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Einer der Gründerväter: Ferdinand Schmid sitzt auf der Bank, auf der vor 40 Jahren alles begann.

40 Jahre Freie Wähler 

Die Alternative

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CSU-Urgestein Toni Neidlinger gab den Freien Wählern bei ihrer Gründung 1977 nur eine Lebensdauer von drei Monaten. Daraus sind nun schon 40 Jahre geworden. Bis zur Kommunalwahl 1996 ging’s in Garmisch-Partenkirchen stetig bergauf, danach setzte der schleichende Abstieg ein. Derzeit sind die Freien nur noch die vierte politische Kraft.

Nachdenklich: Florian Möckl führt die Freien Wähler in einer schwierigen Phase.

Garmisch-Partenkirchen – Es waren honorige Männer, die an einem Freitagnachmittag Ende August vor 40 Jahren im Anwesen Hirschweg 11 in Garmisch-Partenkirchen zusammenkamen. Eingeladen hatte Ferdinand Schmid. Daran erinnert sich der 87-Jährige, als sei es gestern gewesen. „Da sind sie gesessen“, sagt er und zeigt auf eine Bank mit einer weichen Auflage im Blumenmuster, die auf seiner Terrasse steht und von wo man einen herrlichen Blick auf die Berge hat. Hans Grimm, Hubert Ostler, Adolf Kreutzer, Franz Grasegger Anton Hofmeister, Toni Leiner und Schmid, die es in ihren Berufen zu etwas gebracht hatten und die mit beiden Beinen im Leben standen, einte ein Gedanke. Sie planten, einen politischen Verein zu gründen, der in der Lage war, der CSU in Garmisch-Partenkirchen die Stirn zu bieten. Auslöser waren die Streiterein zwischen Bonn und München, zwischen der CDU/CSU und der SPD. „Die wollten wir aus dem Gemeinderat herausnehmen“, sagt Schmid. Zwei Monate später, am 24. Oktober, fand die Gründungsversammlung im Bräustüberl statt.

Die Freien Wähler Garmisch-Partenkirchen legten ein atemberaubendes Tempo vor. Das Triumvirat Hans Ostler, Hubert Ostler und Ferdinand Schmid wurde zu gleichberechtigten Vorsitzenden gewählt, am 8. Dezember wurden im Schützenhaus 30 Kandidaten für die Kommunalwahl 1978 aufgestellt. Die neue Gruppierung nahmen die etablierten Parteien nicht sehr ernst – allen voran die Christsozialen. Und bei denen ganz besonders der damalige Zweite Bürgermeister Toni Neidlinger, damals und bis 2002 der starke Mann der CSU. Er belächelte Schmid und Co., hielt sie für keine Konkurrenz, die man fürchten müsste. „Ihr habt keine Chance. Euch gibt’s nicht lange. Ich gebe Euch höchstens drei Monate“, soll er Schmid zugerufen haben. „Daran erinnere ich mich noch ganz genau“, sagt Schmid. Neidlinger sollte sich irren – wie so viele andere. Beim Urnengang 1978 erhielten die Freien Wähler aus dem Stand drei Mandate und durch die Koalition mit dem FDP-Mann Hans Wettermann sogar Fraktionsstatus. Nach der Premierenwahl hatte man groß gefeiert im Hotel Leiner. „Es herrschte eine prächtige Stimmung“, entsinnt sich Schmid.

Bis 1996 – ihrem besten Jahr mit acht Gemeinderatsmandaten – ging es mit den Freien Wählern in Garmisch-Partenkirchen stetig bergauf. Toni Kammerer war Fraktionsvorsitzender, Anselm Barth führte die Partei. Die CSU schwächelte zu dieser Zeit. Fast wäre es Alois Schwarzmüller von der SPD gelungen, Neidlinger – damals schon 18 Jahre im Amt – vom Thron des Bürgermeisters zu stoßen. „Wir waren damals ein echte Alternative – und das gilt auch heute noch“, sagt Schmid. Eine bessere als die, die das Alternative in ihrer Bezeichnung trage. Den Namen der Rechtsaußen-Partei nimmt Schmid, der selbst nie im Gemeinderat saß, dennoch als Herz und Hirn der Freien Wähler gilt, nicht in den Mund.

Die sehr guten Zeiten: Toni Kammerer (l.) und Anselm Barth. foto: Ströter/Archiv

Auf dem Höhepunkt begann der schleichende Niedergang der Freien. Als man 2008 mit dem von Bürgermeister Thomas Schmid gegründeten Christlich Sozialen Bündnis (CSB) eine Koalition einging und dem von der CSU im Unfrieden geschiedenen Rathauschef eine komfortable Mehrheit sicherte, verkauften die Freien Wähler teilweise ihre Identität. Sie wurden vom Wähler nur noch als CSB-Anhängsel wahrgenommen. Dafür kassierten sie 2014 die Quittung. Lediglich 10,2 Prozent der Bürger votierten für die Freien Wähler, die damit hinter CSU, CSB und SPD nur noch die vierte politische Kraft sind. Ferdinand Schmid und der jetzige Fraktionschef Florian Möckl (38) sind sich einig, dass die Zeit mit dem CSB „richtig und wichtig“ war. „Wir haben viele Dinge durchgebracht“, sagt Möckl. Allerdings ging es den Freien Wählern wie vielen Juniorpartnern in Großen Koalitionen. Ihre Arbeit geht häufig unter. Die SPD weiß davon im Bund ein Lied zu singen. Man nahm sie nur noch als Anhängsel war. „Der Kleinere zahlt immer drauf“ meint Möckl. Und Schmid, den er den „Elder Statesman“ der Gruppierung nennt, den er häufig um Rat fragt, pflichtet ihm bei. „Die Außenwirkung war schwierig.“

Die auf drei Mann geschrumpfte Freie-Wähler-Fraktion aus Möckl, Peppi Braun und Josef Angelbauer tut sich schwer, in ihre neue Rolle zu finden. Opposition ist ein hartes Brot, wenn man es gewohnt war, Entscheidungen mitzubestimmen. Man weiß nicht so recht, auf welche Seite man sich schlagen soll. „Die meisten Anknüpfungspunkte haben wir weiterhin zum CSB“, erklärt Möckl.

Doch wie soll der Ausstieg aus der Abstiegsspirale gelingen? Neues Personal, das mit Macht die Sache der Freien vertritt, drängt nicht in die Öffentlichkeit, obwohl die Freien in Garmisch-Partenkirchen 130 Mitglieder zählen. „Es gibt einen erweiterten Kreis“, meint Möckl. Aber es stimme schon: Seit der Wahl sei das Spektrum nicht größer geworden. Vor allem der Vorsitzende bräuchte Unterstützung. Als Chef der Koitabach-Musi fehlt er ab und zu im Gemeinderat, was er „nicht ideal“ nennt. Die Freien Wähler sind seit mehr als zehn Jahren seine politische Heimat. Dazugestoßen ist er, „weil ich etwas bewegen wollte. Nur zu jammern, bringt nichts“. Da steht er in der Tradition von Hans Grimm, Hubert Ostler, Adolf Kreutzer, Franz Grasegger Anton Hofmeister, Toni Leiner und Ferdinand Schmid. Und deren Idee einer bürgerlichen Partei neben der CSU existiert nun schon 40 Jahre. Manchmal besser, manchmal schlechter. Ein Grund zu feiern, ist es allemal.

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