Ein Haus an einer Straßenkreuzung.
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Ein Stück Ortsgeschichte: das Geschäftshaus an der Fürsten-/Alleestraße im Ortsteil Garmisch.

Abriss nach 285 Jahren

„Kaufhaus für den täglichen Bedarf“: Anwesen erzählt Garmischer Ortsgeschichte

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Es erzählt ein Stück Ortsgeschichte, das Haus an der Fürsten-/Alleestraße in Garmisch-Partenkirchen. Im 18. Jahrhundert zog dort ein Kramerladen ein, später avancierte es zum Kaufhaus mit Bäckerei. Jetzt wird der Komplexabgerissen. Was an seiner Stelle entsteht, ist unklar.

  • Das Haus Hohenleitner an der Fürsten-/Alleestraße beherbergt schon seit 1782 einen Kramerladen.
  • Was nach dem Abbruch auf dem 1800 Quadratmeter großen Areal passiert, steht noch nicht fest.
  • Die Reihe der Besitzer lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.

Garmisch-Partenkirchen – Es ist kein Schmuckstück. Nicht mehr. Und das schon seit einiger Zeit. Wer heute am Haus Hohenleitner an der Fürsten-/Alleestraße in Garmisch-Partenkirchen vorbeiläuft, kann sich nur schwer vorstellen, dass der Komplex einst ein zentraler Treffpunkt war. „Als Kaufhaus für den täglichen Bedarf“ wurde es in den 1920er Jahren beworben. Im Handelsregister des Königreichs Bayern für das Jahr 1871 ist es bereits als Krämerei von Karl Hohenleitner zu finden. Den späteren Bürgermeister des Marktes Garmisch (1881 bis 1893) beschreibt Josef Ostler als „sehr aktiv“. Er habe etliche Objekte gekauft, wieder verkauft wie den Alpenhof, weiß der Ortshistoriker aus seinen Recherchen. Hohenleitner gründete außerdem das Stahlbad am Sonnenbichl, das Sommerfrischler anlockte. Und er heiratete in besagter Krämerei ein. Unter der Ägide des Kaufmanns und Bäckers wuchs das Haus zu seiner jetzigen Größe.

Vom einstigen Glanz ist inzwischen nichts mehr zu spüren. Zuletzt beherbergte es einen Sport-Second-Hand, einen Fliesenhändler und eine Versicherungsagentur. Ostler, der direkt daneben wohnt, erinnert sich „an verschiedene Geschäfte“. Er weiß aber auch noch, dass man dort früher alles für den täglichen Bedarf erwerben konnte. Haus Hohenleitner steht am Giebel, in Erinnerung an besagten umtriebigen Bürgermeister. Der Schriftzug wird verschwinden. Das Gebäude wird abgerissen, nachdem es die Erben verkauft haben – dem Vernehmen nach an einen Bauträger aus dem Landkreis Starnberg. Wann das Anwesen weichen muss und was auf dem circa 1800 Quadratmeter großen Areal passiert, steht noch nicht fest. „Bisher wurde kein Antrag auf Neubebauung des Grundstücks eingereicht“, sagt Rathaussprecherin Sandra Debus.

Ein beliebter Treffpunkt ist das Haus Hohenleitner noch in den 1950er Jahren. Zuletzt wechselten die Geschäfte in dem häufig erweiterten Komplex mehrfach.

Mit dem Abbruch des Komplexes verschwindet ein Stück Ortsgeschichte. Wieder einmal. Errichtet wurde es 1735/36. „Die Familie besaß zuvor ein Haus an der Frühlingstraße neben dem Brauhaus“, erzählt Ostler. Nachdem dieses erweitert werden sollte, verkauften Josef Pischl und seine Angehörigen für 700 Gulden und einen Bauplatz an der unteren Dorfbrücke – auch eine gute Lage unweit der Pfarrkirche St. Martin. „Da haben sie dann neu gebaut.“ Von Josef ging das Anwesen an seinen Bruder Anton Pischl, einen Händler, über. Somit zog dort schon 1782 ein Kramer ein.

Neben Kolonialwaren und Stoffen gab‘s im Haus Hohenleitner auch frisches Brot

„In dem für damalige Verhältnisse in bester Geschäftslage befindlichen Laden konnte die Bevölkerung nicht nur den Bedarf an Kolonialwaren und Stoffen decken, sondern auch schmackhaftes Brot aus der im Haus befindlichen Bäckerei beziehen“, schrieb Anna Hohenleitner, die übrigens nichts mit dem früheren Bürgermeister zu tun hat, im Juni 1936 in ihrem Artikel „Ein über 125 Jahre altes Geschäft“ für den Loisachboten, den Vorläufer des Garmisch-Partenkirchner Tagblatts. Diesen entdeckten jetzt ihre Enkelin Regina und deren Mann Bernhard Matheisl beim Sortieren des Nachlasses von Hohenleitners 2019 gestorbener Tochter, die viele der in Sütterlinschrift verfassten Artikel, Texte und Briefe auf der Schreibmaschine abgeschrieben und so für die Nachwelt erhalten hat. Darunter besagte Geschichte über das Geschäftshaus an der Fürsten-/Alleestraße.

Im Haus Hohenleitner gibt es dieser Werbeanzeige aus den 1920er Jahren zufolge alles für den täglichen Bedarf.

Die Reihe der Besitzer lässt sich der Reporterin zufolge bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Das bestätigt auch Ostler. Der Hausname, der in Einheimischenkreisen bis heute bekannt ist, geht auf Anton Pischls Tochter Agatha zurück. Diese ehelichte 1809 einen Anton Reiser, zum „Goriger“ oder „Gori“ – darunter kennt man den Kramerladen seither. Anna Hohenleitner hat recherchiert, „dass eigenartigerweise immer eine Tochter Hauserbin ist“. Folglich wechselten die Namen der Besitzer oft. „Die Übergabe der Krämerei als ,weibliches Heirathsgut einschlüssig des Waarenlagers‘ wird erstmalig im April 1808 urkundlich erwähnt und zwar die Übergabe an die Ehefrau des Goriger“, heißt es in ihrem Artikel. Beider Sohn, Johann Evangelist Reiser, vermählte sich 1846 mit Maria Hipp aus Murnau. Nach seinem Tod heiratete die Witwe Karl Jakob Hohenleitner, der 1885 nach ihrem Ableben mit Katharina Marschall aus Ettal den Bund fürs Leben schloss. Deren Tochter Maria und ihr Ehemann, Dr. Hans Riesner, – ein Ingenieur, der unter anderem die Loisachbrücke in der Breitenau gebaut hatte – waren beim Erscheinen von Hohenleitners Artikel die Besitzer des Anwesens. „Beide haben durch rastlosen Fleiß und das stete Bestreben, den Wünschen einer anspruchsvollen Kundschaft gerecht zu werden, das Geschäft auf eine beachtenswerte Höhe gebracht.“ Den Anforderungen der Zeit entsprechend sei es durch öfteren Umbau vergrößert worden: „Die sechs, die ganze untere Front des stattlichen Hauses einnehmenden Schaufenster mit den ausgestellten Proben des reichhaltigen Bestandes geben die Gewähr für die Leistungsfähigkeit der Firma, die jetzt auf ein über 125-jähriges Bestehen zurückblicken kann.“

Damit ist jetzt, 85 Jahre später, Schluss. Das Haus wird abgerissen, das wurde der Gemeinde bereits 2019 avisiert. Was auf dem Areal entstehen soll, weiß bislang nur der neue Besitzer, der jedoch nicht zu erreichen war. Man kann nur hoffen, dass dort wieder ein Schmuckstück errichtet wird.

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