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Biererzeugnisse aus Ettal: Abt Barnabas Bögle (l.) und Cellerar Johannes Bauer begutachten Produkte.

Sturm im Bierglas

Freibier per Tarifvertrag

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Freigetränke für Mitarbeiter: Mit der Kritik daran machte Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Schlagzeilen. Vertreter von Brauereien im Landkreis setzen auf die Tradition mit dem Haustrunk. 

Murnau/Ettal/Mittenwald–  Mitarbeiter von Brauereien kommen in den Genuss spezieller Vergünstigungen. Das steuerfreie Deputat gilt als uralte Tradition – und schmeckt den Empfängern. Kein Wunder, dass viele in der Branche schwer schluckten, als nun ein großes Boulevardblatt mit Kritik der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, Schlagzeilen machte. Demnach stößt der CSU-Politikerin die Tatsache, dass Mitarbeiter überhaupt noch mit Bier bezahlt werden, sauer auf: „Das Zahlungsmittel in Europa ist der Euro, und das ist auch gut so.“ Und: Sie sei sich sicher, dass es Alkohol als Lohnbestandteil „in zehn Jahren nicht mehr geben wird“, wird Mortler zitiert.

Die Brauereien im Landkreis aber denken nicht daran, am Haustrunk zu rütteln. „Das ist eine Tradition, die wir nie hinterfragt haben – das war schon immer so, und so machen wir es“, erklärt Victoria Schubert, die mit ihrem Vater Franz die Geschäftsführung der Murnauer Brauerei Karg inne hat. „Für die Mitarbeiter ist das Teil ihres Lohns, der ihnen zusteht.“ Bis zu 18 Liter pro Woche darf jeder der acht Beschäftigten für den eigenen Gebrauch mit nach Hause nehmen, egal, welchen Posten er im Unternehmen besetzt. Ein Fall für die Drogenbeauftragte stellt diese Gabe allerdings nicht unbedingt dar: „Bei uns wird niemand genötigt, Bier zu trinken“, betont Schubert. Die Mitarbeiter können frei aus dem Sortiment wählen, was sie als Haustrunk wünschen – also Bier ebenso wie Cola, Saft, Limo oder Wasser. Nichtalkoholisches nimmt dabei einen „wesentlich größeren“ prozentualen Anteil ein als Bier. „Die Mitarbeiter vorsorgen damit ja auch ihre Familie“, sagt Schubert. Und: Nicht jeder beanspruche immer den ganzen Haustrunk, der über Zeichen ausbezahlt wird. Was übrig bleibt, kann im nächsten Monat verwendet werden.

36 Liter pro Sonntag 

Ein Wert von maximal 1080 Euro kommt Brauerei-Mitarbeitern über den Haustrunk pro Jahr kosten- und steuerfrei zugute. Das Recht auf dieses Deputat zementiert sogar der Manteltarifvertrag für das Braugewerbe in Bayern. Paragraf elf regelt, dass „die Arbeitnehmer Anspruch auf verbilligten Bierbezug für ihren eigenen Bedarf und den ihres Haushaltes“ haben. Für jeden Sonntag, der in den laufenden Monat fällt, stehen einem erwachsenen Arbeitnehmer demnach 36 Liter zu. Viele Brauereien stützen sich auf einen Hausvertrag oder eigene interne Regelungen. Riesen wie Paulaner in München werben mit dem Haustrunk sogar unter der Rubrik „Attraktive Arbeitsbedingungen“ um Personal. Paulaner preist ein monatliches Kontingent an Getränken an, das bis zu 78 Gratis-Bierzeichen und 78 Kaufzeichen beinhaltet.

Die zehn Brauerei-Mitarbeiter der Benediktinerabtei Ettal erhalten nach Angaben von Christian Loth bis zu 72 Liter pro Monat. Manche nutzten das Gratis-Angebot mehr, andere weniger. Auch in Ettal gilt: Der Haustrunk umfasst die Biere und alle alkoholfreien Getränke. „Als bayerische Traditionsbrauerei sprechen wir uns nachdrücklich für den Erhalt dieser seit Jahrhunderten bewährten Regelung aus, zumal er die Identifikation mit der Brauerei stärkt“, betont Loth. „Wichtig ist uns, festzuhalten, dass Bier ein Genussmittel ist, das man in Maßen genießen sollte.“

Die Brauerei Mittenwald lehne sich bei ihren 18 Brauerei-Mitarbeitern „an die Empfehlungen des Tarifvertrags an“, so Marion Neuner (Geschäftsführung). Zu Aussagen der Drogenbeauftragten Marlene Mortler möchte sie nicht weiter Stellung beziehen. Neuner verweist an den Bayerischen Brauerbund.

Keine Ursache für Alkoholmissbrauch

Dort kennt man das Thema zur Genüge. Hauptgeschäftsführer Dr. Lothar Ebbertz stellt klar, dass es sich beim Naturallohn in Bayern um uraltes Recht handelt. Dieser sei in der Nahrungsmittelwirtschaft üblich. „Niemand will daran rütteln.“ Ebbertz kann sich auch nicht vorstellen, dass der Haustrunk Ursache für Alkoholmissbrauch ist – zumal eben die Möglichkeit besteht, andere Getränke zu wählen. „Der Gesetzgeber sieht grundsätzlich vor, dass Unternehmen die Möglichkeit haben, ihren Mitarbeitern Naturalien und Produkte kosten- und steuerfrei zur Verfügung zu stellen“, betont Ebbertz.

Vielleicht handelt es sich bei all der Aufregung aber auch nur um einen Sturm im Bierglas – oder die Entrüstung über die Haustrunk-Äußerungen aus Berlin nimmt überhand. Wie auch immer: Ebbertz jedenfalls bekam am Mittwoch ein Schreiben auf den Tisch. Absenderin: Marlene Mortler. Darin versichert diese, bei ihrer über eine Zeitung kolportierten Kritik handle es sich um eine „skandalös-fehlerhafte Berichterstattung der Boulevard-Presse“. Und: Der Haustrunk stelle kein Thema für die Drogenbeauftragte dar.

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