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Tibetische Gebetsfahnen und das Wettersteingebirge: Die 1912 erbaute Reintalangerhütte liegt zwischen Zugspitze und Alpspitze.

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Hüttenwirte sagen: „Die Erwartung an eine Berghütte ist zu groß“

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Die Reintalangerhütte im Wettersteingebirge ist ein besonders schönes Haus. Was Bitcoins, Latte Macchiato und ein Metzgermeister mit der Hütte zu tun haben.

Garmisch-Partenkirchen – Charly Wehrle, 69, steht mit seinen Wanderschuhen im Matsch. Es regnet, seine weiß-grauen Haare wehen langsam im Wind. Auf einem Wanderweg am Wank in Garmisch-Partenkirchen diskutiert er mit Stephanie Stimmer über die gewaltige Reintalangerhütte am Berg gegenüber, am Fuße der Zugspitze. Seine silbernen Wanderstöcke stampft er in den feuchten Boden. „Das Konsumverhalten der Bergtouristen muss aufhören“, schimpft er. Früher, sagt er, haben sich die Gäste mit weniger zufrieden gegeben.

Charly Wehrle war 24 Sommer lang auf der Hütte

Charly Wehrle, eigentlich Metzgermeister, ist Hüttenwirt. Genau wie Stephanie Stimmer, 51. Sie bewirtschaftet die Reintalangerhütte seit drei Jahren. Charly Wehrle hatte sie davor. 24 Sommer lang. Heute machen wir mit den beiden eine kleine Tour zur Tannenhütte auf den Wank, die 1912 erbaute Reintalangerhütte ist noch nicht offen. Die Saison beginnt erst am 25. Mai.

Charly Wehrle ist in Garmisch-Partenkirchen eine Institution. Stuiben- und Oberreintalhütte bewirtschaftete er. Von 1986 bis 2009 war er Pächter der mächtigen Reintalangerhütte. „So lang wie niemand“, sagt Wehrle. Seit einigen Jahren bewirtet der Allgäuer Berggäste auf der Frederick-Simms-Hütte in den Lechtaler Alpen in Österreich.

Neben ihm steht Stephanie Stimmer. Eine große Frau, lange braune Haare, sympathisches Lächeln, Werdenfelser Dialekt. Seit 2016 ist sie Pächterin der Reintalangerhütte. Davor war sie eine Hüttenfremde, ohne jede Erfahrung. Mit ihrem Mann Michael führte sie davor einen Gemüse- und Obsthandel in Garmisch-Partenkirchen, der auch die Hütten von Wehrle belieferte. So lernten sich die beiden Hüttenwirte kennen.

Stephanie Stimmer und Charly Wehrle diskutieren bei Kaffee und Bier über Bergtouristen und E-Bikes.

E-Bikes – ja oder nein?

Stimmer und Wehrle sind zwei aus gleichem Holz, trotzdem verschieden. Die Gretchenfrage der Bergszene zeigt das. E-Bikes – ja oder nein? Charly Wehrle wird wütend, wenn er nur an die Elektro-Radl denkt. Er findet: Wer keine Erfahrung in den Bergen hat, der hat in den Alpen nichts zu suchen. Ladestationen auf Berghütten? „So ein Quatsch“, sagt er.

Stimmer tickt etwas anders. „Klar, E-Bikes werden auf der Reintalangerhütte immer mehr“, sagt sie. Für die Partenkirchenerin ist das aber in Ordnung. Ist doch schön, dass viele ältere und körperlich schwächere Menschen in den Bergen unterwegs sein können, sagt sie und schaut auf einen kleinen Wasserfall neben dem Weg.

Über 10 000 Übernachtungen 

Der Ansturm auf ihre Hütte ist schon gewaltig, sagt Stimmer. Ein Drittel mehr Bergtouristen als noch 2016 habe sie. Jährlich kommen über 10 000 Übernachtungen zusammen. Zu Wehrles besten Zeiten waren es 8500. Auch das war für die Reintalangerhütte schon Rekord: Als der Kultwirt die Hütte übernahm, waren es nicht mal 3000 Übernachtungen.

Nur 13 Wirte haben sich 1986 um die Hütte beworben, erzählt er. Als sich 2016 die Hüttenneulinge Stephanie und Michael Stimmer um die Hütte bemüht haben, waren es über 100 Bewerber. „Auf einen Hüttenwirt kommt heutzutage eine enorme Verwaltungslawine zu“, sagt Wehrle. Er erzählt von Hygienerichtlinien, Küchenvorschriften und Personalverwaltung. „Jede Stunde eines Minijobbers muss ich dokumentieren“, sagt Stimmer. Das ist auf 1369 Höhenmetern nicht anders als im Tal. Die Hütte selbst hat sich in all den Jahren nicht verändert. Mit Stimmer ist lediglich ein neuer Heißluftofen in die Küche gekommen sowie ein elektronisches Kassensystem. Stift und Zettel für Bedienungen wie bei Wehrle gibt es nicht mehr. Apropos Küche: Ein paar Speisen mehr sind’s schon geworden, seit Stimmer die Reintalangerhütte übernommen hat. „Bei mir gab’s früher nur Kasseler mit Kraut, Leberkäs, Nudeln und ab und zu Braten“, sagt Wehrle. Inzwischen gibt es auf der Reintalangerhütte sogar Kaspressknödel. „Wahnsinnig viel Arbeit“, sagt Wehrle.

Die Gäste erwarten immer mehr

Die Gäste erwarten immer mehr, sagen beide Wirte. Mit Kaffee geben sich viele Besucher nicht mehr zufrieden. Es soll dann mindestens schon Cappuccino, Latte Macchiato oder Eiskaffee sein. „Viele Gäste fordern zu viel“, sagt die Hüttenchefin. Nicht nur kulinarisch. Durchgehend warmes Wasser, Strom für Smartphones, Müllentsorgung: „Die Erwartung an eine Berghütte ist zu groß“, sagt Stimmer. Ein Riesenproblem ist der Plastikmüll. „Keiner versteht, dass wir den Müll mit dem Helikopter ins Tal fliegen müssen.“ Sogar in den Ritzen im Holz der Bänke verstecken einige Besucher ihren Müll.

Zusammen sind sie stark: Stephanie Stimmers Kinder helfen auf der Reintalangerhütte mit.

Gäste regen sich über Hütte auf

Ein kurzer Blick in Online-Foren zeigt, was die Hüttenwirte mit den Erwartungen der Gäste meinen: „kein Spiegel“, „keinen Kaiserschmarren“, „Auswahl an Speisen sehr gering“, „Schlafplätze finde ich zu eng“. Nichts, worüber sich manche Gäste der Reintalanger nicht aufregen.

Auch Stimmer kann viele Geschichten erzählen. Gäste, die mit Karte zahlen möchten, nach Zigarettenautomaten fragen oder sogar mit Bitcoins die Bierrechnung zu begleichen versuchen. „Einer hat tatsächlich mal gefragt“, sagt sie, „ob es eine Tankstelle in der Nähe gebe, um Bargeld abzuheben.“

Stimmers Mann starb bei einem Bergunfall

Die beiden Hüttenwirte erreichen die neue Tannenhütte, die erst letztes Jahr eröffnet wurde. Unter einem Regenschirm nehmen sie auf der Terrasse Platz. „Nach dieser Saison höre ich mit der Hütte auf“, sagt Stimmer. Für sie alleine sei die Verantwortung zu groß. Im vergangenen Jahr starb ihr Mann bei einem tragischen Bergunfall in der Nähe der Reintalangerhütte. „Viel zu früh ist der Michi von uns gegangen“, sagt Wehrle.

Alpenverein wird 150 Jahre alt

Die Mitarbeiter, teilweise noch aus Wehrles Zeiten, waren wie Familie für Stimmer. Sie haben ihr geholfen, weiterzumachen. „Das ist, was die Hütte ausmacht“, sagt die Hütten-Chefin. „Dieser Zusammenhalt, diese Energie.“ Charly Wehrle hat die Reintalangerhütte vor 33 Jahren mit der familiären Atmosphäre geprägt, sagt Stimmer. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn sich auch sonst viel geändert hat.

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