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So wird’s einmal aussehen: das geplante Explorer-Hotel an der Frickenstraße in Farchant.

Marathon-Sitzung im Rathaus

Nur eine Gegenstimme: Farchant ebnet Weg für Explorer-Hotel

Das Hotelprojekt der Explorer-Kette in Farchant ist auf der Zielgeraden: In einer mehrstündigen Sitzung hat der Gemeinderat den Satzungsbeschluss zum Bauvorhaben  gefasst.

Farchant – Zuhörer, Gemeinderäte, Bürgermeister: Alle brauchten einen langen Atem an diesem Abend. Und die Bereitschaft, zuzuhören – lange zuzuhören. Auf knapp 60 eng bedruckten Seiten ist das Konvolut angeschwollen, das sich mit dem geplanten Bau eines Hotels der Explorer-Kette östlich der Frickenstraße befasst. 60 Seiten geballtes Infomaterial, bestehend aus Ergebnissen von Gutachten, gemeindlichen Stellungnahmen, Bürgerbeschwerden, Behördenschreiben, Abwägungen. Punkt für Punkt trug Peter Schneider von dem von der Gemeinde beauftragten Ingenieurbüro Segmentum das Material vor, bevor Bürgermeister Martin Wohlketzetter (SPD) jede einzelne Stellungnahme zur Kenntnisnahme und dann zur Abstimmung gab.

Fast vier Stunden dauerte das Prozedere. Dutzende Male hoben sich die Hände, bis es gegen 22.30 Uhr zum entscheidenden Votum kam: die Änderung des Flächennutzungsplans von einem Biotop hin zu einem „Sondergebiet Fremdenverkehr östlich der Frickenstraße“ im Rahmen einer Ausnahmeregelung. Auch der Bebauungsplan ist als Satzung beschlossen.

Doch vor diesen für das Projekt wegweisenden Entscheidungen gab es erst einmal eine Pause. Fenster wurden aufgerissen, Frischluft war nötig. Christian Hornsteiner, Geschäftsführer der Gemeinde, verteilte aufmunternd Getränke. Dann ging alles ganz schnell. Keine zwei Minuten dauerte es, bis Bürgermeister Martin Wohlketzetter (SPD) die jeweiligen Beschlussvorlagen vorgelesen und die Gemeinderäte ihr OK dazu gegeben hatten. Bis auf Stephan Graf (FW) stimmten alle für die formalen planrechtlichen Voraussetzungen und damit insgesamt für das Hotelprojekt mit Tiefgarage und landwirtschaftlicher Direktvermarktung. Nach umfangreichen Prüfungen durch verschiedene Institutionen – vor allem das Wasserwirtschaftsamt und Naturschutzbehörden – muss jetzt abschließend noch das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen zustimmen.

Peter Schneider, Ingenieurbüro: „Sämtliche Vorgaben und Grenzwerte eingehalten“

So wird’s einmal aussehen: das geplante Explorer-Hotel an der Frickenstraße in Farchant.

Schneiders Fazit: Sämtliche Vorgaben und Grenzwerte würden den Stellungnahmen und Gutachten zufolge eingehalten. Dem Bauprojekt stehe juristisch nichts mehr im Wege. „Die Untersuchungen haben sich an einschlägigen Richtlinien orientiert. Es ist davon auszugehen, dass sie rechtssicher sind“, sagte er anhand mehrerer Beispiele. Stichwort Schallschutz: Sowohl Lärmsanierungs- als auch Immissionsgrenzwerte würden einem Schallschutzgutachten zufolge an allen relevanten Stellen nicht nur eingehalten, sondern teilweise auch unterschritten, führte Schneider aus. Eine durch den zusätzlichen Verkehr bewirkte Pegelerhöhung würde tagsüber lediglich um maximal 2,2 Dezibel, nachts um höchstens 0,6 Dezibel überschritten.

Auch auf die Verkehrsbelastung, die im Verlauf der Sitzung immer wieder im Fokus stand, ging Schneider ein. Eine vom Ingenieurbüro Kurzak in München erstellte Messung kommt zu dem Ergebnis: Das zu erwartende zusätzliche Aufkommen durch den Hotelbetrieb sei „niedrig“ und „gut abwickelbar“. Gemessen wurde an einem heißen Sommertag im Juli 2018. Es habe 110 bis 120 Bewegungen pro Stunde gegeben – also alle 30 Sekunden ein Fahrzeug. Deutlich höher als die Verkehrsbelastung sei die Anzahl der Fahrradfahrer an der Frickenstraße. Da wurden zwischen 750 bis 800 Radler gezählt.

Der Betreiber sorgt zudem für genügend Pkw-Stellplätze, erklärte Schneider. Ebenso entschärft sieht er die Niederschlags- und Abwasserproblematik: Nach Analysen der Wasserwirtschaftsamts in Weilheim sei davon auszugehen, dass die Abwassermenge, zu denen auch der Niederschlag zählt, über spezielle Sickermulden „im Spitzenfall schadlos abgeführt“ werden könnte. Damit eng verbunden ist die Frage nach der Dimensionierung des Kanals. Die sei dem Ingenieur zufolge ausreichend. Auch Starkregenereignisse könnten damit – solang es sich nicht um ein Jahrhunderthochwasser handelt – aller Voraussicht nach geschultert werden.

Geplantes Explorer-Hotel in Farchant: Naturschutzrechtlich verträglich

Dass an einem Hotel dieser Größenordnung (200 Zimmer mit 100 Doppelbetten) Bedarf besteht, daran hat Schneider keinen Zweifel: So komme eine entsprechende Bedarfsanalyse zu dem Ergebnis, „dass sich aufgrund der vorhandenen Bettenstruktur sowie der Betrachtung der Nachfrage eine zusätzliche Kapazität von 218 Betten ergibt“.

Auch in naturschutzrechtlicher Hinsicht sei das Projekt verträglich. Allerdings forderte die Untere Naturschutzbehörde eine Änderung für jene Biotopflächen, die nicht überbaut werden. So seien zu deren Schutz diverse Anpflanzungen nötig, etwa verschiedene Gehölzgruppen. Man werde dies umsetzen, versicherte Schneider.

Die Weide- und Bullenhaltungsgenossenschaft Farchant, die das Gelände als Weidefläche benutzt, erhält eine von einem Vegetationsbiologen erfasste Ausgleichsfläche in unmittelbarer Nähe zum Bebauungsareal, führte der Ingenieur weiter aus. Sie habe dem bereits zugestimmt. Die Bedenken von Anwohnern und Trägern öffentlicher Belange entkräftete Schneider mit Hinweis auf die vorgetragenen Stellungnahmen und Ergebnisse von Gutachten.

Im Gremium stießen die Stellungnahmen uneingeschränkt auf Zustimmung. Nur Stephan Gerd (FW) wollte den Gesamtbeschluss – die Änderung des Flächennutzungsplanes sowie den Satzungsbeschluss in puncto Bebauungsplan – nicht mittragen. „Mir gefällt der Standort nicht“, sagte er. „Ich kann dem nicht zustimmen.“ Kritische Bemerkungen zu einzelnen Punkten kamen auch von seinem Fraktionskollegen Gerhard Portele. Der Volksvertreter sorgte sich vor allem um den zu erwartenden Verkehr: „Da habe ich Bauchschmerzen.“

VON RAFAEL SALA

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