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Seltenes Exemplar im Landkreis: ein Stieglitz.

Artensterben im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

Vogelschützer schlagen Alarm

Die Langzeitstudie von Dr. Einhard Bezzel belegt: Auch im Landkreis nimmt die Vogel-Population und Artenvielfalt dramatisch ab. Seit 1980 sogar um 36 Prozent. Das größte Problem ist, dass die Tiere kein oder zu wenig Futter finden. Auch Nistplätze sind Mangelware.

Landkreis – Es gibt 210 verschiedene Arten an Vögeln, die regelmäßig in Bayern brüten. 54 Prozent stehen entweder bereits auf der Roten Liste – ihr Bestand gilt als gefährdet – oder sind auf der sogenannten Vorwarnliste vermerkt. Das bedeutet, ihre Art ist noch nicht akut in Gefahr, könnte es aber in absehbarer Zeit sein. Mehr als die Hälfte aller Brutvögel im Freistaat ist demnach früher oder später vom Aussterben bedroht. Eine alarmierende Bilanz.

Die Situation im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sieht nicht besser aus. „Wir haben über ein Drittel unserer Vogelwelt verloren“ sagt Hans-Joachim Fünfstück, Leiter der Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen und Vorsitzender der Regionalgruppe des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Genauer gesagt gibt es 36 Prozent weniger Individuen als noch im Jahr 1980. Das ist das Ergebnis einer von Dr. Einhard Bezzel, Fünfstücks Vorgänger in der staatlichen Einrichtung am Gsteig, herausgegebenen Studie. In dem Untersuchungsgebiet, das sich vom Staffelsee über Garmisch-Partenkirchen bis Krün erstreckt, haben Bezzel, Fünfstück und einige Vogelkundige der Region 1980 und 2013 systematisch Vögel gezählt. „Verlierer sind die Offenlandarten“ erklärt Fünfstück. Vögel, die auf freiem Feld leben, weit entfernt von senkrechten Erhebungen wie Häusern oder Wäldern. 

Die Feldlerche zählt zu den Verlierern

Ein Beispiel ist die Feldlerche. „Vor etwa 30 Jahren hat ihr Gesang am Rande des Orts noch den Frühling angekündigt.“ Eine intensive Grünlandnutzung als Wiese oder Weide nimmt diesen Arten den Platz zum Brüten am Boden. „Sie sind alle ein Opfer der Landwirtschaft.“

Ein Eldorado in Garmisch-Partenkirchen war bisher die brache Fläche am Bahnhof. Dort fanden sich Vögel wie Feldsperling oder Stieglitz gut zurecht. „1980 brüteten in der Region noch 29 Stieglitz-Paare, 2013 waren es noch fünf“, bedauert Bezzel. Samentragende Hochstauden, Distel oder Goldrute, gab es am Bahnhofsareal zu Hauf. „Das war der Naturplatz schlechthin“, sagt Bezzel. Nun entsteht dort ein Wohnbaukomplex. Ein weiterer Verlust für die Vögel, denen dieser Nahrungsplatz nun fehlt.

Der Haussperling ist so ein Fall. Traf man ihn früher noch dutzendweise an, ist er mittlerweile rar geworden. Ortschaften werden auch für diese Art, die den Laien als Spatz bekannt ist, zu einem schwierigen Lebensraum. So auch im Landkreis. „Ab Juni findet der Spatz keine Nahrung mehr“, erklärt der Experte.

Der Futtermangel ist ein Problem. Keine Nistplätze zu finden, ein anderes. Darunter leidet zum Beispiel die Schwalbe. „Aus dem Ortsbild ist sie so gut wie verschwunden“ weiß der ehemalige Leiter der Vogelwarte. Moderne Bauten und vergitterte Dachgiebel verwehren den Mehlschwalben einen Platz für ihr Nest. Erdige Pfützen, aus denen die Vögel ihr Nistmaterial beziehen, sind mittlerweile Rarität in der Marktgemeinde. „Zwei brütende Paare habe ich dieses Jahr noch gezählt“ sagt Fünfstück.

Die Zahlen einiger weniger Arten sind jedoch auch gleichbleibend oder sogar bedingt positiv. Dazu gehören die Haubenmeise, das Rotkehlchen oder der Zilpzalp. Sie haben sich an das veränderte Ortsbild angepasst.

Mehr Unordnung in der Natur

Genau das ist den Ornithologen aber ein Dorn im Auge. Übertriebene Gartenpflege, intensive Nutzung von Grünflächen zum landwirtschaftlichen Anbau, sauber gemähte Rasen in Industriegebieten: Schlichtweg der Verlust an wilder Natur. Im Ort selbst, aber auch auf den Feldern. „Das ist keine Natur mehr, sondern eine Kulturlandschaft“, sagt Bezzel. Alles ist zu aufgeräumt. „Wir brauchen wieder Pfützen, Komposthaufen und naturnahe Vorgärten.“ Solche Maßnahmen sind Gold wert für die Vogelwelt. „Der Natur zu helfen, ist ganz einfach.“ Jeder kann mitmachen. Mehr Interesse des Einzelnen würde sich auch Fünfstück wünschen. In seinen Augen mangelt es an Wissen und Verständnis. „Die Allgemeinheit macht einiges kaputt, ohne sich dessen bewusst zu sein“ ergänzt Bezzel.

Das Murnauer Moos oder die Mittenwalder Buckelwiesen sind Beweise, dass die Öffentlichkeit bereits bemüht ist, die Natur und somit die Vogelwelt im Landkreis zu schützen. Dennoch ist die Lage schlecht. Wenn Fünfstück von den Brutvögeln im Ort spricht, sagt er immer wieder: „Von der Art findet man auch keine mehr.“ Bezzel seinerseits spricht von „unwiderbringlichen Beständen“ einiger Arten im Ortsbereich. „In Richtung Berg in höheren Lagen, ist die Situation etwas besser.“ Wenn auch nicht erfreulich.

Dass das Vogelsterben in den Ortsbereichen des Landkreises eine alarmierende Brisanz bekommen hat, steht außer Frage. Dass sich jedoch etwas ändert, hängt nicht nur vom Einzelnen, sondern auch von den öffentlichen Organen ab. Die Landwirtschaftspolitik müsse andere Wege gehen, fordert Fünfstück. Die Europäische Union Naturschutz und Landwirtschaft in Einklang bringen. Höchste Zeit ist es. „Wir können nicht noch ewig warten.“

Martina Baumeister

Einen Vortrag

zum Thema „Natur in Garmisch-Partenkirchen – was ist noch übrig“ hält Hans-Joachim Fünfstück an diesem Montag um 20 Uhr im Gasthof Schatten in Garmisch-Partenkirchen. Der Eintritt ist frei. Der Referent kartiert und zählt seit Jahrzehnten Vögel. Zudem registriert er Insekten, Amphibien und andere Wildtiere.

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