Ettal: Das lief hinter den Klostermauern wirklich ab

Ettal - Ein Jahr nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Kloster Ettal hat Ex-Verfassungsrichter Jentsch den Ordensgeistlichen in seinem Bericht die Leviten gelesen. Die Details:

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Als “Zeichen tätiger Reue“ will das Kloster Ettal die missbrauchten Opfer mit jeweils bis zu 5000 Euro entschädigen. In dem oberbayerischen Kloster ist am Donnerstag der vor einem Jahr bekanntgewordene Missbrauchsskandal wieder lebendig geworden. Der ehemalige Karlsruher Verfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch legte einen von dem Benediktinerkloster in Auftrag gegebenen Bericht vor. Und der lässt es an Deutlichkeit nicht fehlen.

Über Jahrzehnte gab es hinter dicken Klostermauern sexuellen Missbrauch von Ordensgeistlichen an Schülern und schwerste körperliche Misshandlungen. “Es ist ein schwerer Weg für das Kloster, noch mehr aber für die Opfer“, sagte Jentsch, ehe er stoisch gelassen und in professoralem Tonfall die Schandtaten akribisch auflistete. Sieben Patres sind von dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs an Schülern oder von Grenzüberschreitungen der Intimsphäre betroffen. Einige der Mönche leben nicht mehr. Ein Pater schrieb in einem erst nach seinem Tod bekanntgewordenen “Bekenntnis“, dass sein Verhalten “mehr als ausreichend ist für eine Anklage beim Staatsanwalt“.

Gewalt unter Schülern war an der Tagesordnung

In einem anderen Fall erhob die Staatsanwaltschaft tatsächlich jüngst Anklage. Die geschilderten Fälle reichen bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Erst Ende der 1990-er Jahre wandelte sich der Erziehungsstil in dem als Eliteschule geltenden Kloster.

Neben sexuellem Missbrauch war lange Zeit körperliche Gewalt das erste Mittel der Erziehung. Mindestens acht Ordensgeistliche schlugen den Opferberichten zufolge Klosterschüler teils massiv. Einigen Kindern oder Jugendlichen platzte bei Ohrfeigen das Trommelfell, bei anderen brach der Stock auf dem Rücken, so brutal waren die Schläge. Auch der frühere Abt (Klostervorsteher) gehört zu den Gewalttätern.

Aus den von Ex-Verfassungsrichter Jentsch eingesehenen Opferberichten geht zudem hervor, dass selbst Gewalt unter Schülern an der Tagesordnung war. Jentsch berichtete von brutalen Schlägen von Schülern an Mitschülern bei der Schlafsaalaufsicht und von Klassenschlägen. Dabei sei das Opfer festgehalten worden und jeder Mitschüler habe einmal kräftig zuschlagen dürfen. “Es scheint nicht unüblich gewesen zu sein, dass einzelne Schüler der Gewaltanwendung ihrer Klassenkameraden ausgesetzt wurden“, sagte Jentsch - und das mit ausdrücklicher Billigung der Mönche.

Meilenstein bei der Aufarbeitung des Skandals

Als “Zeichen tätiger Reue“, wie Jentsch es nannte, richtet der Benediktinerkonvent nun einen Entschädigungsfonds in Höhe von einer halben Million Euro ein. Den Opfern soll daraus individuell mit bis zu einem Höchstbetrag von je 5000 Euro geholfen werden. Zudem will das Kloster in Ettal eine Gedenkstätte zur Erinnerung an den Missbrauch errichten und das dunkelste Kapitel seiner Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten. “Wir haben in diesem Land gelernt, mit Erinnerungen an bestimmte Zeiten umzugehen und sie so lebendig zu halten“, sagte Jentsch dazu.

Robert Köhler vom Verein der Missbrauchsopfer sprach von einem Meilenstein bei der Aufarbeitung des Skandals. Er sei zuversichtlich, dass nun die richtigen Schritte getan würden.

Der Missbrauchsskandal in dem Kloster nahe Garmisch-Partenkirchen war vor einem Jahr bekanntgeworden. Auf Druck des Münchner Erzbischofs, Kardinal Reinhard Marx, trat der derzeitige Abt Barnabas Bögle zurück, kehrte aber nach der Rehabilitierung durch den Vatikan ebenso wie Schulleiter Maurus Kraß wieder in sein Amt zurück. Bögle verfolgte die erschütternden Ausführungen des früheren Verfassungsrichters am Donnerstag stumm. Und wie ein reuiger Sünder ließ er sich am Ende den Bericht aushändigen.

dpa

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