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Schelm mit Helm: Sepp Winter, 79, aus Garmisch-Partenkirchen. Gekauft hat er ihn 1954, für 55 Mark.

Werdenfelser Weltwunder

Der wuide Sepp: Ein Besuch bei einem Urviech

Garmisch-Partenkirchen - Obacht, hier kommt der wuide Winter Sepp! Der 79-Jährige ist Bergführer, Holzmacher, Rauschebart-Träger, Motorradsammler und noch mehr: nämlich vielleicht das wunderbar- eigenwilligste Urviech des ganzen Werdenfelser Landes. Ein Besuch im Wald. Später im Wirtshaus.

Als der Herrgott hoch droben in seinem Himmel den wuiden Sepp erfand, hat er sich gedacht: Jetzt schick ma wieder mal so ein kleines Weltwunder auf die Erde. Ein Urviech, das uralte Motorräder liebt, Wallfahrten nach Altötting, Bier aus Mittenwald, die Berge, die Heimat sowieso und den FC Bayern. So muss es gewesen sein. Denn einen wie den Sepp kann man sich nicht ausdenken, unmöglich. So einen kriegt man von ganz oben geschenkt. Vom Chef persönlich.

Werdenfelser Weltwunder: Der 79-Jährige auf einer seiner 23 Maschinen. Natürlich mit seinem fast schon antiken Helm.

Gerade steht der Sepp, Nachname Winter, ein paar Schritte vom Rießersee entfernt vor einer haushohen Fichte. In der Hand eine Motorsäge, eine von zwölf, die ihm gehören. 79 Jahre, man glaubt’s kaum, ist er inzwischen alt. Er zieht am Seilzug, immer wieder, aber der Motor springt nicht an. Mistdings. Vielleicht liegt’s auch ein bisschen an der Arthrose, die er an den Händen hat, er kann nicht mehr ganz so kräftig zupacken wie früher. Kürzlich war er deswegen beim Arzt. Der Arzt sagte: „Kann man nicht viel machen. Damit müssen Sie fertig werden – aber ich kann Ihnen Tabletten geben.“ Da hat der Sepp geantwortet: „Der Sepp frisst kein Gift.“ Der Arzt hat verdutzt geschaut, und der Sepp ist wieder heim.

Dann zieht er noch mal an der Startvorrichtung und, schwuppdiwupp, die Motorsäge springt an. Wär ja gelacht. Zehn Minuten später hat er den Baum umgelegt und in kleine Teile zerlegt. Alles geht rasend schnell, als ob jemand beim Videorekorder auf die Vorspultaste gedrückt hätte, so schnell, so kommt es einem vor, bewegt sich der Sepp beim Holzmachen. Sein weißer Rauschebart hüpft dabei hin und her. Ein Anblick für Götter. Der Sepp sagt: „Für die Fichte war’s ned schad. Die war scho krank.“

Es ist eine Schau, diesen Mann mit dem Wolljanker, der Säge und den hammerstrammen Wadln im Wald zu treffen. So wie dieser Sepp, so will man alt werden, so will man im Alter sein: kreuzfidel, ein Grinsen im wettergegerbten Gesicht, nimmermüde und dreimal fitter als der Duracell-Hase.

Vorher schrottreif: In diesem furchtbaren Zustand hat der gebürtige Oberpfälzer seine 200er Zündapp gekauft.

Heute in aller Herrgottsfrüh war er schon in seiner Werkstatt und hat an seinem Motorrad geschraubt, mal wieder, einer 200er Zündapp, Baujahr 1954. Hundert Stunden Arbeit stecken in der Maschine. Insgesamt gehören dem Sepp 23 blitzblank polierte Motorrad-Juwelen, alle haben ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, aber jedes einzelne ist ein Schatz. Sepps Sammlung ist berühmt-berüchtigt. Aber hergeben, nein, hergeben tut er keine. Sammlerstolz, vielleicht auch ein bisserl Sammlerrausch.

Sepp sagt: „Wenn morgen wo stehen würde: Der Winter Sepp verleiht seine Motorradl, dann würden die Leute anstehen.“ Eine Schlange bis zum Zugspitzgipfel, mindestens. Kürzlich war sogar das polnische Fernsehen in seinem Motorrad-Schraub-und-Bastel-Keller. Weil: Man glaubt’s nicht, dass es einen so verrückten, wunderbaren Menschen gibt. Man glaubt’s erst, wenn man’s gesehen und gefilmt hat. Dieser Sepp, der vor langer Zeit mal Feilenmacher gelernt hat, ist ein Vorzeige-Bayer, eine menschgewordene Attraktion. Wenn er wo mit seiner BMW oder seiner Zündapp auftaucht, dann zücken die Leute augenblicklich ihre Kameras.

Einmal im Jahr sind Motorrad-Tage in Garmisch-Partenkirchen, 30 000 Biker aus der ganzen Welt reisen an. Beim großen Corso durch die Marktgemeinde darf Sepp Winter immer ganz vorne fahren, gleich hinter dem Polizei-Chef. Er sagt: „Ich muss noch nicht mal einen Helm anziehen.“ Mehr Ehre geht nicht.

Sepp, der Bergmensch: Ein paar tausend Touren hat er für den Alpenverein schon geführt – ehrenamtlich. Er schätzt, dass er insgesamt gut und gerne 25 000 Menschen in die Berge gebracht hat. Gigantisch.

Geboren wurde der Sepp in der Oberpfalz, aber vor ewigen Jahrzehnten schon hat es ihn nach Garmisch-Partenkirchen verschlagen. Der Berge wegen. Das Ehrliche, sagt er, die Natur, die Tiere, die Pflanzen, deswegen ziehe es ihn immer wieder zu den Gipfeln. „Da droben findest Du alles – bis zum Edelweiß. Und alles geschaffen von unserem Herrgott.“ Sepp Winter ist seit Jahrzehnten ehrenamtlicher Bergführer beim Alpenverein, auch heute noch. Logisch heute noch. Und er hat mal ein bisserl rumgerechnet: „Ich hab’ in meinem Leben 20 000 bis 25 000 Menschen geführt“, sagt er. „Bei über 3000 Touren.“ Unfassbarer Super-Sepp.

Auf dem Berg, erzählt er nach dem Holzmachen im Wirtshaus, da hat auch die Sache mit seinem Bart angefangen. Sie waren zu fünft auf der Partnachalm, haben Bier getrunken, plötzlich hat einer eine Wette vorgeschlagen: „Wir lassen uns alle Bärte wachsen. Wer als Erstes rasiert, muss zahlen, Bier und Brotzeiten für die anderen.“ Der Hüttenwirt hat nach ein paar Tagen als erstes aufgegeben – und seine Spezln eingeladen. Sepp Winter trägt seinen Bart bis heute. Eindrucksvoller kann man eine Wette nicht gewinnen. „Ich habe mich“, sagt er, „seit 35 Jahren nicht rasiert.“ Genau so wird man zur Legende.

Im Werkstatt-Dschungel: Manchmal ist Sepp Winter schon um 5 Uhr hier unten, um an den Motorrädern zu schrauben.

Gearbeitet hat der Sepp früher im Reintalerhof, einem Ferienheim der IG Metall. Er hat einen Weg gebaut oder Sachen gerichtet. Er war die geschickte Hand für alle Fälle. Irgendwann hat er seinem Chef gesagt: „Ich geh’ jetzt in Rente. Aber das Arbeiten hör’ ich nicht auf.“ Wird er wohl nie aufhören. In der Werkstatt und im Wald ist immer was zu tun. „I ko ned dahoam bleibn. Hiehocken, mittags schlafn – gibt’s bei mir ned. Und wann i endgültig in d’Rentn geh, des musst den da droben fragn.“ So machen das Urviecher. Allerhöchstens Gott darf bei wichtigen Fragen mitreden.

Sepp Winter trinkt noch einen Schluck vom Bier, das vor ihm steht. Dann schneidet er seinen Wurstsalat. Das normale Wirtshaus-Messer, das sie ihm hingelegt haben, hat er vorher beiseite geschoben. Stattdessen schneidet er die Wurststücke mit seinem Schweizer Taschenmesser, das er immer dabei hat. Da kennt er nix.

Sepp ohne Bart, aber mit Motorrad. Und mit seinem Sohn Wolfgang, der inzwischen auch schon 57 Jahre alt ist.

Dann erzählt der Sepp, der zwei Kinder und drei Enkelkinder hat, die Geschichte von der Frau, die er kürzlich zufällig getroffen hat. Die Frau, sagt er, war vielleicht 35 und Ärztin. Als sie dem Sepp gegenüberstand, sagte sie: „Sind Sie schön, sind Sie schön.“ Darauf hat der Sepp gesagt: „Was is denn los mit Eahna?“ Sagt die Frau: „So was Schönes wie Sie habe ich noch nie gesehen.“

Dann nimmt der Sepp noch eine Gabel Wurstsalat und zupft sich dabei ein paar Holzspäne aus dem Bart.

Was für ein Mann.

Was für ein Leben.

Stefan Sessler

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