Wertvolle Kulturlandschaft: der Grüngürtel um Garmisch-Partenkirchen.
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Wertvolle Kulturlandschaft: der Grüngürtel um Garmisch-Partenkirchen.

Sondersitzung des Gemeinderats Garmisch-Partenkirchen geplant

Unesco-Projekt in der Kritik: Angst vor einem Bürokratie-Monster

  • Andreas Seiler
    vonAndreas Seiler
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Der Landkreis möchte nach dem Titel Unesco-Weltkulturerbe greifen. Doch im Hauptort Garmisch-Partenkirchen rumort es. Grundstückseigentümer befürchten Naturschutz-Auflagen und Einschränkungen – eine Sorge, die das Landratsamt für unbegründet hält. Eine Sondersitzung des Gemeinderats soll aufklären und die Gemüter beruhigen.

Garmisch-Partenkirchen – Die Zustimmung Garmisch-Partenkirchens zur Bewerbung des Landkreises um das Prädikat Unesco-Weltkulturerbe schien eine „gmahde Wiesn“ zu sein – eine sichere Sache. Bereits vor über einem Jahr hatte der Gemeinderat den damit verbundenen Zielen zugestimmt. Erst vor knapp zwei Wochen gab der Bau- und Umweltausschuss grünes Licht. Auch aus der Landwirtschaft kamen positive Signale. Mit dem bekannten Siegel, so der Tenor, könne man die kleinbäuerlichen Strukturen in der Region schützen und die Chancen auf staatliche Förderungen erhöhen.

Grundstückseigentümer kommen zu Wort

Doch so einhellig ist die Stimmungslage offenbar nicht. Dies konnte man am Donnerstag kurz vor Beginn der Gemeinderatssitzung, in der das Thema behandelt werden sollte, beobachten. Eigentümer der Wiesen und Flächen, die für das Weltkulturerbe-Gebiet vorgesehen sind, diskutierten vor dem Kongresshaus angestrengt mit Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU). Die Rathauschefin verkündete dann im Festsaal Werdenfels, dass der Punkt vertagt werde. Dies habe der Ältestenrat beschlossen. Am 1. April soll dazu eine Sondersitzung stattfinden. Neben Peter Strohwasser, dem Chef der Unteren Naturschutzbehörde, sollen zwei Sprecher der Betroffenen zu Wort kommen. Viele Grundbesitzer, aber auch Mitglieder des Gemeinderats, fühlten sich nicht ausreichend informiert, begründete Koch diesen Schritt.

Dies bestätigt auch CSU-Sprecher Anton Witting. „Man hat über das Thema nicht viel gehört“, erklärt er auf Tagblatt-Nachfrage. „Es sind gewissen Ängste da, die man ausräumen muss.“

Konkret wird Georg Porer. Der Wallgauer Nebenerwerbslandwirt ist einer der Eigentümer. „Wir sind nicht gefragt worden“, ärgert er sich über das Prozedere. Grundsätzlich sei ja nichts gegen das Unesco-Projekt zu sagen, stellt er klar. Nur sollte jeder frei wählen dürfen, ob seine Wiesen zum Bewerbungsareal – dazu zählen auch große Teile des Grüngürtels um Garmisch-Partenkirchen – gehören sollen oder nicht. „Wer raus will, soll rauskommen“, fordert Porer. Er und seine Mitstreiter hegen die Befürchtung, strenge Naturschutzauflagen aufgebrummt zu bekommen, deren Einhaltung penibel kontrolliert wird.

Es dürfe nicht sein, findet Porer, dass man dann auf einmal bei der Pflege eingeschränkt sei und beispielsweise eine seltene Pflanzenart nicht mehr mähen dürfe. „Wir brauchen nicht noch mehr Bürokratie“, so der gebürtige Partenkirchner. Aber auch Nutzungsfragen spielen bei der Debatte eine Rolle. Seiner Ansicht nach besteht die Gefahr, fährt Porer fort, dass mit dem Label der internationalen Organisation die Entwicklungsmöglichkeiten beschnitten oder ganz verhindert werden. Das Angebot, in einer Sondersitzung der Ortspolitik diese Standpunkte zu vermitteln, werde er auf jeden Fall nutzen.

Grünen-Gemeinderat Dr. Rainer Steinbrecher kann indessen Porers Haltung in der Causa nicht nachvollziehen. „Die Ängste sind komplett unbegründet. Da wird nichts übergestülpt“, betont er. Dies habe das Landratsamt bereits den Grundeigentümern mitgeteilt. Für den Klima-, Umwelt- und Mobilitätsreferenten der Gemeinde steht fest: Das Unesco-Etikett bringt nur Vorteile mit sich. Steinbrecher rechnet unter anderem mit Impulsen für einen nachhaltigen Tourismus.

Grünlandwirtschaft erhalten

Ähnlich klingt das Statement der Kreisbehörde. Durch den Titel Weltkulturerbe entstehe kein neuer oder strengerer Schutzstatus, erklärt Sprecher Wolfgang Rotzsche. Die geltende Rechtslage bleibe unverändert. Es gehe vielmehr darum, das bestehende „Grünlandwirtschaftssystem“ zu erhalten – und zwar in erster Linie durch eine aktive Landwirtschaft. Dies umfasse alle Nutzflächen wie die Almen und Bergwiesen, aber auch die Wirtschaftswiesen im Tal, die Mooswiesen und die Heimweiden. Eine freie Wahl, ob das eigene Flurstück in das Gebiet aufgenommen wird oder nicht, wäre zwar durchaus wünschenswert, sei aber nicht möglich, schränkt Rotzsche ein. Denn: „Es braucht ein schlüssiges Gesamtkonzept und keine zersiedelte Fläche.“

Das Bewerbungsverfahren befindet sich derzeit in den letzten Zügen: Im Mai tagen die Kreisgremien, im Sommer sollen die Unterlagen an die Landesregierung weitergeleitet werden. An Transparenz mangle es nicht, betont Rotzsche – und verweist etwa auf die Homepage des Landkreises (www-lra-gap.de), auf der jede Menge Informationen zu finden sind. Zuletzt hatten Tierschützer die Bewerbung kritisiert, da darin die zeitweise Anbindehaltung von Rindern als Teil des Kulturerbes aufgeführt ist.

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