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Über dem Abgrund: Gut gesichert richten die Arbeiter das neue Tragseil (unten), das mittels einer Muffe mit dem der alten Eibsee-Seilbahn (oben) verbunden ist, ein – und das etwa 1500 Meter über dem bayerischen Schneekar.

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Baustelle Zugspitze: Im Seilzug steckt der Wurm

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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Der erste Spatenstich, der Abbruch der alten Eibsee-Seilbahn, der Bau der neuen Stütze und jetzt der Seilzug – Meilensteine für die neue Bahn auf die Zugspitze. Auf Deutschlands höchstem Berg arbeiten momentan 30 bis 40 Monteure parallel. Ihr gemeinsames Ziel: Die feierliche Eröffnung am 21. Dezember.

Garmisch-Partenkirchen – Einmal nur gibt’s dieses Gerät. Einmal weltweit. Wenn diese Maschine streikt, geht erst einmal nichts. Beim Aufziehen des ersten Tragseils hat der blau lackierte Linearzug genau das gemacht. Nichts ging mehr, und die Monteure des Schweizer Seilbahn-Herstellers Garaventa begaben sich auf Fehlersuche. Möglichst schnell. Der Zeitplan, um die neue Seilbahn Zugspitze zu bauen, ist schließlich eng gestrickt. Pannen sollten vermieden werden. Als sich dann aber noch die Muffe, das Verbindungsstück zwischen dem alten, 47 Millimeter dicken Tragseil und dem neuen, 72 Millimeter dicken, im Wald verhedderte, war klar, dass in diesem Unterfangen der Wurm steckt. Den zu beseitigen hat gedauert. Eine Woche Zeitverlust, das fuchst Martin Hurm. Anmerken lässt sich der zuständige Projektleiter der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB) seine Anspannung nicht. Noch scherzt er mit den Kollegen, noch lacht er. Nur daran, wie schnell er seinen Erdbeerkuchen mit einer Extraportion Sahne vertilgt, lässt sich erahnen, wie sehr ihn das 50-Millionen-Euro-Projekt stresst.

„Jetzt haben wir die absolute Hochphase erreicht“, sagt der 49-Jährige. „An allen Ecken und Enden passiert etwas.“ 30 bis 40 Arbeiter und Monteure sind gerade auf Deutschlands höchster Baustelle aktiv. Stahlbau, Installationen und Seilbahntechnik – alles passiert parallel. Und das unter harten Bedingungen. „In den neuen Bahnsteigen bräuchten wir fast Schlittschuhe“, meint Peter Huber. Über seinen Witz muss der 62-Jährige selber lachen. Der Hintergrund seines Spaßes ist freilich ein ernster: Eis auf knapp 3000 Metern Höhe, Wind und Schneefall erschweren den Neubau.

Das merken auch die drei Monteure, die sich in einen orange-farbenen Korb drängen. Der hängt am Kran, dessen Arm langsam von der Gipfel-Terrasse in Richtung bayerisches Schneekar schwenkt. Wer Höhenangst hat, der ist hier falsch. 1500 Meter über dem Abgrund steigen die Männer aus, wechseln auf eine Montage-Plattform etwa 100 Meter unterhalb des Bahnsteigs. Ihre Aufgabe: das Seil einzurichten. Das geschieht mit Hilfe von Klemmen und Flaschenzügen, um es dann auf die Tragseilpoller zu verlagern.

Den Seilzug nennt Huber „kritisch“. Wird das 150 Tonnen schwere, knapp 4500 Meter lange Seil vom Eibsee aus auf Deutschlands höchsten Berg befördert, „kann viel passieren“. Kräfte von 70 Tonnen wirken darauf ein, die Gefahr, dass etwas beschädigt wird, ist groß. „Bei den Tirolern ist’s passiert“, erinnert sich der BZB-Vorstand. Ein Tragseil fiel 1990 beim Bau der österreichischen Zugspitzbahn zu Boden, war massiv beschädigt und musste ersetzt werden. Die Folge: eine monatelange Verzögerung. Solch ein Szenario wäre Hubers Albtraum. Ihm hat schon das Dilemma mit dem Linearzug am Eibsee gereicht. „Der hat uns ziemlich geärgert.“

Er, Projektleiter Hurm und alle anderen Beteiligten hoffen nun, dass mit den verbleibenden drei Seilen alles glatt geht. Ende September sollen sie an Ort und Stelle sein. „Dann geht’s uns allen besser“, sagt der BZB-Vorstand.

Ehrgeiziger Zeitplan bis zur Eröffnung

Ist das geschafft, haben sie wieder einen Meilenstein auf dem Weg zur neuen Seilbahn Zugspitze gemeistert. Einen von vielen. Für Hurm zählt auch das Einhängen der Kabinen, die künftig bis zu 580 Personen pro Stunde auf knapp 3000 Meter Höhe bringen kann, dazu. Die erste ist bereits fertig, davon hat er sich selbst in der Schweiz überzeugt. Anfang September wird sie angeliefert, ihr Pendant folgt wenige Wochen später. Spätestens Mitte Oktober sollen sie dann hängen. Rechtzeitig zum Probebetrieb. 20 Fahrstunden muss die Anlage laufen, bevor sie die Seilbahnverständigen auf Herz und Nieren prüfen.

Spektakuläre Bilder vom Neubau der Eibsee-Seilbahn auf die Zugspitze

Die Seilbahntechnik ist das eine. Selbstredend das Entscheidende, um am 21. Dezember die ersten Gäste auf die Zugspitze zu befördern. Der Ausbau der Bergstation das andere. „Auch eine Herausforderung“, meint Hurm. „Die müssen wir schließlich wind- und schneefest machen.“ Ihre Form erkennt man mittlerweile klar. Die Stahlkonstruktion steht weitgehend, teilweise hängt auch schon das Glas, durch das die Gäste künftig einen Blick auf die Technik und die umliegenden Gipfel werfen können. Bereits jetzt wissen aber alle Beteiligten, dass der Innenausbau bis zum Eröffnungstag nicht komplett abgeschlossen ist. Auch die Gastronomie nicht, die im Obergeschoss völlig neu angeordnet wird und die großzügige Freiflächen erhält. Die nimmt erst im Sommer 2018 den Betrieb auf.

Bis dahin bleibt’s beim Provisorium. Im abgetrennten Bereich des Gipfel-Restaurants sitzen Hurm und Huber mit Vertretern der einzelnen Gewerke zur Baubesprechung. Auch da steht der eng gestrickte Zeitplan im Fokus. Was beim Stahlbau möglich war, nämlich drei Wochen Nachtschicht einzulegen, ist bei den Arbeiten am Seil nicht drin. Wer 1500 Meter über dem Abgrund schwebt, braucht Tageslicht.

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