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Widerstand zwecklos: Graswang will keinen Funkmasten, bekommt aber wohl einen von der Telekom im Ettaler Forst. 

Ettaler kämpfen weiter

Telekom findet ein Schlupfloch: Unternehmen plant Mobilfunkmast an neuem Standort - in Naturschutzgebiet

  • Andreas Mayr
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Es gab Gerüchte. Jetzt steht es fest: Die Telekom hat sich nach einem neuen Standort für den Mobilfunkmasten umgeschaut - und wurde fündig. Die Gemeinde Ettal kann sich nicht dagegen wehren, versucht es aber dennoch.

Ettal – Mehr als eine E-Mail hat Vanessa Voit von der Telekom nicht bekommen. Immerhin eine Nachricht. Ettal darf dankbar sein. Okay, Ironie beiseite: Der Mobilfunk-Gigant hätte sich nicht melden müssen. Kein Gesetz schreibt das vor. Das Kommuniqué der Telekom umfasst nur vier Sätze. Doch die etwa 70 Wörter hatten genug Kraft, um einen Saal in Stille zu versetzen, nachdem Bürgermeisterin Voit sie vorgetragen hatte. Der Konzern, genauer seine Tochter DFMG Deutsche Funkturm GmbH, baut einen Mobilfunkmasten im Ettaler Forst, im gemeindefreien Gebiet. Er umgeht dadurch sämtliche Auseinandersetzung mit der Gemeinde, weil die Flurnummer 114 nicht zur Kommune Ettal gehört.

Die Bundesnetzagentur hat die Anlage, also die elektromagnetische Komponente, bereits genehmigt. Die Baupläne für den 37,5 Meter hohen Masten auf einer Lichtung südlich der Schattenwald-Diensthütte prüft seit dem 2. April das Bauamt. Der Mietvertrag liegt vor. Ein wenig Widerstand regt sich noch immer im Dorf. Doch wie es aussieht, dürfte der zwecklos sein. Die Telekom hat ein Schlupfloch gefunden, durch das sie elegant zu ihrer Anlage kommt.

Mit keinem Wort erwähnten Räte und Gäste den Rauhbichel in der Sitzung. Lange bevorzugte der Mobilfunkanbieter diesen Standort. Obwohl vor einem Jahr 85 Prozent der Ettaler Bürger in einer Umfrage dagegen gestimmt hatten. Offenbar, auch wenn keiner das genaue Vorgehen kennt, hat sich die Telekom nach Alternativen umgesehen. „Es gab Gerüchte“, erklärt Voit.

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„Relativ exotische Geschichte“

Der Konzern stieß auf den Ettaler Forst nahe Linderhof, sogenanntes gemeindefreies Gebiet. Deutschlandweit existieren nur 207 Areale, die keiner Kommune zugerechnet sind. Der Chiemsee gehörte lange Zeit dazu. Im Landkreis fällt noch ein Teil des Unterammergauer Forsts in diese Kategorie, die Günter Hopfensberger eine „relativ exotische Geschichte“ nennt. Die meisten dieser Flächen besitzt der Staat. In diesem Fall gehört das Areal dem Freistaat, verwaltet vom Landkreis. Gemeinderat Martin Heigl hat herausgefunden, dass der Bereich 1864 abgetrennt wurde, eine eigene Flurnummer samt Gemarkung („Ettaler Forst“) erhielt. „König Max wollte sich offenbar bei der Jagd nicht reinreden lassen“, sagt Heigl. Ähnlich, wie sich die Telekom 156 Jahre danach nichts von der Gemeinde diktieren lassen will.

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Hopfensberger hat man die Einsicht in die Unterlagen verwehrt, und er hat 15 Jahre im Bauamt gearbeitet. Mitgeteilt haben ihm die Kollegen, dass der Standort sämtliche Abstandsregeln berücksichtigt und er deutlich mehr als die geforderten 50 Meter von der Gemeindegrenze entfernt liegt. Die Kommune gehört nicht einmal zu den Grundstücksnachbarn, die gemäß Baurecht informiert und beteiligt werden. Demnach fehlen belastbare Fakten für eine mögliche Gemeindeklage oder ein Bürgerbegehren. So lange die Gemeinde nicht direkt betroffen sei, „wird es relativ schwer sein, etwas dagegen zu finden“, erklärt Hopfensberger, zuständig unter anderem für das Kommunalwesen im Landratsamt.

Protest eher ohne Erfolgschancen

Ettal kämpft trotzdem weiter gegen den Masten, wenn auch mit stumpfen Schwertern. Bürgermeisterin und Gemeinderat beschlossen, ein Schreiben an die Untere Naturschutzbehörde samt aller Bedenken aufzusetzen, da der Mast im Naturschutzgebiet stehen soll. Hopfensberger legte den Volksvertretern einen Brief an Landrat Anton Speer (Freie Wähler) nahe. Bringt diese Form des Protests etwas? „Ich glaube eher nicht. So leicht lassen sich die Betreiber nicht beirren, wenn sie einen Standort haben“, sagt Hopfensberger.

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Derzeit schaut sich das Amt die Pläne der Telekom an. Alleine wegen der Höhe von fast 40 Metern stuft die Behörde das Vorhaben als Sonderbau ein. Brandschutz und Standsicherheit prüft sie extra. Da der Mast im Naturschutz-, FFH- und Vogelschutzgebiet liegt, verlangt das Amt Verträglichkeitsstudien, eine artenschutzrechtliche Prüfung und einen landschaftspflegerischen Begleitplan. Auch die Regierung von Oberbayern muss dem Bau im Naturschutzgebiet zustimmen. Einige Unterlagen fehlen noch. Erst wenn die Schreiben der Fachbehörden eintreffen, richtet das Amt. Deshalb möchte die Behörde noch keine Aussage zur Dauer des Verfahrens machen, teilt Sprecher Wolfgang Rotzsche mit. Stimmen die Entscheidungsträger zu, gilt die Genehmigung für vier Jahre. „Es ist noch nichts entschieden“, weiß Hopfensberger. Ob die Gemeinde jemals offiziell von der Baugenehmigung erfährt, ist wieder eine andere Frage. Möglicherweise wieder per
E-Mail.

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