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Arbeit unter besonderen Bedingungen: Offene Türe, Trennscheibe am Empfang – auch für Dr. Lisa Gemeinhardt (r.), Dr. Manuel Oberecker (2.v.r.) sowie das gesamte Praxisteam ist die Situation eine echte Herausforderung.

„Wir sind da“

Corona-Krise: Hausärzte müssen ihre Arbeit komplett umstellen 

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Die Sicherheit für die Patienten -  das ist für alle Hausärzte das Wichtigste in diesen Zeiten. Aber auch die eigene. Wie sie mit der Situation umgehen, dabei gibt‘s Unterschiede.

Garmisch-Partenkirchen – Die Praxistür steht weit offen, ist sogar angebunden, damit sie gar nicht erst geschlossen werden kann. Ein Spender mit Desinfektionsmittel fällt als Erstes auf. Geht sogar kontaktlos, per Sensor. Am Empfang trennt die Helferinnen eine hohe Scheibe von den Patienten. Maximale Hygiene, maximaler Schutz – das wollen den Kranken nicht nur Dr. Manuel Oberecker und Dr. Lisa Gemeinhardt aus Garmisch-Partenkirchen in ihrer Gemeinschaftspraxis bieten. Sicherheit für die Patienten, aber auch sich selbst steht bei allen Hausärzten aktuell hoch im Kurs, im Grunde über allem. Die Corona-Krise ist für die Mediziner eine große Herausforderung. Eine, der sie sich stellen. Das Tagblatt hat mit Ärzten aus Garmisch-Partenkirchen und Farchant darüber gesprochen, wie sie mit der Situation umgehen, welche Vorkehrungen sie getroffen haben, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind. Eine zentrale Kernbotschaft ist bei allen herauszuhören: „Wir sind für unsere Patienten da, die Versorgung ist gewährleistet“, betont Dr. Uta Keller stellvertretend.

Die Situation

„Normalität gibt es momentan eigentlich nicht“, sagt Dr. Christoph Jeschke. „Es ist vieles anders.“ Der Hausarzt, der seine Praxis an der Bahnhofstraße in Garmisch-Partenkirchen betreibt, arbeitet „wesentlich mehr am Telefon“. Und da geht es nicht nur ihm so. Dr. Thomas Ludwig aus Farchant schätzt das Aufkommen an telefonischer Beratung auf 80 Prozent. Ein Fakt, der Jeschke nicht gerade beruhigt. „Zum einen ist der Zeitaufwand deutlich höher, zum anderen haben wir nicht mehr alle unsere Sinne zur Verfügung, sondern müssen heraushören, wie es unseren Patienten geht.“ Die Herausforderung, auf diese Weise beispielsweise Corona-Erkrankte herauszufiltern, vergleicht er mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. „Das gibt einem auch als Arzt kein gutes Gefühl.“ Vor allem will er gar nicht dran denken, wie viele Menschen derzeit existieren, die nicht merken, dass sie das Virus womöglich in sich tragen, weil die Erkrankung nicht ausbricht. Das sieht auch Dr. Oberecker, der mit seiner Kollegin an der Zugspitzstraße in der Marktgemeinde praktiziert, als Gefahr. „Die vornehmlich jüngeren Träger sind die schlimmsten, weil sie nicht auffallen. Es wäre sehr wichtig, sie zu finden, um Schaden von anderen abzuhalten.“

Dr. Bernhard Popp, der mit drei Kolleginnen am Marienplatz eine Gemeinschaftspraxis betreibt, verweist genau deshalb auf die Notwendigkeit der guten Versorgung. „Jetzt schlägt eigentlich die Glanzstunde der Hausärzte“, betont er. „Denn nur wir kennen unsere Patienten aus dem Effeff.“ Da stimmt ihm Keller zu, die ebenfalls mit drei weiteren Ärzten an der Zugspitzstraße ihre Patienten versorgt. „Das ist unser großes Plus, dass wir die Patienten kennen, und diesen Vorteil sollten wir nutzen.“

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Doch, wo sind sie? Die Wartezimmer stehen leer. „Das Aufkommen ist deutlich weniger als normal“, betont Dr. Maximilian Kainz. „70 Prozent weniger“, schätzt Oberecker. „Es gibt ja nicht nur Corona, wo sind die chronisch Kranken, die eigentlich regelmäßig untersucht und behandelt werden müssten?“ fragt er. Das beunruhigt die Mediziner. „Manche Menschen wollen nicht einmal einen Hausbesuch“, sagt Kainz, der seine Praxis an der Schnitzschulstraße in Partenkirchen betreibt. „Die Verunsicherung ist definitiv groß.“

Zu Beginn gab es noch ein Problem, das Keller beschreibt. „Wir hatten noch eine kleine Influenza-Welle. Dadurch kamen natürlich noch mehr Patienten mit Infektionssymptomen.“ Das machte die Differenzierung deutlich schwieriger, weil die Symptome sehr ähnlich sind. Seit einer Woche aber ebbt diese Welle ab.

Die Praxen

Die Ärzte gehen sehr unterschiedlich mit der aktuellen Situation um. Geöffnet sind die meisten Praxen. Nur gibt es verschiedene Konzepte, wie die Mediziner mit Patienten in Kontakt treten. Menschen ohne Infektions-, also Erkältungssymptome wie Husten oder Fieber, die über Rücken-, Knieschmerzen oder andere Probleme klagen, könnten in den meisten Fällen noch direkt in die Praxis kommen. Viele Ärzte wünschen sich aber eine vorherige telefonische Absprache. Keller etwa nimmt nur noch Patienten nach telefonischer Rücksprache an. Grundsätzlich gilt die Anruf-Pflicht für alle Infektionsverdächtigen. Bei Kainz etwa wird nur ein Patient in die Räume gelassen, dafür gibt es einen Wartebereich vor dem Gebäude – auch im Trockenen. In Jeschkes Praxis werden die Termine so koordiniert, dass es zu keinen Wartezeiten kommt. Keller und Popp haben durch die Vielzahl an Ärzten, die in den Praxen arbeiten, jeweils zwei unabhängige Teams gebildet, die nicht in Kontakt kommen. „Wir wechseln immer ab, ein Team ist in der Praxis, eines macht Telefondienst, am Nachmittag wechseln wir dann“, beschreibt Keller.

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Auch bei Oberecker herrschen strenge Einlasskontrollen, aber die Praxis ist offen. „Bei den Terminen achten wir auf die Abstände.“ Sogar in den Arztzimmern haben Oberecker und seine Kollegin Scheiben aufgestellt, um sich gegenseitig zu schützen. „Es ist schon klar, dass die Menschen Angst haben, dass sie sich in einer Praxis noch eher anstecken könnten, aber dem ist nicht so“, sagt der Doktor. Im Wartezimmer, in dem sonst bis zu zwölf Menschen sitzen, halten sich nun maximal zwei Menschen auf, und auch nur dann, wenn es sich nicht um Infektionssymptome handelt.

Ludwig versucht in Farchant, so viel wie möglich über das Telefon zu erledigen oder eben andere knifflige Fragen per Hausbesuch zu klären. „Die Praxis ist immer besetzt, da braucht niemand Angst zu haben, aber mit einem normalen Schnupfen muss derzeit niemand kommen. Das regeln wir anders.“

Corona-Tests

Mit voller Wucht traf es Dr. Kainz und sein Team in Sachen Corona. Der Partenkirchner musste seine Praxis nach einem Positiv-Fall gar für zwei Wochen schließen. „Der Patient kam wegen einer anderen Problematik“, betont Kainz. „Dann war er plötzlich positiv. Als Kontaktpersonen kamen wir alle in Quarantäne.“ Wohlgemerkt stellten sich aber alle Beteiligten aus der Praxis bei Tests als negativ heraus.

Das Geschäft läuft nun wieder geregelt bei Kainz. Auch er nimmt Corona-Abstriche vor, lässt die Röhrchen zumeist von Angehörigen abholen und wieder bringen. „Natürlich mit der entsprechenden telefonischen Vorbesprechung.“ Quasi einen eigenen Drive-In haben Oberecker und Gemeinhardt vor dem Gebäude eingerichtet. „Wir testen auf dem Parkplatz im Auto.“ Dabei reicht der Arzt das Röhrchen in den Wagen, der Patient nimmt den Rachenabstrich vor, packt ihn ein und gibt ihn zurück. „Alles kontaktlos“, sagt Oberecker, der seit 5. März 172 Tests abgenommen hat. In Farchant bei Dr. Ludwig gibt’s das Material nach Absprache „am Fensterbankerl“. Dr. Keller hat einen Korb vor der Praxis stehen, in den die Röhrchen abgelegt werden. „Wir haben zu Beginn viele Menschen zum Drive-In des BRK übermittelt“, betont die Ärztin. Kollege Popp hat in der Praxis sogar ein eigenes Behandlungszimmer für Corona-Patienten eingerichtet.

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Schutzmaterial

Ein großer Problempunkt in der Krise ist für die Hausärzte der fehlende Vorrat an Schutzausrüstung. „Daran hängt auch die Motivation vieler Kollegen, Tests zu machen oder eben nicht“, sagt Popp. Geeignete Masken und Kittel sind Mangelware. Warum sich die Situation unter den Medizinern so unterschiedlich gestaltet, erklärt Keller: „Jeder Arzt muss sich das Material selbst besorgen.“ Wohl dem, der vorgesorgt hat. „Wir waren noch im Glück.“ Sie hatte eine Order über 400 Masken getätigt, ist damit ganz gut versorgt. Das gilt nicht für alle Kollegen.

Bei Dr. Kainz ist die Ausrüstung eher ein rares Gut. „Wir haben für jede Helferin noch eine oder zwei Masken zum Wechseln.“ Allerdings auch nur, weil ein Patient Material gespendet hat. Popp ließ seine Beziehungen als ehemaliger Bundeswehr-Arzt spielen, besorgte sich restliches Material vom G7-Gipfel von 2015. „Auf normalem Weg geht wenig“, betont er. „Das ist ein echter Hemmschuh“, ergänzt Keller.

Obendrein sind die Preise explodiert. Masken, die einmal 1,20 Euro kosteten liegen nun bei zirka 12 Euro, betont Oberecker. Er selbst bekam noch eine Lieferung von seinem Bruder aus Hongkong.

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