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Abt Barnabas Bögle (links) und Prof. Dr. Heiner Keupp bei der PK zur Studie um sexuellen Missbrauch, psychischer und physischer Gewalt im Kloster Ettal.

Missbrauchsstudie vorgestellt

Ettal: Ex-Schüler nahm sich kürzlich das Leben

Ettal - Drei Jahre nach Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs im Kloster Ettal liegt eine Studie zur Aufarbeitung des Skandals vor. Am Donnerstag wurden die Ergebnisse vorgestellt.

Die rund 150 Seiten haben es in sich. Körperliche Misshandlungen, sexuelle Übergriffe, Gewalt und Demütigungen. Das vermeintliche Elitekloster Ettal im Kreis Garmisch-Partenkirchen war für viele Kinder und Jugendliche jahrzehntelang ein Ort der Angst und Hilflosigkeit. Daran lässt die Studie keinen Zweifel.

Die wissenschaftliche Untersuchung sollte klären, wie es so weit kommen konnte. Warum die Taten nicht verhindert und warum so lange geschwiegen wurde. Einen Schlussstrich soll sie nicht ziehen, das betont Abt Barnabas Bögle immer wieder. Sie soll sensibilisieren, eine Kultur des genauen Hinschauens schaffen, sagt er. Ein Schritt sein, um ein dunkles Kapitel in der Vergangenheit des Klosters aufzuarbeiten.

Doch sie reißt auch alte Wunden auf. Narben, die ein ganzes Leben lang nicht verheilt sind. 2010 wurde bekannt, dass zwischen 1960 und 1990 mindestens zehn Patres im Kloster etwa hundert Schüler misshandelt und missbraucht hatten. Einer von den Jugendlichen war Peter Schubert (Name geändert). Für ihn war die Studie, die die Abtei auf Drängen des Ettaler Opfervereins damals in Auftrag gegeben hatte, keine Hilfe. Sie konfrontierte ihn mit einer Vergangenheit, die er viele Jahre verdrängt hatte.

Schubert war von einem Pater jahrelang sexuell missbraucht und misshandelt worden. Als die Vorwürfe gegen die Mönche vor drei Jahren an die Öffentlichkeit kamen, wurde er depressiv, hatte Selbstmordgedanken. Der Kampf mit der Vergangenheit begann für ihn von vorne.

Vor einigen Monaten konnte ihn seine Ehefrau überreden, sich therapeutische Hilfe zu holen. Der Münchner wendete sich an eine Notfalleinrichtung. Er sollte in einem Drei-Bett-Zimmer untergebracht werden. Es war ein Zimmer, das seinem ehemaligen Schlafraum im Kloster Ettal sehr ähnlich war. „Ich kann das nicht“, hatte er damals zu seiner Frau gesagt. Einen Tag später nahm er sich das Leben. Ein tragisches Beispiel dafür, welche Folgen die Übergriffe im Kloster auf das Leben der Schüler hatten.

Bei der Vorstellung der Studie analysierten am Donnerstag zwei Wissenschaftler des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), ein Opfervertreter und Abt Barnabas Bögle nüchtern, was die Taten ermöglichte. Sie sprechen von vielen „Ringen des Schweigens“, wegen denen die Missbrauchsfälle so lange unentdeckt blieben. Aus Scham und Angst schwiegen die Kinder, Eltern sahen versteckte Signale nicht. „Als Katholiken waren sie der Überzeugung, dass eine Hand, die segnet, nicht schlagen kann“, sagt Professor Heiner Keupp, einer der Autoren der Studie. Für die Mönche wiederum war das Thema Sexualität ein Tabu, die Täter konnten sich sicher fühlen. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein.

Die Sozialforscher sehen die Hauptursache für den jahrzehntelangen Missbrauch und die Misshandlungen in der pädagogischen Überforderung der Mönche. Auch die strenge Hierarchie des Klosters mit dem alleinverantwortlichen Abt an der Spitze habe dazu beigetragen, lautet ein Fazit der Studie.

„Das Kloster Ettal geht einen mutigen und konsequenten Weg, die Vergangenheit gemeinsam mit den Betroffenen aufzuarbeiten“, sagte Robert Köhler vom Verein Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer am Donnerstag. Dennoch werde der Verlust der Kindheit dadurch nicht geheilt. „Keine Entschädigungszahlung und keine Therapie kann letztlich das Geschehene ungeschehen machen“, sagt Abt Barnabas Bögle. „Aber das gemeinsame Bemühen, das Geschehene zu begreifen und die Folgen anzuerkennen trägt dazu bei, dass – so hoffen wir – ein Stück weit wieder Vertrauen möglich ist.“

Peter Schubert hatte von dem Kloster 10 000 Euro als Entschädigung bekommen. Auch die Kosten für die Therapie wurden übernommen. Seine Witwe hat sich nach seinem Selbstmord an Abt Barnabas Bögle gewandt – und um finanzielle Unterstützung für sich und die drei Töchter gebeten. Sie bekam nur eine schriftliche Beileidsbekundung, und das Versprechen, in einem konkreten Notfall Möglichkeiten zu prüfen. „Worthülsen“, sagt ihr Anwalt Ferdinand von Liliencron. Er kämpft seit Ende vergangenen Jahres für einen Schadensersatz. Damit Peter Schuberts Familie in dieser schweren Zeit nicht auch noch finanzielle Sorgen hat. Bislang vergeblich. „Auf mein letztes Schreiben ans Kloster Ettal habe ich bisher nicht einmal eine Antwort bekommen“, sagt er.

„Die Studie ist kein Abschluss“, betonte Bögle am Donnerstag. Auch künftig wolle man das Geschehene aufarbeiten und sich bemühen, mit Geschädigten in Kontakt zu kommen. Dieses Angebot hat die Witwe von Peter Schubert vor einigen Wochen angenommen. Sie wollte den Ort sehen, den ihr Mann sein ganzes Leben lang nicht vergessen konnte. Als sie das Zimmer sah, in dem er als Bub wehrlos den Übergriffen eines Mönchs ausgeliefert war, wusste sie, dass die Zeit im Kloster Ettal der Grund für seinen Suizid war. Er hatte nicht mehr die Kraft, aufzuarbeiten, was er damals erlebt hatte. 

Katrin Woitsch

Das ist die Chronik des Missbrauchsskandals:

22. Februar 2010: Von ehemaligen Schülern erhobene Missbrauchsvorwürfe gegen Patres in Kloster Ettal werden öffentlich.

24. Februar 2010: Abt Barnabas Bögle tritt auf Druck der Münchner Bistumsleitung zurück. Ihm wird vorgeworfen, der seit 2002 existierenden Meldepflicht in einem Fall nicht nachgekommen zu sein.

25. Februar 2010: Die Staatsanwaltschaft nimmt Untersuchungen auf und stellt sie zum Großteil wegen Verjährung nach einigen Monaten wieder ein. Der Münchner Rechtsanwalt Thomas Pfister wird auf Betreiben der Erzdiözese als Sonderermittler tätig.

26. Februar 2010: Pater Maurus Kraß tritt von seinen Ämtern als Prior und Schulleiter des Gymnasiums zurück.

15. bis 24. März 2010: Apostolische Visitation in Ettal.

12. April 2010: Sonderermittler Pfister legt seinen Abschlussbericht vor. Er kommt zum Ergebnis, dass über Jahrzehnte hinweg bis etwa 1990 Kinder und Heranwachsende „brutal misshandelt, sadistisch gequält und auch sexuell missbraucht wurden“. Die Vorwürfe richten sich gegen insgesamt 15 Patres. Die Zahl der Opfer soll weit über 100 liegen. Seither hätten sich jedoch die Verhältnisse in Schule und Internat grundlegend verbessert.

13. April 2010: Altabt Edelbert Hörhammer gibt Misshandlungen zu.

24. Juni 2010: In München gründet sich der Verein „Ettaler Missbrauchsopfer“.

11. Juli 2010: Die päpstlichen Visitatoren haben die zurückgetretene Klosterleitung entlastet. Daraufhin wählt der Konvent Bögle erneut zum Abt. Dieser setzt Kraß wieder als Prior ein.

24. August 2010: Das Kloster richtet einen eigenen Fonds für schnelle Opferhilfe ein.

10. Januar 2011: Pater Maurus Kraß ist wieder Direktor im Gymnasium Ettal.

21. Januar 2011: Die Staatsanwaltschaft München II erhebt Anklage gegen einen damals 40-jährigen Ettaler Pater. Ihm werden verschiedene Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen zur Last gelegt. Der Pater ist heute im Tochterkloster Wechselburg in Sachsen. Das Landgericht München II hat bis jetzt nicht über die Anklage entschieden, es fehlen Gutachten.

6. September 2011: Die Abtei zahlt 70 ehemaligen Klosterschülern eine Gesamtsumme von 700 000 Euro zur Anerkennung ihres Leids.

7. April 2012: Altabt Edelbert Hörhammer stirbt im Alter von 76 Jahren.

20. November 2012: Kraß legt aus gesundheitlichen Gründen seine Ämter als Schulleiter sowie Prior nieder.

mm/dpa

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