Flucht nach Long Island: Tausende Menschen flohen am 11. September von Manhattan über die Brooklyn-Bridge in Richtung jener Insel, auf der die Farchanterin Gabi Maurrasse bis Dezember 2020 gelebt hat. 
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Flucht nach Long Island: Tausende Menschen flohen am 11. September von Manhattan über die Brooklyn-Bridge in Richtung jener Insel, auf der die Farchanterin Gabi Maurrasse bis Dezember 2020 gelebt hat. 

Serie zum 20. Jahrestag der Terroranschläge

„Der Rauch war wie ein Leichentuch“: Oberbayerin erlebt 9/11-Anschläge in New York - und erinnert sich zurück

  • Josef Hornsteiner
    VonJosef Hornsteiner
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Der 11. September 2001 veränderte die Welt. Menschen aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen erzählen 20 Jahre nach den Terroranschlägen in New York ihre Geschichte.

Farchant/New York – Der Mann aus ihrer Nachbarschaft kehrt an diesem Dienstag nicht mehr nach Hause. Gabi Maurrasse kennt ihn nur flüchtig. Hin und wieder lief er ihr über den Weg. Als er vor ihrem Haus in Richtung Bahnhof unterwegs war, grüßte er sie immer freundlich. An jenem Dienstag sieht sie ihn nicht.

20 Jahre nach 9/11-Terror: Oberbayerin arbeitete für Lufthansa am John-F.-Kennedy-Airport

Doch weiß Maurrasse, dass er in den Zug gestiegen und Richtung Downtown gefahren ist. In sein Büro in einen der obersten Stockwerke des World Trade Centers. Sie erkennt ihn sofort wieder, auf dem Foto neben hunderten anderen. Festgeklebt an einem Zaun in der Nähe ihres Hauses in Long Island. „Missing“ steht darunter. Überall Kerzen und Blumen. Ihr Nachbar kam am 11. September 2001 in den zerstörten Twin Towers ums Leben. Jener Tag, als Terroristen mit Flugzeugen die höchsten Gebäude New Yorks zu Fall brachten.

Kurz vor den Anschlägen: Gabi Maurrasse (M.) mit zwei Kolleginnen an ihrem Arbeitsplatz am JFK-Airport. Auch am 11. September 2001 stand die Farchanterin im Dienstplan. Hätte um 12 Uhr arbeiten müssen.

Bis heute denkt Maurrasse oft an „9/11“. Sie ist seit Dezember 2020 wieder zurück in ihrem Heimatort Farchant, wo sie als Gabriele Felber aufwuchs. Am 1. Oktober 1988 wanderte sie mit Mitte 20 in die USA aus – der Liebe wegen. In Deutschland lernte sie ihren späteren Mann Mike Maurrasse kennen, ein waschechter New Yorker. Sie arbeitete fortan für die Lufthansa am John-F.-Kennedy-Airport, einem der größten und bedeutendsten Flughäfen der Welt.

9/11: Gabrielle Maurrasse fährt Kinder in New York zur Schule - dann unterbricht Radio das Programm

Oft denkt sie an den getöteten Nachbarn. Und wie viel Glück sie hatte, dass es nicht ihr damaliger Ehemann war. Denn ihr Mike fuhr jeden Tag fast zur selben Uhrzeit mit der gleichen Bahn nach Lower Manhattan von Long Island aus. Dort hat sich die junge Familie in einem ruhigen Vorstadtviertel von New York ein idyllisches Leben aufgebaut. Mike Maurrasse arbeitete eine Stunde Fahrzeit entfernt als IT-Manager im One World Financial Center – an der 200 Liberty Street, genau neben den Twin Towers.

An jenem 11. September fährt Gabrielle Maurrasse um 8 Uhr ihre beiden Kinder zur Schule. Sie besuchen die 1. und 4. Klasse einer Elementary-School in Long Island. Um 8.30 Uhr will sie nochmal nach Hause. Es scheint die Sonne. Das Radio verkündet einen traumhaft schönen Herbsttag. Viele Fluggäste sind zu erwarten. Sie will sich deshalb noch etwas Ruhe gönnen vor einem anstrengenden Arbeitstag. Um 12 Uhr beginnt ihre Schicht am JFK-Airport. Dort sitzt sie am Check-In oder arbeitet in der First-Class-Lounge.

Um 8.48 Uhr unterbricht der Sender ihres Autoradios sein laufendes Programm. Dann kommt sie. Die Meldung, welche die gebürtige Farchanterin bis ins Mark schockt. Ein Flugzeug ist in den Nordturm des World Trade Centers gerast. Maurrasse fährt langsamer, lugt aus den Autofenstern. An manchen Stellen in Long Island ist die Skyline von Manhattan gut zu erblicken. Sie sieht schwarzen Rauch. Um 9 Uhr parkt sie ihr Fahrzeug in der Einfahrt, rennt ins Haus, schaltet den Fernseher ein. Sie kann kaum verarbeiten, was sie sieht, als live im TV um 9.03 Uhr ein zweites Flugzeug in den Südturm fliegt. Das ist kein Unfall. Das ist Krieg.

Terroranschläge in New York, Washington und Pennsylvania verfolgt sie gemeinsam mit Freundin

Geschockt greift sie zum Telefon, ruft ihre Freundin an. „Mike ist glücklicherweise nicht wie üblich im Büro“, sagt sie. Seit dem 10. September befindet sich dieser auf Geschäftsreise in London. Mit ihrer Freundin verfolgt sie die Stunden des Schreckens gemeinsam. Wie der Südturm einstürzt. Dann der Nordturm. Sie legt auf. Der Chef versucht sie zu erreichen. Maurrasse braucht heute nicht zu arbeiten. Der Flughafen ist gesperrt. Der Luftverkehr komplett eingestellt. Keiner weiß, wie viele entführte Flugzeuge sich vielleicht noch in der Luft befinden. Maurrasse hört Düsenjets über sich fliegen. Kampfflieger über dem beschaulichen Long Island.

Hier erhielt ihr Mann vor 20 Jahren Verpflegung, während er am Ground Zero mithalf, die digitale Infrastruktur wieder aufzubauen: Gabi Maurrasse (l.) vor der St. Paul Chapel nahe des World Trade Centers.

Sie telefoniert mit der Schulleiterin, soll die Kinder abholen. Der Unterricht fällt aus. Einige Eltern erreicht die Direktorin noch nicht. Später erfährt Maurrasse, dass auch unter ihnen Todesopfer sind. Das Telefonnetz ist weitestgehend zusammengebrochen, als sie ihr Auto wieder zur Schule lenkt. Der Verkehr läuft zäh.

Aus dem Radio hört sie von kilometerlangen Staus in und um die Innenstadt. Immer wieder schaut sie gen Himmel. Die dunklen Rauchschwaden verhüllen die Skyline Manhattans. „Der Rauch war wie ein Leichentuch, er legte sich tagelang über alles.“ Endlich erreicht sie ihren Mann. Sie telefonieren lange. Er möchte sofort nach Hause, doch er weiß nicht, wann er einen Flug bekommt. Drei Tage lang sperrt die Regierung den Luftraum für den internationalen Verkehr.

9/11: Mann darf erst am 14. September nach New York reisen - dann hilft er am Ground Zero

Erst am 14. September 2001 sitzt Maurrasse in einer Maschine. Noch am selben Tag bietet er seine Hilfe an, macht sich auf nach Manhattan. Dort hat sich der dichte Rauch noch immer nicht gelegt. Sein Büro ist zerstört. Die Druckwelle der einstürzenden Türme haben Scheiben zerbersten, Möbel zersplittern lassen. Trümmerteile rissen die Fassade auf. Maurrasse hilft als IT-Manager, die digitale Infrastruktur rund um den Ground Zero wieder aufzubauen. Manchmal kommen er und seine Kollegen rußverschmiert und eingestaubt nach Hause. „Viele seiner Kollegen sind durch die freigesetzten Schadstoffe in der Luft krank geworden.“ Diagnose: Krebs.

Die Lufthansa setzt die ausgewanderte Deutsche gleich am nächsten Tag wieder ein. Doch nicht am Flughafen, sondern im Telefondienst des völlig überlasteten Reservierungsbüros. Zwei Tage lang muss sie unzählige Anrufe entgegennehmen, Flüge stornieren, umbuchen, den Menschen gebetsmühlenartig erklären, wieso der Luftverkehr nach wie vor nicht aufgenommen werden kann.

„Die meisten hatten Angst, aber Verständnis für die Situation. Andere wiederum nicht.“ Es herrscht Chaos in der Stadt. Seit Tagen biwakieren jene Passagiere, die sich zur Zeit des Anschlages mit ihrem Flugzeug über dem atlantischen Ozean in Richtung Amerika befanden, in Neufundland. Maurrasse spricht mit ihren Lufthansa-Kollegen, die mit einem Kleinflugzeug zum Airport Gander gebracht werden und den Einheimischen helfen, die Gestrandeten zu versorgen.

Nach Terroranschlägen in New York: Arbeit am JFK-Flughafen ändert sich schlagartig

Auch sonst ist nichts mehr wie zuvor. Seit den Anschlägen werden Flugzeuge nicht nur als Transportmittel, sondern auch als potenzielle Massenvernichtungswaffen gesehen. Als die gebürtige Farchanterin wieder am JFK ihrer Arbeit nachgeht, hängen „schwarze Listen“ mit Namen von islamistischen Gefährdern an ihrem Arbeitsplatz. Sie müssen ausgesondert und besonders extrem kontrolliert werden. „Das alles war furchtbar chaotisch“, sagt sie später. Durch die neuen, aufwändigen Sicherheitskontrollen verpassen einige ihre Flüge. Manche erhalten sogar Flugverbot.

9/11: „Jeder kennt hier in New York jemanden, der da gearbeitet hat“

Auch für ihren Mann ändert sich einiges. Sieben Monate lang ist das One World Financial Center geschlossen. Maurrasses Firma zog deshalb nach Midtown. Bis Dezember 2020 lebte und arbeitete Gabrielle Maurrasse noch in New York. Jetzt ist sie zu ihrer Mutter nach Farchant zurückgekehrt, kümmert sich um sie. Das World Trade Center hat sie erst zwei Monate nach dem Anschlag im Jahr 2001 besuchen können. Seither war sie oft am „9/11 Memorial & Museum“.

Jener Platz, an dem die rund 3000 Toten dieses Tages namentlich aufgeführt sind. Irgendwo steht auch der Name ihres Nachbarn. „Jeder kennt hier in New York jemanden, der da gearbeitet hat“, sagt Maurrasse. Bis heute haben sie und ihr Ex-Mann ein mulmiges Gefühl, wenn sie am neuen World Trade Center stehen – besonders vor der St. Paul’s Chapel, wo die zahllosen Helfer und Einsatzkräfte verpflegt wurden – wie ihr Mike. Doch nur die Kapelle überlebte jenen Tag unbeschadet.

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