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Spuren der Verzweiflung: Die Lkw kommen teilweise völlig demoliert nach Eschenlohe zurück. Flüchtlinge versuchen oft gewaltsam, sie zu stoppen.

Planen aufgeschlitzt, Fahrer attackiert

Flüchtlinge: Speditionen kämpfen gegen blinde Passagiere

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Eschenlohe - Flüchtlinge, die versuchen über den Eurotunnel nach England zu kommen, sind verzweifelt. Und das wird für viele Speditionsfahrer zunehmend zum Problem. So auch für eine Spedition in Eschenlohe. 

Als der Fahrer schlief, versteckten sie sich zwischen Säcken voll mit Altkleidern. „Sie haben die Lkw-Plane aufgeschlitzt und sich regelrecht in den Säcken verbuddelt“, erzählt Georg Wittwer, Chef der Wittwer Spedition mit Sitz in Eschenlohe. So sehen sie aus, die verzweifelten Versuche von Flüchtlingen, die vom französischen Calais über den Eurotunnel nach England wollen. Für Georg Wittwer und seine Fahrer sind die ungebetenen Passagiere zu einem großen Problem geworden.

Mittlerweile erhält Wittwer, der in seinem Unternehmen rund 160 Lkw-Fahrer beschäftigt und ganz Europa befährt, „beinahe täglich“ solche Meldungen von seinen Fahrern: aufgeschlitzte Planen, zerstörte Windschutzscheiben, Übergriffe auf die Fahrer – und nicht zuletzt die Anrufe der englischen Justiz, wenn wieder einer seiner Angestellten unter Schleuserverdacht geraten ist. „2015 waren vier oder fünf meiner Fahrer kurz in Haft“, sagt Wittwer. Das Problem der Beförderung illegaler Einwanderer gebe es in der Speditionsbranche seit Jahren. „Aber die Häufigkeit und die Gewalt haben im vergangenen Jahr massiv zugenommen.“ Die Menschen sind frustriert. Die Flüchtlinge, aber auch die Polizei. Und nicht zuletzt Wittwers Fahrer. „Keiner will mehr die Route nach England fahren.“ Es gibt einfach zu viel Ärger.

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Von seinen Speditionsfahrern erhält Georg Wittwer fast täglich Meldungen von Übergriffen durch verzweifelte Flüchtlinge.

Auch der Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT) beschäftigt sich mit der Problematik. „Speziell in Calais haben wir vermehrt solche Fälle“, sagt Sebastian Lechner vom LBT. „Die Flüchtlinge versuchen mit aller Macht, nach England zu kommen.“ Zwar sei es im Spätherbst etwas besser geworden, weil die französische Polizei die Präsenz erhöht habe. „Aber das große Problem ist, dass die Unternehmer von der englischen Justiz in Haftung genommen werden“, sagt Lechner. Pro transportiertem illegalem Einwanderer kann ein Bußgeld von bis zu 2000 Pfund erhoben werden. „Das ist erst einmal fällig. Dann ist es an der Spedition, ihre Fahrer zu entlasten“, sagt Lechner. Dazu kommen hohe Anwalts- und Gerichtskosten in England. „Daran kann man Pleite gehen.“ Deshalb hätten viele Unternehmen ihre Englandtransporte derzeit auf Eis gelegt.

Fahrzeuge mit Steinwürfen zum Halten gebracht

„Alle sprechen immer von der Balkanroute“, sagt Georg Wittwer, „aber die ist ja nur ein kleiner Teil.“ Es gebe schließlich keine einfachere Möglichkeit, als sich in einem Lkw-Aufleger zum gewünschten Ziel kutschieren zu lassen. „Ob in Griechenland oder in Calais – es hat sich herumgesprochen, dass die Firma Wittwer nach Mitteleuropa und nach England fährt.“ Ein Lkw mit Garmischer Kennzeichen in Griechenland oder am Balkan? Verlockend. „In Calais werden die Fahrzeuge mit Steinwürfen zum Halten gebracht“, sagt Wittwer. Rastplätze an den Brennpunkten seien sowieso gefährdet. „Und selbst wenn ein Fahrer die blinden Passagiere bemerkt, gibt es oft wenig Hilfe von der Polizei.“ Verzweiflung auf der einen und Frust auf der anderen Seite ließen die Lage immer wieder eskalieren. „Die Fahrer werden allein gelassen.“

Versuch: So sollen die Fahrer geschützt werden

Wittwer versucht seine Fahrer mittlerweile mit so genannten Antivandalismusplanen zu schützen. „Die sind mit Drahtseilen versehen, damit sie nicht aufgeschlitzt werden können.“ Der LBT hat zudem eine fünfseitige Liste mit Maßnahmen verschickt, um die Fuhr-Unternehmen vor Bußgeldern in England zu schützen. Inklusive Checkliste, auf der die Fahrer dokumentieren, dass sie ihr Fahrzeug bei jedem Halt gewissenhaft kontrollieren. „Wir sind in Kontakt mit der EU-Kommission und dem Außenministerium“, sagt Sebastian Lechner. In der Hoffnung, dass die Transporte besser abgesichert werden. Und dass England zumindest eine „gewisse Unschuldsvermutung“ für die Lkw-Fahrer im Rechtssystem verankert. „Das können wir aber höchstens mittelfristig erreichen.“ Bis dahin rät der Verband seinen Mitgliedern in einem Rundschreiben, Schäden und Bußgelder zu dokumentieren, um diese an die Politik herantragen zu können.

Die mühsame Suche nach dem blinden Passagier wird die Lkw-Fahrer auf Europas Autobahnen weiter begleiten.

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