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Einsatz am Farchanter Tunnel: Unfall-Geschehen wie am Samstagmittag üben die Rettungskräfte regelmäßig ein.

Den Vortritt hat die Feuerwehr

Tunnel Farchant: Bei Notfällen gibt‘s kein Schema F

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Unfall im Tunnel: ein Horror-Szenario für Rettungskräfte. Um darauf vorbereitet zu sein, wird auch in den Farchanter Röhren regelmäßig geübt. Mit Erfolg, wie die Karambolage mehrerer Fahrzeuge am Samstag gezeigt hat. Polizei, Feuerwehr und BRK arbeiteten dabei Hand in Hand.

Farchant – Der Ordner ist dick. Mehrere hundert Seiten dick. Darauf ist jedes erdenkliche Notfall-Szenario im Farchanter Tunnel festgehalten. Und davon gibt es viele. Von „x-Varianten“ spricht Thomas Joner, wenn er an mögliche Einsätze denkt. Der Kommandant der Farchanter Feuerwehr und seine Retter sind Experten, wenn es um die beiden gut zwei Kilometer langen Röhren geht, die ihr Dorf seit 2000 vom Durchgangsverkehr entlasten. Jedes Jahr proben sie darin den Ernstfall. Regelmäßig auch in großer Besetzung, das heißt mit den Kollegen aus dem ganzen Landkreis und auch mit Vertretern des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) und weiterer Blaulicht-Organisationen. Dazu kommen Begehungen – ein- bis zweimal im Jahr. „Es ist wichtig, sich intensiv mit dem Tunnel zu befassen“, sagt Joner. „Zu wissen, welche Einrichtungen vorhanden sind, wo man anfährt.“ Darauf sind er und seine Mannschaft bestens vorbereitet, schließlich werden sie als erste verständigt, wenn im Farchanter Tunnel etwas passiert ist. Wie jüngst am Samstagmittag.

Die Karambolage – eine Polin (40) war mit ihrem Pkw aus bislang ungeklärter Ursache nahe des Nordportals auf die Gegenfahrbahn geraten – hatten die Experten der Verkehrszentrale München-Freimann beobachtet. Auf einem der Bildschirme, die sie rund um die Uhr überwachen. „Sie geben’s dann an die Einsatzzentrale weiter“, erklärt Josef Grasegger, Sprecher der Polizei-Inspektion Garmisch-Partenkirchen. Und damit beginnt die Rettungskette, die in den Einsatzplänen der Autobahndirektion Südbayern vorgesehen ist. „Bis ins Detail“ sei in diesem „Riesenschinken“ alles fixiert, sagt Grasegger. Auch die Vorgabe, dass zunächst die Kräfte der Feuerwehr mit ihren Atemschutzträgern zur Unglücksstelle vorrücken. „Erst wenn sie grünes Licht gegeben haben, können auch wir hinfahren“, bestätigt Hans Steinbrecher, Leiter des BRK-Rettungsdienstes im Landkreis. Nicht nur, weil es zu einem Brand im Tunnel kommen könnte, sondern auch für den Fall, dass Personen in ihren Fahrzeugen eingeklemmt sind. „Da können wir aus Platzgründen nicht sofort rein“, sagt Steinbrecher. Ein Vorgehen, das sich seit Eröffnung des Tunnels bewährt hat und auf das alle Organisationen eingeschworen sind.

Standard ist nichts, wenn es um die Farchanter Umgehung geht. Deshalb wurde auch am Samstag kein Schema F abgehandelt, sondern passend zur Situation reagiert. Nachdem aufgrund der laufenden Wartungsarbeiten derzeit nur eine Röhre befahrbar ist, konnten die Verkehrsteilnehmer aus Richtung Oberau mit Hilfe der roten Ampelschaltung gestoppt werden. „Zusätzlich haben wir auf die Vollsperrung noch mit unserem Verkehrssicherheitsanhänger hingewiesen“, erklärt Joner. Dass trotzdem immer wieder Autofahrer diese Hinweise ignorieren, hat auch er schon festgestellt. „Die Leute werden immer rücksichtsloser.“ Dazu kommt „das Problem, dass keine Rettungsgasse vorgehalten wurde“, ergänzt BRK-Einsatzleiter Claus Nopp. Ein Dilemma, mit dem die Retter immer häufiger zu kämpfen haben.

Als der Verkehr dann stand und alle Kräfte – die Feuerwehr mit 32 und vier Fahrzeugen, das BRK mit 22 und elf Fahrzeugen sowie der MKT mit einem Wagen – vor Ort waren, bestand vor dem Tunnelportal genügend Platz für ein ungestörtes Arbeiten. Wie viele Autos tatsächlich miteinander kollidiert waren und wie viele Verletzte versorgt werden mussten, darüber gab es Nopp zufolge zunächst unterschiedliche Informationen. Ein zufällig anwesender Notarzt hatte aber die Unglücksstelle bereits begutachtet und konnte den eintreffenden Sanitätern mitteilen, dass die Betroffenen zum Glück nur leicht verletzt waren.

Die Fahrzeuge, die sich zunächst noch von Süden kommend im Tunnel befanden, wurden von der Polizei kontrolliert zurückgeleitet. „Das heißt, sie konnten nach und nach wenden“, sagt Grasegger, „und dann wieder Richtung Garmisch-Partenkirchen ausfahren.“ Das Glück: An dem Unfall am Samstag waren zwar sehr viele Menschen beteiligt, aber „das Szenario war nicht so dramatisch“. Somit konnte das Ganze problemlos ablaufen. Bis auf den massiven Rückstau, zu dem es gekommen war, nachdem die Weströhre circa dreieinhalb Stunden gesperrt blieb.

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