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Ein Dorf geht unter: Bilder wie diese vom Pfingsthochwasser 1999 wurden deutschlandweit bekannt – zum Nachteil der Bürger.

Die Loisach wird zur Bestie

Das Pfingsthochwasser vor 20 Jahren: Eschenlohe prägt diese Katastrophe

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Völlig unvorbereitet traf die Flut Eschenlohe 1999. Von da an kämpfte Anton Kölbl für Schutz. 2005 kam die Flut erneut. Eschenlohe war vorbereitet – und ging unter. Zwei Katastrophen, die den Ort und die Menschen prägten.

Land unter: Die Loisach bahnt sich 1999 ihren Weg durch den Ort.

Eschenlohe – Eschenloher hören es am „Platsch“ des Regens. Er klingt anders, voller als sonst, wenn er Unheil mitbringen könnte. Dann, davon ist Bürgermeister Anton Kölbl überzeugt, ziehen viele von ihnen immer noch los. Und kaufen Batterien für die Stirn- und Taschenlampen. Denn vor 20 Jahren kämpften viele von ihnen in der stockdunklen Nacht gegen die Wassermassen. Damals, beim Pfingsthochwasser 1999, brachte der Regen eine Katastrophe. Sechs Jahre später erneut.

Die Geschichte von 1999 kann man in Eschenlohe nicht ohne jene von 2005 erzählen. Zu sehr sind die beiden Überschwemmungen miteinander verknüpft. Zu sehr haben sie den Ort und seine Menschen verändert. Ihr sensibles Gehör für Regentropfen hat ihnen nicht geholfen.

Die Loisach erschlägt Eschenlohe wie eine Fliegenklatsche

Spricht Kölbl, damals Feuerwehr-Kommandant, von Pfingsten 1999, vergleicht er sein Dorf mir einer Fliege. Die Loisach mit der Klatsche.

Anton Kölbl 2005. 

Bereits um 16 Uhr müsste die Feuerwehr am 24. Mai 1999 Alarm auslösen. Denn zu diesem Zeitpunkt ist schon klar: Eschenlohe wird ertrinken, zu hoch steht die Loisach flussaufwärts in Garmisch-Patenkirchen schon. Das weiß man heute. Damals weiß man nichts. Keinen Pegelstand, keine Niederschlagsmenge, es gibt keine Notfallliste, keinen Katastrophenplan, keine Handys, nur ein Funkgerät. Internet ist ein Fremdwort. Gegen 19.45 Uhr steigt das Wasser der Loisach plötzlich und rasant. Die Feuerwehr hat gerade begonnen, Sandsäcke zu füllen. „Von da an hat uns alles überholt“, sagt Kölbl. Die Klatsche schlägt zu. Erbarmungslos und unvorbereitet.

Ganz anders 2005.

Kölbl ist wie 1999 Feuerwehr-Kommandant. In den sechs Jahren dazwischen aber hat er überlegt, hinzuschmeißen. Sein Kampf für Lösungen im Hochwasserschutz hat ihn an die Grenzen gebracht. Was er sich alles anhören hat müssen – unglaublich, sagt er noch heute. Intensiv hatte er sich mit der Thematik auseinandergesetzt, minutiös die Ereignisse von 1999 aufgearbeitet, sich gefragt: Was hätte Eschenlohe gebraucht, um das Wasser aufzuhalten? Seine Antwort: 580 Betonsteine, zwischen 1,3 und 2,6 Tonnen schwer. Sie kosten 87 000 Euro.

Eschenlohe wird das Katastrophen-Dorf Deutschlands

Um 1,10 Meter erhöhen Kräfte 2005 den Damm. Die Steine wurden nach dem Hochwasser 1999 angeschafft.

Viele zeigen ihm den Vogel. Im besten Fall. „Man hat mich zerpflückt.“ Er übertreibe, hieß es. Und: Niemals bekomme er das hin, den Damm im Notfall zu erhöhen. Er schafft es, in einer „Materialschlacht sondersgleichen“. Generalstabsmäßig ist jeder Schritt geplant. Um 1,10 Meter wächst der Damm an, zusätzlich drei Reihen Sandsäcke – auch eine Füllmaschine hat die Gemeinde nach 19999 angeschafft – schichten die Einsatzkräfte auf. Stunden bevor das Wasser kommt, ist Eschenlohe bereit.

Für 1999 hätte die Verbauung gereicht. Eschenlohe wäre von der nächsten Katastrophe verschont geblieben. Das bestätigen später die Experten. 2005 aber kommt mehr Wasser. Zu viel. Der Damm bricht. Kölbls Heimat versinkt zum zweiten Mal innerhalb von sechs Jahren. Eschenlohe wird das Katastrophen-Dorf Deutschlands.

Wohnungen in Eschenlohe stehen leer

Darunter leiden seine Bewohner lange. Weil in ihren Häusern das Wasser bis zu den Fenstern stand. Weil sie die Flut zum Teil finanziell fast ruinierte. Und wegen der Außenwirkung, die den Schaden noch erhöhte: Mieter flüchteten, Wohnungen standen leer. Kölbl hat es selbst erlebt. Meldete sich jemand auf sein Inserat, kam als erste Frage: Stand die Wohnung unter Wasser?

Der Schock, sagt Kölbl, kommt erst hinterher. Mit dem Bewusstsein. Anfangs funktioniert man, arbeitet, räumt aus und auf. Irgendwann aber denkt man an das morgen, an die Auswirkungen, fragt sich: Was bedeutet das alles für mich? Die Antwort für viele Eschenloher: ein finanzielles Desaster.

Kaum einer ist gegen Hochwasser versichert

1999 hat niemand eine Versicherung. Sechs Wochen bleiben nach der Flut, um eine abzuschließen. Nur wenige nutzen die Chance, unter anderem Kölbl, dessen Schreinerei überschwemmt wurde. Wie er zahlen viele 2005 noch die Schäden von 1999 ab. Immerhin ist er aber sechs Jahre später nicht auf die Soforthilfe des Staates – 2000 Euro pro Person – und Spenden angewiesen.

Heute können sich die Eschenloher versichern, dem Hochwasserschutz sei Dank. Kölbl rät jedem, dies zu nutzen. Andernfalls wird ihm der Staat nicht helfen, wenn das Wasser kommt. Und es könnte wieder kommen, davon ist er überzeugt. Nach aktuellem Stand, sagt er, ist Eschenlohe gut geschützt. „Dass das aber alles war, was die Natur zu leisten im Stande ist, diesem Glauben dürfen wir uns nicht hingeben.“

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