsichtshalber die Sandsäcke aus der Flussmeisterstelle in Oberau, etwa sechs Kilometer entfernt, zu holen. Erst einmal steht er im Pfingststau, Kölbl dreht um, besorgt das Feuerwehrauto. Mit Blaulicht kommt er schneller voran. Zu Hause steigt die Loisach plötzlich und rasant. Gegen 19.45 Uhr alarmiert die Feuerwehr im Ort, damit die Bürger gewarnt sind: Da könnte was kommen. Einsatzkräfte füllen die ersten Sandsäcke. „Von da an hat’s uns voll überholt“, sagt Kölbl. „Das absolute Chaos ist ausgebrochen.“

Eschenlohe versinkt im Chaos 

Die Sandsäcke reichen hinten und vorne nicht. Der Funk ist überlastet, Telefonleitungen brechen zusammen. Handys gibt es kaum – in Eschenlohe würden sie gar nicht funktionieren: kein Netz. Der Strom fällt aus. Taschenlampen auch – wenige Eschenloher haben so viele Reservebatterien zu Hause, dass sie die ganze Nacht halten. Irgendwann wird überörtlich Alarm ausgelöst, Unterstützung kommt, eine Einsatzleitung wird beim Alten Wirt eingerichtet – bis das Wasser bei der Tür des Gasthauses hereinläuft. Man zieht ins Rathaus um.

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Kölbl bildet die Verbindung zwischen Einsatzzentrale und Bürgern, zwischen Rathaus und Dorf. In dem zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu retten ist. Den Moment der Kapitulation aber erleben Kölbl und die vielen Helfer nicht. Obwohl der Kommandant das Aussichtslose sieht. „Du kannst nichts mehr machen.“ Aber „du tust und machst die ganze Zeit“. Die eine Schublade von zehn Schubladen retten, die noch nicht im Wasser schwimmt. Tiere zurücktreiben, die in die Fluten rennen. Menschen beruhigen.

Im Elternhaus steht das Wasser bis zu den Fenstern

Einige sind in Panik. Die Frau, der Bruder, die Oma, der Nachbar meldet sich nicht. Oft zieht Kölbl los, von Haus zu Haus. Denn er kennt im Gegensatz zu den Helfern die Straßen, Schritt für Schritt tastet er sich voran. Meter um Meter watet er in der Nacht durch das kalte Wasser. An seinem eigenen Haus kommt er nicht vorbei. Auch um das seiner Eltern kann er sich nicht kümmern. Das Wasser steht bis zu den ersten Sprossen der Fenster. Nicht nur Loisachwasser. Die Brühe aus dem Kanal sucht sich ihren Weg, drückt durch das Klo, die Badewanne und Dusche nach oben. Ungefiltert. Der Gestank, unerträglich.

Kölbls Neubau bleibt verschont, seine Schreinerei samt Geräten schwimmt. Den Schaden zahlt er noch ab, als Eschenlohe 2005 erneut überschwemmt wird.

Keiner ist 1999 gegen Hochwasser-Schäden versichert

Eine Versicherung hat 1999 keiner. Nur sechs Wochen bleiben den Betroffenen danach, um eine abzuschließen. Dann nimmt sie niemand mehr auf. Kölbl nutzt das Zeitfenster. Mit ihm, schätzt er, fünf oder sechs andere. Heute können sich Eschenloher wieder absichern.

Nach der Wahl 2008 setzt sich Kölbl als Bürgermeister für einen umfassenden Hochwasserschutz seiner Gemeinde ein. Er kommt, rund 7,6 Millionen Euro investiert der Freistaat. Nach menschlichem Ermessen, sagt Kölbl, sei man gut geschützt. Dennoch: Niemals würde er von Mai bis September, in der Hochwasser-Saison, eine Fernreise antreten.

An Pfingsten nimmt er an einer Segelregatta im Rheinland teil. Sofort hat er sich informiert, wo der nächste Flughafen ist. Im Notfall, sagt er, „müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht rechtzeitig hier wäre“.

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