Eine Kirche vor blauem Himmel.
+
Das Internat im Kloster Ettal wird 2024 geschlossen, das Tagesheim dafür ausgebaut.

Neustart in Zeiten des Umbruchs

„Die Familie bröckelt“: Schließung des Internats im Kloster Ettal beschäftigt die neue Direktorin

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
    schließen

Das eine wird ab-, das andere aufgebaut. Claudia Tillmann ist in unruhigen Zeiten im Kloster Ettal angekommen. Das Internat, dessen Direktorin sie seit März ist, wird 2024 geschlossen. Dafür wird das Tagesheim, für das sie ebenfalls zuständig ist, großzügig umgestaltet und erweitert.

  • Die angekündigte Schließung des Internats im Kloster Ettal fordert die neue Direktorin stark.
  • Claudia Tillmann befürwortet den Weg, den Ettal nach dem Missbrauchsskandal eingeschlagen hat.
  • Tagesheim wird großzügig umgestaltet und das Angebot völlig neu konzipiert,

Ettal – Die Sehnsucht nach den Bergen war groß. Nach ein paar Jahren im Chiemgau wusste Claudia Tillmann, was sie an Bayern hat. Und wie gern sie wandern geht. Kein Wunder, dass die Nordrhein-Westfälin die Chance, als Direktorin des Internats im Kloster Ettal in den Freistaat zurückzukehren, mit großer Freude ergriffen hat. Die 48-Jährige hat ihren neuen Job in turbulenten Zeiten angetreten. Zum einen erschwerten ihr die coronabedingten Einschränkungen den Start. Gerade einmal fünf Wochen erlebte sie die Kinder und Jugendlichen, zuvor stand Homeschooling auf der Agenda. Zum anderen schwebt die angekündigte Schließung des Internats nach dem Schuljahr 2023/24 über ihr. „Das bringt natürlich viele Gespräche mit sich und wirft bei Eltern Fragezeichen auf.“ Vor allem, um das Beste für das jeweilige Kind herauszufinden. Gerade bei Schülern, bei denen klar ist, dass sie nicht bis zum Abitur in Ettal bleiben können, gab es schon Abmeldungen.

Claudia Tillmann leitet als erste Frau das Internat Ettal

Solche Abschiede fallen der Sozialpädagogin, die auch ein paar Semester Theologie studiert hat, schwer. Unabhängig davon, wie lange oder wie intensiv die Beziehung zu dem betroffenen Kind war. „Ich will doch ein jedes von ihnen betreuen und aufziehen, nicht gehen lassen“, sagt Tillmann. Zu ihrem Bedauern „bröckelt die Familie“. Mit den 32 Kindern und Jugendlichen, die aktuell noch das Internat besuchen, baut sie jetzt peu à peu einen Kontakt auf. Dass die Anmeldungen in den vergangenen Jahren stark rückläufig waren, hängt sicher auch mit dem Missbrauchsskandal zusammen, der 2010 ans Licht kam und das Kloster deutschlandweit in die Schlagzeilen brachte. Tillmann, die in der Jugendhilfe viel mit Missbrauchsopfern gearbeitet hat, verfolgte die Berichterstattung und war positiv angetan „von dem guten Dialog, der hier mit den Opfern geführt wurde“. Diejenigen, die jetzt für die teils Jahrzehnte zurückliegenden Taten Verantwortung übernommen haben, „vor allem, um das Unrecht nicht zu verharmlosen“, schätzt die Sozialpädagogin enorm.

Claudia Tillmann ist die neue Direktorin.

Vielleicht trug auch diese ungute Geschichte dazu bei, die Internats- und Tagesheimleitung künftig in die Hände einer Frau zu geben. Gerade bei den jüngeren Schülern, die oft noch Heimweh plagt, „spielt das sicher eine Rolle“, eine weibliche Bezugsperson zu haben. Daneben weiß Tillmann, die ursprünglich aus dem Sauerland (Nordrhein-Westfalen) kommt, aber auch, dass viele Schüler den Pater vermissen, der sich rund um die Uhr um die Kinder kümmerte. „Das war wie eine Vaterfigur.“ Darüber, dass diese nicht mehr zur Verfügung steht, „herrscht eine gewisse Trauer.“

Tagesheim im Kloster Ettal wird umgestaltet

Trotz aller Widrigkeiten, die der Umbruch im Internat mit sich bringt, ist die neue Direktorin mittlerweile angekommen. Und eingearbeitet. „Ich fühle mich gerade auch von den Mönchen sehr gut aufgenommen, unterstützt und geschätzt.“ Das hat sich schon bei der Planung für das neue Tagesheim gezeigt, für das sie ebenfalls zuständig ist. Dort stehen große Änderungen an. „Da wird ordentlich investiert“, betont Tillmann. Eine Hausnummer kann sie nicht nennen. Genau wie Pater Johannes Bauer, Geschäftsführer der Ettaler Klosterbetriebe GmbH: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich das noch nicht genau beziffern, da gerade die Planungen gemacht werden.“ Das Tagesheim zieht in den Westtrakt im südlichen Teil des Klosters, also vom so genannten Oberammergauer Tor zum Gymnasiumsbau hin. Dort werden laut Tillmann neue Aufenthalts-, Studier-, Einzelunterrichts- und Büroräume eingerichtet. Einzig der Speisesaal wird bei der Umgestaltung nicht angetastet.

Insbesondere Kinder aus den fünften bis achten Klassen – derzeit sind es 24 – nutzen diese Einrichtung. „Die Älteren können meist schon eigenständig lernen“, sagt Tillmann. Um den Mädchen und Buben neben der Hausaufgabenbetreuung ein attraktives Angebot zu machen, feilt sie derzeit am Konzept. Dabei kommt ihr gerade ihre Zusatzausbildung als Erlebnispädagogin zugute. Details verrät sie allerdings noch nicht. „Es ist einiges im Gespräch, was wir da installieren könnten.“ Ihr Ziel ist es, bis zum kommenden Schuljahr erste Akzente gesetzt zu haben, um dann auch die Eltern entsprechend zu informieren.

Geplant sind Ausflüge mit den Internatschülern

Tillmann ist keine, die sich im Büro verschanzt. Sie arbeitet mit, hilft bei Hausaufgaben, steht als Ansprechpartnerin zur Verfügung und tüftelt mit ihren Kollegen auch, was sie den Kindern und Jugendlichen im Internat in diesem Sommer anbieten kann. „Wegen Corona war es bislang ja schwierig, etwas zu planen“, bedauert sie. Ausflüge und ein Spaßtag stehen auf ihrer Agenda. Das kommt auch Tillmann zugute, die sich vorzugsweise in der Natur aufhält. Wanderungen und andere Erkundungen der neuen Heimat sind bislang zu ihrem Bedauern zu kurz gekommen. Dazu war sie zu sehr eingespannt, sich im Kloster einzufinden.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare