Treten als Team auf: Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterinnen Elisabeth Koch (r., CSU) und Claudia Zolk (CSB).
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Treten als Team auf: Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterinnen Elisabeth Koch (r., CSU) und Claudia Zolk (CSB).

Ein Jahr im Amt in Garmisch-Partenkirchen: Elisabeth Koch und Claudia Zolk

Zwei Bürgermeisterinnen im Interview - und auf der Suche nach neuen Lösungen

  • Andreas Seiler
    VonAndreas Seiler
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Zwei starke Frauen regieren seit einem Jahr Garmisch-Partenkirchen. Ein Jahr, das im Zeichen von Corona stand. Doch beschäftigen Elisabeth Koch und Claudia Zolk viel mehr Themen. Die zwei Bürgermeisterinnen im Interview.

Garmisch-Partenkirchen – Ziemlich genau ein Jahr ist es nun her, dass Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) und ihre Stellvertreterin Claudia Zolk (CSB) vereidigt wurden. Seitdem treten die 58-jährige Juristin und die 48-jährige Vermögensberaterin wie ein eingespieltes Team auf. Der Auftakt der Wahlperiode war jedoch alles andere als einfach. Denn Corona diktiert seitdem das Geschehen. Dabei mangelt es nicht an anderen Themen, die in dem Tourismusort im Werdenfelser Land anstehen. Im Tagblatt-Interview sprachen die beiden Kommunalpolitikerinnen über die Pandemie, die politischen Herausforderungen und das Klima im Gemeinderat.

Ihr erstes Jahr als Bürgermeisterinnen stand ganz im Zeichen der Pandemie – mit Lockdowns und einem öffentlichen Leben, das kaum stattfand. Hand aufs Herz: Wie coronamüde sind Sie?

Elisabeth Koch: Die Frage stellt sich nicht. Wir sind in die Krise hineingewählt worden. Wir kennen es nicht anders.

Claudia Zolk: Wir sind positive Menschen. Und gehen das auch positiv an. Irgendwann wird alles überstanden sein.

Was war oder ist für Sie die schmerzhafteste Einschränkung?

Koch: Dass es schier unmöglich war, mich persönlich mit Menschen zu treffen.

Zolk: Dass man sich wenig treffen und austauschen kann.

Wie fällt Ihre Bilanz nach dem ersten Jahr in Amt und Würden aus?

Koch: Arbeitsam. Aber ich kenne es nicht anders. Ich habe mein Leben lang gearbeitet. Es war eigentlich klar, dass diese Amtszeit anders wird als alle anderen Amtszeiten zuvor.

Garmisch-Partenkirchen lebt vom Tourismus. Blicken wir in die Glaskugel: Wie wird sich diese Schlüsselbranche nach der Pandemie verändern?

Zolk: Ich glaube nicht, dass sie sich groß verändert. Die Leute wollen halt jetzt wieder raus. Die wollen in die freie Natur. Deshalb haben wir auch eine Naturschutzwacht gegründet, dass das alles ordentlich abläuft.

Koch: Ich glaube, es gibt zwei Aspekte: der Tourismus von uns aus betrachtet und der Tourismus vom Besucher aus betrachtet. Der Trend geht hin zum individuellen Nutzen unseres größten Kapitals, der Natur. Das erfordert aber auch, dass wir diese schützen. Und zwar mit allen Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen.

In der öffentlichen Debatte ist viel von Nachhaltigkeit die Rede. Ist dieser hehre Anspruch in einer stark frequentierten Urlaubs- und Ausflugsregion wie dem Werdenfelser Land nicht reines Wunschdenken?

Koch: Nein, das muss realistisch sein. Unsere Gott begnadete Umgebung ist nicht Disney World, sondern unser Lebensraum, den wir hegen und pflegen. Und zwar nicht nur als Tourismus-Destination, sondern auch für uns, unsere Kinder und Enkel. Diesen Schutzgedanken müssen wir unbedingt unter allen Umständen bewahren.

Die Region und auch Garmisch-Partenkirchen wurden vergangenes Jahr im „Urlaub dohoam“-Sommer regelrecht überrannt von den Tagesausflüglern. Können Sie verstehen, wenn Einheimische sagen: Das kann so nicht weitergehen!

Koch: Natürlich, das geht uns ja auch so. Die Frage ist: Wie schafft man es, dass man eine Wende herbeiführt? Die Wende kann keinesfalls dahingehen, noch mehr Menschen anzuziehen. Die Menschen, die zu uns kommen, müssen unsere Intention, die wir in uns tragen, auch aufnehmen. Dass auch sie diese Wertschätzung an den Tag legen und bereit sind, diese auch zu teilen.

Wie lassen sich die Verkehrs- und Besucherströme besser steuern und die Belastungen reduzieren?

Koch: Ganz klar mit Aufklärung, am besten schon am Luise-Kiesselbach-Platz. Ich glaube nicht, dass eine App alleine das schafft. Hierbei brauchen wir auch Hilfe von Bund und Land. Und: Das müssen wir als Ort vor uns hertragen. Dass wir sagen: Das sind unsere Wiesen, unsere Wälder. Wir sind eine Kulturlandschaft. Bitte schätzt sie – so wie wir es tun.

Eine wichtige Entscheidung des Gemeinderats war die Bewerbung um die Alpine Ski-WM 2027. Was versprechen Sie sich von dieser Leuchtturm-Veranstaltung?

Koch: Leuchtturm-Veranstaltung ist eine Begrifflichkeit, die mir gar nicht liegt. Wir haben jetzt die Chance, dass wir etwas für unseren Ort tun. Wenn’s nach mir geht, dann machen wir eine Retro-WM.

Das heißt?

Koch: Dass wir so wenig Eingriffe in die Natur und Landschaft vornehmen wie möglich – wenn’s nach mir geht: gar keinen!

Zolk: Dass wir das Bestehende nutzen.

Koch: Nicht wieder versiegeln, nicht wieder pflastern, nicht wieder fällen. Wir nehmen das her, was wir haben.

Zolk: Wir haben ja tolle Pisten.

Kritiker halten solch ein Mega-Event mit Verweis auf den Klimawandel für nicht mehr zeitgemäß. Sie sind offenbar anderer Meinung. Warum?

Zolk: Wir haben uns überzeugen lassen. Wir waren am Anfang auch kritisch. Und wir haben Bedingungen gestellt. Ich denke einfach, dass es eine Chance ist, hier etwas zu bewegen. Diese positive Stimmung – und auch bei der Infrastruktur haben wir die Möglichkeit, etwas zu ändern. Das muss man einfach mitnehmen.

Koch: Ich sehe es als ganz große Chance für unseren Ort, dass man Probleme benennt und angeht. Das ist für mich ganz klar die innerörtliche Infrastruktur. Da muss man neue Wege gehen. Unser Tal ist eng begrenzt. Wir werden von zwei Bundesstraßen durchschnitten. Und wir haben drei Ortszugänge. Da muss man zum Beispiel überlegen, ob wir in eine dritte Dimension gehen.

Was meinen Sie damit?

Koch: Das macht man uns andernorts schon vor. Warum sollten wir uns nicht überlegen, ob man über eine örtliche Seilbahn den Verkehr regelt? Das hört sich jetzt wahnsinnig visionär an. In Städten ist das aber die verkehrliche Zukunft. Hier auf der Straße geht nichts mehr – selbst wenn die Tunnels da sind. Ich nehme mir raus, dass ich neue Wege im Denken beschreite, unabhängig von der selbstverständlichen Forderung nach Ertüchtigung des Schienenverkehrs.

Das klingt nach der Wuppertaler Schwebebahn.

Koch: So retro muss es nun auch wieder nicht sein. Es gibt – von Bund und Land geförderte – neue Techniken. Wir sind auch neue Wege gegangen bei der Künstlichen Intelligenz hier in Garmisch-Partenkirchen. Das schreibe ich mir auf meine Fahne, dass in Bälde auf dem Ortsschild „Universitäts-Marktgemeinde“ steht. Wir werden TU-Standort für die Geriatronik, wenn alles gut geht.

Eine große Baustelle ist das Kongresshaus. Was erhoffen Sie sich von dem angestoßenen Bürgerbeteiligungsprozess?

Koch: Neue Gedanken, eine andere Sichtweise.

Zolk: Ein anderes Denken. Was wollen wir von diesem Haus? Wie wollen wir es bespielen? Wie brauchen wir es? Es geht um das ganze Viertel.

Koch: Es geht um eine zukunftsweisende Entscheidung, wie wir diesen Ort betrachten.

Beim Bürgerentscheid 2019 entschied sich die Mehrheit für den Erhalt des Kongresshauses samt Sanierung und Teilneubau. Wieso setzt die Gemeinde diesen Bürgerwillen nicht einfach um?

Koch: Der Bürgerwille ist im Moment noch zu rudimentär. Was genau sollen wir in dieser Riesenbaulichkeit renovieren? Sollen wir die Technik, den Bestand – wenn ja welchen – renovieren? Was sollen wir neu errichten? Daher fragen wir die Bürger: Wie seht Ihr diesen Ortskern mit dem Kurpark und den Verkehrsachsen? Und für was wollen wir das Kongresshaus nutzen? Das wurde nie definiert.

Was ist Ihr Favorit? Der Neubau?

Koch: Ja, das muss ich ganz klar sagen.

Und warum?

Koch: Weil wir so, wie das Kongresshaus sich jetzt darstellt, nicht mehr finanzieren können. Nur einer der Gründe von vielen: Dieser Komplex ist eine CO2-Falle. Wir heizen den ganzen Orbit. Das ist energetisch nicht mehr zu rechtfertigen. Ein weiteres Problem ist, dass die Bedarfe nie gescheit dargestellt und erfragt wurden.

Das Kongresshaus-Projekt kostet auf jeden Fall viel Geld. Und Garmisch-Partenkirchen muss einen gewaltigen Investitionsstau auflösen. Wie wollen sie das alles angesichts knapper Kassen stemmen?

Koch: Man muss unterscheiden zwischen Pflichtaufgaben und freiwilligen Aufgaben, den Zuckerl-Aufgaben. Die Schulen sind Pflicht und haben ganz klar absolute Priorität.

Zolk: Die Schulen sollten endlich auf dem neuesten Stand sein, auch von der Technik her.

Bleiben wir beim Kongresshaus.

Koch: Es stellt sich die Frage: Für was wollen wir dieses Kongresshaus nutzen? Das muss Geld einspielen. Erst wenn ich weiß, wie, auf welche Weise und in welcher Höhe ich damit Geld verdienen kann, kann ich sagen, wie ich es finanziere.

Das kommunale Wohnbauprojekt in Burgrain soll quasi outgesourct werden. Wäre es auch ein Modell für das Kongresshaus, sich einen externen Investor und Betreiber mit ins Boot zu holen?

Koch: Einen externen Betreiber sehe ich nicht. Für was haben wir GaPa Tourismus? Das ist deren Kerngeschäft.

Kommt ein Investor in Frage?

Koch: Natürlich, wir müssen nach allen Seiten denken. Aber dafür müssen wir erst wissen: Wie ist der Finanzbedarf? Meinen Sie allen Ernstes, dass ein Investor in einen sanierungsbedürftigen Bau investieren würde? Wir müssten also die Sanierung aus eigener Tasche finanzieren. Und noch was zur Sanierung: Ich komme aus einem alten Haus, mein Elternhaus steht unter Denkmalschutz. Ich weiß, was es bedeutet, einen Altbau zu sanieren. Das kann ein Fass ohne Boden sein. Wenn Sie einen Ziegel anfassen, fallen Ihnen fünf aus der Mauer. Das muss man miteinpreisen. Ich kann eher einen Neubau definieren und die Kosten eingrenzen.

Kommen wir zum Gemeinderat: Die Stimmung dort ist oft gereizt und konfrontativ. Woran liegt’s?

Zolk: Aber nur im Gemeinderat. In den kleinen Gremien ist es harmonischer.

Koch: Überall da, wo gearbeitet wird, ist es nicht so. Das ist sicherlich abhängig von persönlichen Befindlichkeiten.

Frau Koch, Kritiker werfen Ihnen vor, an der Rolle der Oppositionsführerin festzuhalten und zu wenig zu moderieren. Was sagen Sie dazu?

Koch: Ich glaube, es ist mein Job voranzugehen. Sie sehen an den ausufernden Gemeinderatssitzungen, dass es häufig nur um Selbstdarstellung geht. Und wie soll man Selbstdarstellung moderieren? Wir werden da mit Sicherheit andere Wege gehen müssen.

Wie sollen diese aussehen?

Koch: Wir prüfen eine Redezeit-Beschränkung. Es kann nicht sein, dass zwei, drei Leute zwei Drittel der Redezeit beherrschen. Das geht nicht.

Frau Zolk, es fällt schwer, zwischen dem CSB und der CSU Unterschiede zu erkennen. Ist Ihre Gruppierung ein Auslaufmodell?

Zolk: Das wird sich rausstellen. Ich hoffe nicht.

Ist es eine Option, dass sich das CSB wieder der CSU anschließt? Schließlich ging dieses einst aus der CSU hervor.

Zolk: Das sehe ich nicht so. Wir sind schon eigenständig.

Koch: Das war noch nie ein Thema.

Es gab also keine Anwerbeversuche der CSU?

Koch: Noch nie.

Kehren wir zum Schluss noch mal zur Corona-Krise zurück: Wenn wir alle wieder ein normales Leben haben, auf was freuen Sie sich am meisten?

Koch: Auf persönliche Begegnungen. Ich bin es leid, Menschen meist digital zu treffen. Es geht nichts über ein direktes Zusammenkommen und ein direktes Gespräch.

Zolk: Auf unsere Festzüge. Das fehlt: Ein schönes Dirndl anziehen, mit den Leuten reden und gesellig sein.

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