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Impfdrängler und nörgelnde Patienten: Hausärzte sind am Ende - „Übertrifft alles, was bisher war“

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Von: Christian Fellner

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Vier Ärzte aus dem Landkreis: (v.l.) Dr. Julia Albert, Michael Wilsch, Dr. Kristina Ott und Oliver Michael.
Das Ärzte-Quartett ist besorgt: (v.l.) Dr. Julia Albert, Michael Wilsch, Dr. Kristina Ott und Oliver Michael. © Grafik: CF

Das Telefon steht nicht mehr still: „Wir sind nicht mehr handlungsfähig“, sagt Dr. Julia Albert aus Unterammergau über manchen Praxis-Tag. Corona ist nicht nur von Kliniken zu schultern.

Landkreis – Die Situation ist verfahren. Die vierte Corona-Welle sorgt im Landkreis für immer größere Probleme. Die Kliniken müssen geplante Operationen verschieben, die Intensivstationen sind voll. Aber nicht nur die Krankenhäuser tragen die Last dieser Krise: Auch die Hausärzte sind am Rande ihrer Kapazitäten. Das machten Vertreter in einer Online-Runde mit dem Tagblatt deutlich, zu der Corona-Koordinatorin Dr. Kristina Ott eingeladen hatte.

Corona in Bayern: „Was seit zwei Wochen passiert, übertrifft alles, was bisher in 21 Monaten war“

„Was bei mir seit zwei Wochen passiert, übertrifft alles, was bisher in 21 Monaten war“, sagt Dr. Julia Albert, Allgemeinmedizinerin aus Unterammergau. „Wir sind nicht mehr handlungsfähig.“ Allein 130 Telefonate zählte sie vergangenen Montag von 8.30 bis 10 Uhr. „Bei uns macht sich eine gewisse Erschöpfung breit“, bestätigt Kollege Michael Wilsch aus Grainau. „Wir können nicht mehr tun als zu arbeiten, aber die Leute haben teilweise kein Verständnis, sind sehr fordernd oder unverschämt zu unseren Arzthelferinnen. Deren Arbeit kann man momentan nicht hoch genug einschätzen.“

Corona: Ärzte brauchen Hilfe aus Bevölkerung - Geduld oberste Tugend

Eine schwierige Situation, auf die die Ärzte aufmerksam machen wollen. „Wir brauchen jetzt die Hilfe aus der Bevölkerung, dass die Leute nicht unsere Telefone blockieren, sich überlegen, ob ein Besuch unbedingt notwendig ist, dass sie beim Impfen Geduld haben“, fasst Ott zusammen.

In Hinblick auf die hohen Infektionszahlen ergänzt Kinderarzt Oliver Michael aus Murnau: „Den Menschen muss bewusst werden, welche Probleme wir momentan haben. Jeder Einzelne kann und muss seine Kontakte reduzieren.“ Und das nicht erst, „wenn es uns durch eine Inzidenz von über 1000 per Gesetz auferlegt wird“, sagt Ott.

Corona in Garmisch-Partenkirchen: Impfdrängler und nörgelnde Patienten

Die Hausarzt-Praxen in der Region trifft es knüppeldick. Im Gegensatz zu den Corona-Anfängen, als sich die Menschen im Lockdown befanden und die Wartezimmer leer waren, stapeln sich die Patienten nun. Die Telefone klingeln andauernd, die Menschen fordern Impftermine, drängeln, wollen sich testen lassen, haben aber auch Beschwerden wie Rückenschmerzen, brauchen Vorsorgeuntersuchungen oder Blutwerte. „Wir haben auch unsere normalen ärztlichen Tätigkeiten zu leisten“, betont Wilsch. „Alles mit Corona kommt da noch obendrauf. Jede Praxis bemüht sich, ihr Bestes zu geben. Und das seit eindreiviertel Jahren.“

Corona-Lage bei Hausärzten: „Wir halten dem Klinikum den Rücken frei“

In den vergangenen Wochen hat sich die Pandemie-Lage zugespitzt. „Die ärztliche Versorgung im Landkreis steht und fällt damit, dass wir arbeitsfähig bleiben“, mahnt Ott. „Denn wir halten dem Klinikum den Rücken frei.“ Gerade das alltägliche Geschäft wird jedoch extrem erschwert. Auch durch großen Bürokratieaufwand.

„Bei jedem Schnupfen müssen wir aktuell erst abklären, ob es Corona oder eben nur eine ganz einfache Erkältung ist. Auf die klassischen Symptome kann man sich in dieser Jahreszeit nicht mehr verlassen.“ Der Papierkrieg, der damit verbunden ist, lähmt die Arbeit der Mediziner: „Allein dafür müssen wir ein A4-Formular ausfüllen, sicher 17 Fragen beantworten, wir hinterfragen Kontakte, das ist alles so mächtig geworden“, moniert Ott.

Dabei sprechen die Mediziner noch nicht einmal vom Positivfall. Die Zahl der Infizierten, die in die Praxen kommen, sei in den vergangenen zwei Wochen nahezu explodiert, betont Ott. „Bei uns kommen ständig Patienten mit positiven Schnelltests, und in der Regel sind mittlerweile auch die PCR-Tests positiv.“ Ende Oktober noch sind es nur vereinzelte Fälle gewesen. „In zwei bis drei Wochen wird sich das dann in der Klinikbelegung widerspiegeln, das ist dramatisch.“

Wegen Corona: Absage von geplanten Operation verlängert Leidenszeit der Patienten

Die Auslastung der Krankenhäuser stellt in den Augen der Ärzte ein großes Manko dar. „Wir dürfen in Garmisch-Partenkirchen jetzt schon keine Patienten mit beispielsweise starken Rückenschmerzen schicken“, sagt Ott. „Die werden umgehend nach Hause geschickt, weil keine Behandlung möglich ist.“ Auch die Absage der geplanten Operationen sei ein Problem, merkt Wilsch an. „Das erhöht den Leidensdruck für viele Patienten enorm.“ Hansjörg Wiesböck, organisatorischer Einsatzleiter des Gesundheitsamtes, stimmt zu. „Die hohen Fallzahlen und die Krankenhausauslastung häufen eine Hypothek für die hausärztliche Versorgung auf.“

Zumindest in Richtung Corona-Prophylaxe steigt das Interesse deutlich an. Allerdings in erster Linie an Booster-Impfungen, also an der Drittspritze für bisher vollständig Geimpfte. „Das Verhältnis bei mir ist ungefähr 9:1, auf neun Booster-Impfungen kommt eine Erstimpfung“, verrät Wilsch leicht konsterniert (Bericht zur Impflage folgt). CHRISTIAN FELLNER

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