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Meterhoch hat der Bauhof den Schnee in Grainau aufgetürmt. Die beiden Essener Urlauber Olav und Iris Schönberg freuen sich mit ihren beiden Hunden Fritzi und Nila über den Schneeturm am Unteren Dorfplatz. 

Hunderte Bauhof-Mitarbeiter im Einsatz - statt Anerkennung gibt es Beleidigungen

Der alljährliche Wahnsinn: Schneeräumer beleidigt und beschimpft

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Der Winter lässt seine eiskalten Muskeln spielen, hat vor allem den südlichen Landkreis fest im Griff. Hunderte Bauhof-Arbeiter werkeln fieberhaft, um den weißen Massen Herr zu werden. Lob und Anerkennung bleiben aus. Im Gegenteil. Sie werden wüst beschimpft.

Landkreis – „Liebe Soldaten, schaufelt Ihr mich bitte frei?“ Mit diesem emotionalen Aufruf auf der Social-Media-Seite facebook hat Margarethe Plechinger viele Menschen bewegt. Die Mittenwalderin war eingeschneit in ihrem Haus am Schmalensee. „Ich benötige Lebensmittel“, schreibt sie. Einen Sack mit Erdäpfeln habe sie noch in der Speis gefunden. „Dann gibt’s halt heute und morgen Kartoffeln“, sagt die 71-Jährige.

Zu alt sei sie mittlerweile, um die zwei Schneefräsen vor dem Haus, in dem sie alleine lebt, zu bedienen. „Bis vor zehn Jahren hab’ ich noch selbst geräumt.“ Derjenige, der ihr sonst im Winter geholfen hat, sei ebenfalls aus Altersgründen nicht mehr dazu fähig. Jetzt sucht sie eine neue Firma, die ihr morgens die Einfahrt frei macht. Nach einem persönlichen Gespräch hat ihr Hermann Baier, der Amtsleiter der Gemeinde Mittenwald, wertvolle Tipps gegeben, an wen sie sich wenden kann. „Ich bedanke mich vielmals dafür“, sagt sie.

Lob ist für die meisten Gemeinde-Mitarbeiter im Landkreis in diesen Tagen selten. Viele Bürger sind uneinsichtig. Sie fräsen den Schnee ihrer privaten Einfahrt auf bereits geräumte öffentliche Straßen. Ein Unding, das den Gemeinden im gesamten Landkreis Schwierigkeiten bereitet, weiß Baier: „Diesen Schnee kriegen wir nicht mehr weg, wenn er festgefahren ist.“ Er vereist und Autos bewegen sich plötzlich wie auf Schienen. Auf der Straße aneinander vorbei zu kommen wird fast unmöglich. „Dann sind die Wege dicht.“

Rettungswege werden mit Schnee zugeschüttet

Dieses Szenario ist auf Rettungswege gar nicht auszudenken. Der Gröblweg ist einer davon. Die Straße hat unter anderem mit die „höchste Priorität in Mittenwald“, versichert Baier. Erst, wenn diese wichtigen Verbindungsstrecken geräumt sind, können die 24 Bauhof-Arbeiter und sieben externen Landwirte, die zur Zeit im Dauereinsatz sind, sich um den zwischengelagerten Schnee im Ortskern kümmern. „Er wird dann weggefräst und in der Ladestraße West deponiert.“

Um allerdings das festgefahrene Eis des Schnees der Anwohner überhaupt von der Straße zu bekommen, muss die Marktgemeinde zu einem unbeliebten Mittel greifen: Streusalz. „Es ist umweltschädlich“, sagt Baier, und würde auch den Straßenbelag angreifen. Eine andere Möglichkeit bleibt zur Zeit aber nicht. Das Streugut verwandelt Eis in Matsch. Viele Bürger würden sich laut Bauhof-Mitarbeitern über dieses unausweichliche Vorgehen aufregen. In ihren Unimogs sind diese wüsten Beschimpfungen ausgesetzt – Vogelzeiger und Scheibenwischer vor dem Gesicht von verständnislosen Passanten inklusive.

„Wir appellieren deshalb an alle Bürger, ihren Schnee nicht auf die Straße zu fräsen und mehr Verständnis für die Bauhof-Mitarbeiter zu zeigen“, sagt Baier und spricht dabei wohl allen Gemeindearbeitern im Landkreis aus der Seele. Denn nur so könnten chaotische Szenen mit festgefahrenen Autos und haarscharfen Ausweichmanövern vermieden werden.

Pyramide in Grainau sorgt für Begeisterung

Des einen Leid, ist des anderen Freud. Olav und Iris Schönberg aus Essen verbringen seit 25 Jahren ihren Urlaub in Grainau. Doch „so einen hohen und besonders geformten Schneeberg gab’s hier noch nie“, sagt Schönberg erfreut. Am Unteren Dorfplatz haben Bauhof-Mitarbeiter die weiße Pracht zu einer kunstvollen Pyramide aufgeschoben.

Außerhalb der Ortschaften sorgt der Schneefall nach wie vor für erhöhte Lawinengefahr. So ist auch heute noch die Bundesstraße 2 zwischen Mittenwald und Scharnitz gesperrt. Die Umleitungsstrecke über Leutasch hat zwar geöffnet, es herrscht allerdings Schneekettenpflicht. „Wir beobachten die Situation vor Ort und bleiben in Kontakt mit den Leutaschern“, sagt Baier. „Es könnte sein, dass wir auch diese Route sperren müssen.“ Zudem wird empfohlen, die Straße 2542 zwischen Mittenwald und Klais über den Schmalensee zu meiden und dafür die Bundesstraße 2 zu nehmen. Ebenfalls dicht ist der Weg zwischen Bad Bayersoien und der Abzweigung nach Kalkofen in beiden Richtungen wegen Schneebruchs. Nicht befahrbar bis heute um etwa 11 Uhr ist zudem die Verbindung zwischen Vorderriß und Wallgau in beiden Richtungen aufgrund von Lawinengefahr. Autofahrer müssen sich bis Freitag, 11. Januar, bis etwa 11 Uhr auf die Straßenöffnung zwischen Jachenau und Lenggries gedulden. Sie ist ebenfalls in beide Richtungen gesperrt. Nichts geht mehr auf der Staatsstraße über die Landesgrenze nach Reutte in Tirol. Dort ist ab Ammerwald beim Plansee die Straße verriegelt. Zwischen Garmisch-Partenkirchen und Reutte in Tirol war bis gestern Abend ein Schienenersatzverkehr im Einsatz, da der Zug nicht gefahren ist. Auch Fußgänger kommen an manchen Wegen nicht durch: So ist der Wanderweg vom oberen Klammeinstieg nach Graseck nicht begehbar.

Freuen dürfen sich hingegen die Wintersportler. Nachdem in den vergangenen Tagen im Alpspitz-Gebiet fleißig gesprengt wurde, haben heute voraussichtlich alle Lifte im Garmisch-Classic-Gebiet geöffnet. „Viel Schnee dürfte nicht mehr nachkommen“, prognostiziert Johannes Burkart, Pressesprecher der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB). Das endgültige Okay gibt allerdings frühmorgens die Lawinenkommission.

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