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Skizirkus, Klimawandel und naturnaher Tourismus: Moderator Tilmann Schöberl schneidet in der Diskussionsrunde „Jetzt red i“ viele Themen an. 

Diskussion über Ausverkauf der Alpen im Bayerischen Fernsehen

„Jetzt red i“ in Farchant: Studiogäste treibt Skischaukel im Allgäu um

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Droht der Ausverkauf der Alpen? Diese häufig gestellte Frage steht im Mittelpunkt von „Jetzt red i“. Eine Antwort finden die Studiogäste in Farchant nicht. Was aber alle umtreibt, ist die geplante Skischaukel am Riedberger Horn, für die Schutzzonen einfach verschoben wurde. Ein Vorgehen, das Begehrlichkeiten wecken könnte.

Sympathiepunkte sammelt der Techniker, der den Boden im Studio wischt. Dafür heben (v. l.) Farchants Bürgermeister Martin Wohlketzetter sowie Kathrin und Klaus Wurmer vom Kranzberg-Skigebiet in Mittenwald gerne ihre Beine. 

Farchant – Den ersten Applaus heimst ein Techniker des Bayerischen Fernsehens ein. Der muss mit Eimer und Schrubber bewaffnet erst einmal den schwarzen Boden des „Jetzt red i“-Studios wischen. Soll ja alles gut rüberkommen daheim bei den Zuschauern. Deshalb schwirr

en andere Mitarbeiter des Teams herum und schauen genau, was in der ersten Reihe auf dem Boden steht. Nichts sollte es sein. Nichts, was die Aufmerksamkeit der Zuschauer ablenkt. Deshalb lassen Dorothee Sührig, Sprecherin der Grünen im Landkreis, und ihre Tochter Johanna ihre Stofftaschen hinter dem Aufbau verschwinden.

Das Konstrukt aus hellem Holz mit orangefarbenen Stoffkissen verwandelt den Saal des Farchanter Gasthofs Alter Wirt komplett. Auch die Lounge-Stühle, in denen kurz vor Beginn der Aufnahme Sigi Hagl, Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Franz Josef Pschierer (CSU), Staatssekretär im bayerischen Wirtschaftsministerium, Platz nehmen, tragen zum Ambiente bei. Damit die Fernsehbilder passen, bittet Moderator Tilmann Schöberl seine Gäste im Studio um Konzentration – und darum, Kaugummis verschwinden zu lassen. Erstere zu erfüllen, fällt den Anwesenden nicht schwer. Das Thema „Skizirkus, Schneekanonen und kein Ende – Droht der Ausverkauf der Alpen?“ bewegt die Gemüter – und das nicht wegen irgendwelcher Projekte im Landkreis.

Nicht die neue Seilbahn Zugspitze empört die Zuhörer

Weniger die Vorhaben am Kranzberg, wo eine Seilbahn den Sessellift aus den 1950er Jahren ersetzen soll, und der Neubau der Seilbahn Zugspitze sind es, die Hubertus Ott bewogen haben, ins Studio zu kommen. Den Farchanter empört die Entscheidung des Bayerischen Landtags, der für die geplante Skischaukel am Riedberger Horn (Allgäu) einfach Schutzzonen verschiebt. „Damit hat der Freistaat den Alpenplan, der seit 1972 in Kraft ist, ins Stadium der Beliebigkeit versetzt.“ Worte, mit denen er Hagl und auch Axel Doering, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz, aus der Seele spricht. Die Landeschefin der Grünen fürchtet, dass damit ein Präzedenzfall geschaffen wurde, „der Begehrlichkeiten weckt“. Gegen Modernisierungen, wie den Neubau der Seilbahn auf Deutschlands höchsten Berg, sträubt sie sich nicht. Massive Erweiterungen und neue Erschließungen, wie die im Allgäu, stoßen ihr aber sauer auf. „Damit treibt die CSU den Ausverkauf der Alpen voran.“

„Jetzt red i“ in Farchant - die Bilder zur Diskussion über die Skischaukel im Allgäu

Ihre Sorge, dass damit weitere Liftbetreiber auf den Plan gerufen werden, versucht Mathias Stauch zu zerstreuen. Der Kaufmännische Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB) erinnert daran, dass die letzte Erschließung im Bereich Alpspitze in den 1970er Jahren erfolgt sei. „Mittlerweile beschreiten wir nur noch den Weg der Modernisierung“, betont er.

„Spannungsfeld zwischen Ökologie und wirtschaftlichen Interessen“

Daran liegt auch Pschierer, der gebetsmühlenartig darauf verweist, dass der Freistaat nur Projekte fördert, die das ganze Jahr Touristen und Einheimischen dienen. Die „kontroverse Diskussion“ in Farchant, bei der er von Seiten der Naturschützer und der Grünen viel Kritik erntet, führt dem CSU-Politiker „wieder einmal das Spannungsfeld zwischen Ökologie und wirtschaftlichen Interessen vor Augen“. Der Vertreter des Ministeriums, das unter anderem für Tourismus zuständig ist, verweist aber auch auf die Marketing-Strategie des Freistaats. Dabei werde mit Authentizität und intakter Natur geworben. „Beides erleben Urlauber bei uns.“

45 Minuten haben die Studiogäste Zeit, sich auszutauschen. Zu wenig, um alles loszuwerden. Kein Wunder, dass nach der Aufzeichnung rege weiter diskutiert wird.

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