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Schlechte Laune? Haben Simone Littich und Andreas Bisenberger selten. In manch einer (Nacht-)Schicht fluchen aber auch sie.

Alles andere als normal

Leyla flüstert „Help me“ - eine Nachtschicht bei der Polizei

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Es sollte ein normaler Nachtdienst für die Polizei werden. Schlägereien. Verkehrsunfälle. Betrunkene, die pöbeln. Nachbarn, die sich wegen zu lauter Musik beschweren. Es kam anders.

Garmisch-Partenkirchen – Kunstvolle Muster zieren ihre Hände. Viele davon sind verblasst, verschmiert zum Teil. Ihre Mama hat ihr all die Formen und Linien aufgemalt. Henna-Kunst zur Hochzeit. Eine Hochzeit, die Leyla nie wollte. Mit einem Cousin ihres Vaters, 29 Jahre ist er alt. Sie ist 17. Er will sie küssen, will, dass sie sich auszieht. Sie wehrt sich. Sie will sich nicht küssen, auch nicht anschreien und schlagen lassen. Sie will im Oman Ärztin werden. Und sie will weg. Weg von ihm. „Help me.“ Hilf mir. Ihre Hände mit den Henna-Farben zittern, drücken die von Simone Littich. Ja, sie wird ihr helfen, verspricht die Polizistin. Und weiß, dass sie sich bald machtlos fühlen wird.

Manche Schicht will man nicht erleben

Seit zehn Jahren ist Littich Polizistin, mittlerweile Polizeihauptmeisterin. Seit 2012 arbeitet die 31-Jährige in der Inspektion in Garmisch-Partenkirchen. Sie mag ihren Beruf, mag die Nachtschichten. Genauso wie Kollege Andreas Bisenberger, 43, Polizeihauptmeister, seit über 20 Jahren im Dienst. In manchen Nächten aber fluchen auch sie. Wenn sie nicht einmal zum Essen kommen, weil sie von einem Einsatz zum nächsten jagen. Wegen Verkehrsunfällen, häuslicher Streitereien – „ein paar Kandidaten kennen wir schon“, sagt Bisenberger –, wegen Ruhestörung, betrunkener Partygäste, Schlägereien. Es gibt Schichten, sagt Littich, „die muss und will man nicht erleben“.

Alles hat seinen Platz im Auto, auch die neue Sicherheitsausrüstung. Die Sicherheitsweste tragen die Beamten bei jedem Einsatz.

Der Dienst an diesem Freitagabend beginnt entspannt und routinemäßig. Für einen Kollegen aus der Nachmittagsschicht schauen die beiden bei einem Garmisch-Partenkirchner vorbei, der seit ein paar Monaten seine Autoversicherung nicht mehr bezahlt. Der Kollege hatte bereits öfter geklingelt, ihn aber nie erreicht. Vielleicht hat das Team am Abend mehr Glück. Über einen Umweg fährt Littich zur Wohnung, fährt über die „neuralgischen Punkten“ im Ort. Wie immer. Wenn sie sich öfter sehen lassen, wirkt das präventiv, hoffen die Beamten. Die Asylbewerber-Unterkunft am Abrams-Gelände gehört stets zur Route. Bisenberger nickt einem jungen Mann in roten Turnschuhen zu. Man kennt sich. Der Afrikaner trinkt gerne und gerne zu viel, dann beleidigt er oft Mitbewohner. Und die Polizei muss schlichten.

Littich und Bisenberger kennen die Gerüchte, die im Ort über die Unterkunft und deren Bewohner kursieren. Über schwerste Straftaten, die die Polizei angeblich verschleiert. Die Beamten winken ab. Nichts werde verschwiegen oder beschönigt. „Es wird viel geredet“, sagt Littich. „Weil die Leute unsicher sind.“ Sie Angst haben vor dem Fremden im Allgemeinen. Vor Straftaten im Besonderen, von denen sie in den Nachrichten hören, die tatsächlich passieren – und überall passieren können.

Fakt ist: Oft wird die Garmisch-Partenkirchner Polizei zum Abrams-Gelände und zu anderen Flüchtlings-Unterkünften gerufen. Meist, weil Bewohner untereinander streiten, zum Teil massiv, sich mit Messern attackieren. Fakt ist auch: Asylbewerber sind ebenfalls in andere, zum Teil schwere Straftaten verwickelt. Und über all die Einsätze werde auch berichtet. Das betonen die Polizei-Oberen gebetsmühlenartig.

Eine Frau ruft in einem Hotel um Hilfe - Gäste alarmieren die Polizei

Fakt ist zudem: Wegen der Flüchtlinge ergeben sich für Beamte neue Situationen. Simone Littich erlebt sie regelmäßig. Einige Männer ignorieren sie, reden nur mit ihren männlichen Kollegen, Frauen sehen sie nicht als Autoritätsperson. Die Mentalität sei eine andere, sagt Littich und zuckt die Schultern. Sie setzt sich durch, wenn es sein muss.

Beim Autobesitzer öffnet ein Mitbewohner die Tür. Er weiß, warum sein Freund die Versicherung nicht bezahlt hat: Er liegt im Krankenhaus. Krebs. Im Endstadium. Da ging das Autoabmelden unter.

Hinter vielen Einsätzen von Bisenberger und Littich stecken menschliche Schicksale. Wie bei jenem, den sie um 21.30 Uhr übernehmen. Eine Frau rufe in einem Hotel in Eschenlohe um Hilfe, gibt Dienstgruppenleiter Philipp Staudt über Funk durch. Gäste alarmierten die Polizei.

Eschenlohe – eigentlich Murnauer Einsatzgebiet. Doch die Kollegen sind unterwegs, also springen die Garmisch-Partenkirchner ein. Und finden Leyla.

Ihr Ehemann holt sie an die Tür des Hotelzimmers. Bisenberger hat darauf bestanden, sie zu sehen. Da steht sie. Mit ihren Hochzeits-Tattoos, dem gelb-goldenen Kleid und dem Kopftuch, das ihr ständig von den dunkelbraunen Haaren rutscht. In der Hand ihr Handy mit der rosafarbenen Hülle, in seine Einzelteile zerlegt.

Mehrere Alarmierungen gehen ein

Auch Verkehrskontrollen gehören zu den Aufgaben von Andreas Bisenberger und seiner Kollegen.  

„Help me“, flüstert sie. Niemand schreit mehr. Der Streit ist vorbei, den Gäste gehört haben. Vor lauter Wut hatte der Mann Leylas Smartphone zertrümmert. Weil sie nicht mit ihm schlafen wollte, sagt sie. Weil sie während der Hochzeitsreise mit den Eltern telefoniert hat und mit Freundinnen Nachrichten schrieb. Leyla will nur nach Hause. Zu ihrem Mann geht sie nicht zurück. Das sagt sie immer wieder und umklammert Littichs Hand. „Musst du nicht“, verspricht sie. Die Beamten holen Leylas Koffer und Handtasche samt Reisepass und 150 omanischen Rial, umgerechnet gut 300 Euro. Für Leyla beginnt eine lange Nacht mit Gesprächen und Warten. Für Bisenberger und Littich auch.

Sie bringen die Frau zur Polizeiinspektion nach Murnau. Kollegen holen den Ehemann, verhören ihn, stecken ihn in eine Zelle. Bis 1 Uhr morgens sitzen Bisenberger und Littich mit Leyla auf der Wache, versuchen zu klären, was in dem Zimmer passiert ist, ob Leyla vergewaltigt wurde, wo sie übernachten kann, wie sie zurückkommt in den Oman. Ohne ihren Mann. „Das ist kein normaler Dienst“, sagt Littich einmal.

Zahlreiche weitere Alarmierungen erreichen Dienstgruppenleiter Staudt in der Zwischenzeit. Um 23.30 Uhr etwa schickt er Kollegen nach Grainau – Verkehrsbehinderung. Wohnmobile parken eine Ausfahrt zu. Gut eine Stunde später beschweren sich in Garmisch-Partenkirchen Anwohner. Gäste seien vor einer Bar zu laut, die Musik raube den Nachbarn den Schlaf. Ruhestörung – ein klassischer Fall, in dem immer wieder die Sicherheitswacht als Unterstützung ins Spiel gebracht wird. Auch in Garmisch-Partenkirchen wird sie diskutiert. An diesem Abend sorgen Littichs und Bisenbergers Kollegen für Ruhe, bevor Staudt die beiden Beamten erneut anfunkt. Ein Auto soll in Schlangenlinien von Farchant Richtung Garmisch-Partenkirchen fahren.

Nein. Vergewaltigt wurde sie nicht, sagt Leyla in Murnau. Noch nicht. Gedroht hat ihr der Mann. „I kill you“, ich bring Dich um. Wenn sie keinen Sex mit ihm hat. Nichts könne sie tun, um sich zu wehren, habe er gesagt. Nie wieder würde sie mit ihren Eltern reden. Sie sei jetzt seine Frau. Sein Eigentum. Er darf sie nicht so behandeln, sagt sie. Er darf nicht einmal ihr Mann sein. Denn auch omanisches Recht verbietet, minderjährige Frauen zu verheiraten. Leyla weiß das. Er müsse bestraft werden.

Die Schreie der Mutter noch immer im Ohr

Beamte der Kriminalpolizei Weilheim sind mittlerweile auf dem Weg, sie übernehmen den Fall, fahren mit Leyla ins Krankenhaus, um eine Vergewaltigung auszuschließen. Littich erklärt der 17-Jährigen, was passieren wird. Sie nickt. Alles macht sie mit – nur mit „ihm“ fliegt sie nicht zurück. Mit ihrem Zeigefinger klopft sie dazu auf die Handtasche. Ich weiß, sagt Littich. Dann geht sie. Leyla wird sie nicht wiedersehen. Damit wird und muss sich die Polizistin abfinden. Ein paar Tage wird sie über den Fall nachdenken, ihn dann abhaken. Weil sie nicht alles mit sich herumschleppen kann. „Da gehst Du kaputt.“

Manches aber wird sie nicht mehr los.

Vor einigen Jahren, die Polizistin arbeitete in Wolfratshausen, kam eine junge Frau, 18 Jahre alt, bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Littich sagte den Eltern, dass ihre Tochter nie mehr heimkommen würde. Der Vater – starr vor Schock. Man habe das Opfer sicher verwechselt. Die Mutter – bricht zusammen, „sie hat nur geschrien“. Littich hört ihre Schreie noch.

So wie Bisenberger noch das Gesicht eines Vaters sieht. Er hatte seinen 49-jährigen Sohn verloren, abgestürzt beim Abstieg von der Meilerhütte. Sein elfjähriger Sohn hatte alles gesehen. Aus dem Saarland kam die Familie nach Garmisch-Partenkirchen. Ins Leichenhaus. Eine Stunde stand der Vater, um die 80 Jahre alt, neben seinem toten Sohn. Er hat sich verabschiedet. „Diese Bilder“, sagt Bisenberger, „vergisst Du nicht mehr.“

Gegen 1 Uhr, gut dreieinhalb Stunden nach der Alarmierung, fahren er und Littich zurück nach Garmisch-Partenkirchen. Abendessen. Salat und Baguette warten. Die Kollegen starten gerade Richtung Ettal. Suizidgefahr. Ein junger Mann, sturzbetrunken, sagt, er wolle sich umbringen. Im Wald findet das Team den Mann und bringt ihn in die Psychiatrie, Staudt verständigt von der Zentrale aus dessen Eltern.

Erst in ein paar Stunden endet die Nachtschicht. Betrunkene und Fehlalarme beschäftigen die Beamten. Am nächsten Tag starten Littich und Bisenberger am Nachmittag. Mit einer positiven Nachricht: Die Kripo hat die omanische Botschaft in Berlin erreicht. Sie schickte einen Fahrer für Leyla und organisierte den Rückflug. Nur für sie.

Zu Hause wird sie ihren Mann anzeigen und vor Gericht bringen, sagt Leyla. Sie will ihre Freiheit zurück. Ihr Leben. Sie will Ärztin werden.

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