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„Zusammen geht es leichter“, dachten sich die Flüchtlinge und spenden für Christine Lorenz’ kaputten Pkw. 

Flüchtlingshilfe mal andersrum

Eritreer spenden 700 Euro

Flüchtlinge geben Geld für Einheimische? Meistens ist es doch anders herum. Eine Gruppe von Eritreern hat nun zusammengelegt, um Christine Lorenz aus Farchant nach einem Autounfall zu helfen. 700 Euro sind dabei zusammengekommen. 

Farchant – „50 Zitronen sind für einen Mann schwer zu sammeln, wenn jeder ihm eine gibt, ist es nicht so schlimm.“ Diese Weisheit kommt aus dem fernen Eritrea im Nordosten Afrikas. Um die 20 Flüchtlinge, die ihre Heimat dort verlassen mussten, haben sich diese zu Herzen genommen und einer Farchanterin mit einer Spende gehörig unter die Arme gegriffen. Knapp 700 Euro haben sie für die Sozialpädagogin Christine Lorenz gesammelt. Genauer genommen für ihren roten Caddy. Den hat die 42-jährige nämlich bei einem Unfall „ziemlich geschrottet“, wie sie selbst sagt. Ihr und ihrem Sohn, der neben ihr saß, ist bei dem Zusammenstoß mit einem anderen Auto zum Glück nichts passiert. Den Caddy kann sie seitdem aber nicht mehr fahren. Dank des Engagements der Flüchtlinge soll sich das bald ändern.

„Ich wollte das Kuvert erst nicht annehmen.“ 

Für Lorenz kam die großzügige Geste völlig unerwartet. Überwältigt war sie schon, als am Abend nach dem Unfall mehrere der Flüchtlinge – von denen Lorenz zwei intensiv betreut – angerufen hatten, um sich zu erkundigen, ob sie wohlauf ist. Einige kamen sogar zu Fuß oder mit dem Fahrrad von Garmisch-Partenkirchen nach Farchant, um zu sehen, wie es ihr geht. „Das war der Hammer“, sagt die Sozialpädagogin. Als einige von ihnen wenige Tage später mit einem Umschlag voller Geldscheine aufkreuzten, hat es ihr gänzlich die Sprache verschlagen. „Ich wollte das Kuvert erst nicht annehmen“, sagt die 42-Jährige. Immerhin besitzen die Asylbewerber ja selbst kaum Geld. „Die meisten beziehen Harz IV oder bekommen Taschengeld vom Jugendamt“, sagt Lorenz. Dennoch wollten sie sich bei Lorenz bedanken. Dafür, dass sie ehrenamtlich täglich mit ihnen Behördengänge meistert, sich mit ihnen auf Wohnungssuche begibt und sich dafür engagiert, dass sie sich in der neuen Heimat zurecht finden. Ihre Widerworte erregten großen Protest. Die jungen Männer bestanden darauf, dass Lorenz die Spende annimmt. „Sie haben mir erklärt, dass das Teil ihrer Kultur ist.“

Die Flüchtlinge wollen einen Beitrag leisten 

Nun befand sich die Farchanterin in einer Zwickmühle: Einerseits wollte sie die Eritreer nicht vor den Kopf stoßen, andererseits war ihr unwohl dabei, das Geld anzunehmen. „Sogar mein Sohn hat gesagt, dass ich das nicht machen kann“, sagt sie. Dennoch brachte sie es nicht übers Herz, die gut gemeinte Geste abzulehnen. „Sie wollen mir wirklich helfen und eben auch einen Beitrag leisten.“ Diese Einstellung findet die Sozialpädagogin bewundernswert. Darum hat sie die Spende letztlich doch akzeptiert.

Ihr technisch versierter Mann will sich nun des Caddys annehmen und ihn reparieren. Als er die Ersatzteile bestellt hat, haben er und seine Frau nicht schlecht gestaunt: Die Rechnung betrug um die 700 Euro. Ein Zeichen? „Vielleicht“, sagt Lorenz und lacht. Ob Fügung oder nicht, auf jeden Fall will sich auch Lorenz bei ihren Helfern in der Not ebenfalls revanchieren. Und zwar mit einem kleinen Fest. „Wenn das Auto fertig ist, wird selbstverständlich gefeiert.“

Magdalena Kratzer

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